Von Catrin Lorch
27. Februar 2006 Das anonyme Beschädigen von Plakatwänden und die Entwendung von zerrissenen Plakatflächen, nannte es die Polizei. Der Künstler Jacques de La Villeglé verstand seine Technik als symbolisch ausgetragenen politischen Kampf. Ungeklärt ist, ob der Nouveau Réalisme, auf den sich eine Gruppe junger Künstler im Jahr 1960 mit einem Manifest in der Wohnung von Yves Klein eingeschworen hatte, als Skandal am Ende die Werbetreibenden oder eher das Kunstpublikum herausforderte. Oder vielleicht war doch die amerikanische Pop-art gemeint. Jedenfalls gelangten ihre Trophäen ins Museum, und die Kunstgeschichte prägte den Terminus Décollage.
Eine Ausstellung in der Kölner Galerie Reckermann zeigt unter dem Titel Deux Amis die Arbeit von zwei Freunden - Jacques Villeglé und François Dufrêne - als Gegenüberstellung. Während der poetische Villeglé, der am 27. März seinen achtzigsten Geburtstag feiert, virtuos Buchstaben und Begriffe der Werbung und politischen Propaganda dekonstruiert, sucht Dufrêne, der die vorsichtig gehäutete Plakatwand von ihrer Rückseite zeigt, nach Farbnuancen und Tönungen, die er schabend und schneidend Schicht für Schicht freilegt.
Er akzentuiert das Zufällige und Unvorhersehbare - und unversehens fühlt man sich von dem mehr als eineinhalb Meter breiten Au 136 du Boulevard St-Germain, zone bleue von 1966 an lichthelle Ausblicke und Panoramen erinnert: Als schaue man durch die ehemalige Plakatwand wie durch ein Fenster (103 000 Euro). Umgekehrt fallen der blonden Schönen, die Jacques de La Villeglé in der Rue de Venise, 13. Mars 1965 entblätterte, die Fetzen neongelber Reklame vor das sanfte Lächeln wie ein Vorhang (17 500 Euro).
Wenn Jacques Villeglé in einem Hinterhof ein seit dreißig Jahren rottendes Anschlagbrett entdeckt, dann entstehen daraus so anrührende Arbeiten wie Nice Raspail: dickschuppig wie aufgeplatztes Pappmaché klafft über einem ausgeblichenen Blau eine Schicht fahler, längst vergessener Anschläge.
Die zerrissenen und zerklüfteten Arbeiten wirken dennoch unerwartet frisch. Vielleicht hat das auch damit zu tun, daß die zeitgenössische Malerei - wie die des jung verstorbenen Michel Majerus oder von Albert Oehlen - die Struktur der Gemälde als Pixel-Mosaik am Computer entwirft, in dem das Treibgut der zeitgenössischen Bilderflut unterschiedslos und ohne Rücksicht auf Proportionen und Perspektiven zu strudelnden Bildflächen zusammengespült wird.
Die ästhetische Präzision der jahrzehntealten Zerreißproben wird im Vergleich mit dieser jüngsten Generation sichtbar - und ihre aktionistische Artistik an der authentischen Plakatwand wirkt vor diesem Hintergrund noch atemberaubender.
Bis 20. April
Text: F.A.Z., 25. Februar 2006
Bildmaterial: Galerie Reckermann