Gegenwartskunst

Schneeskulpturen und Fontänen

Von Jörn Ebner, London

05. November 2006 Vor acht Jahren präsentierte sich Anthony Wilkinson als erster Galerist in einem Lagerraum an der Vyner Street, bezog jedoch bald darauf nur einen kurzen Fußweg entfernt Quartier. Seither eröffnen hier in regelmäßigen Abständen neue Kunsträume; so wandelt sich die kurze Straße zu einer Art Cork Street des Londoner East End. Allein die Fensterfronten fehlen, so daß unbedarfte Besucher die Umgebung für eine traurige Büro- und Lagerlandschaft halten könnten.

In einer dieser nun ausgemalten kleinen Lagerhallen zeigt die Galerie Modern Art die junge britische Künstlerin Katy Moran. In freundlicher Reihe hängen kleinformatige Leinwände (je 4500 Pfund), auf denen gestische Farbfelder übereinanderschwappen. Die Palette erinnert an Alte Meister: Dies hier mag ein Fürst vor seinem Land sein, jenes ist ein Stilleben mit Federvieh. Satt taucht die Künstlerin ihre Pinsel in die Acrylfarben und trägt diese pastos auf die Leinwand.

Erahnte Figuren

Moran gibt ihren Arbeiten Titel, die eine direkte Umsetzung von Wahrgenommenem zu Bildgewordenem andeuten. „Then there were Three“ etwa mag zwar nach drei Männern im Boot klingen, auf die Leinwand aber ist weiße Farbe über dunkle grünlich-braune Farben zu einer einzigen, dominierenden Acryl-Akkumulation getupft und gezogen worden. Eine Figur ist zu erahnen, deren Rock vielleicht durch den Regen weht. Die 1975 geborene Katy Moran war jetzt in der alljährlichen britischen Nachwuchsausstellung „New Contemporaries“ zu entdecken. (Bis 18. November.)

Jener dichten und dennoch wenig eindeutigen Verknüpfung zwischen malerischem Verfahren, historischer Vorlage und zeitgenössischer Wahrnehmung, die Morans Bilder auszeichnet, steht die poetische und assoziative Malerei von Phoebe Unwin in der Wilkinson Gallery gegenüber: Die 1979 in Cambridge geborene Künstlerin beginnt ihren Arbeitsprozeß mit Büchern, in denen sie mittels deckender Farben und dünn darübergepinselter Formen naive Beobachtungen festhält.

Naive Darstellung romantischer Situationen

Für die Ausstellung hat sie die Bilder aus dem Buch herausgetrennt und zu einem Ensemble in einzelnen Rahmen unter dem Titel „The Grand and The Common Place“ zusammengestellt (12.000 Pfund). Hier ein Sternenhimmel, dort einfache Farbfelder mit dem Charme von Kinderbuchillustrationen, die sich zu einer Art verträumtem Universum zusammenfügen. In weiteren Räumen sind Gemälde der Künstlerin zu sehen (je 750 Pfund), die jedoch weniger illustrativ angelegt sind.

Hier ist die Malerei vornehmlich eine figürlich-naive Darstellung romantischer Situationen: Bilder mit den Titeln „Blushing in the Dark“, „Sculpture in the Snow“, Bilder mit einer einzelnen, flächig-detailarmen Figur vor dunklem, dicht aufgetragenem Hintergrund. Unwin hat im vergangenen Jahr ihr Studium an der alteingesessenen Slade School in London abgeschlossen. (Bis 12. November.)

Spuckende Brunnen

Einen nur wenig längeren Fußweg entfernt, jenseits der Bethnal Green U-Bahnstation, ist die Poesie weniger mädchenzimmerhaft. Eher latrinenhumoristisch läßt Klaus Weber in der Galerie Herald Street Steine spucken; „The Big Giving (Small Group)“ (65.000 Pfund) ist eine Art Brunnen: Fünf Figuren - der Künstler und vier seiner Freunde mit naturalistisch geformten Köpfen und Torsen und groben vulkanischen Körpern - speien Wasser aus Mund und Achseln, weinen und pinkeln auf Gehwegplatten, wo sich sachte Pfützen bilden.

Der starke Kontrast zwischen traditioneller, skulpturaler Formgebung und den erhaltenen natürlichen Gesteinsformationen fügt sich zu einem Gebilde, das zur Reflexion über körperliche Befindlichkeiten einlädt: Ist es ein privates Leiden, wenn ein Mensch weint, das Sichübergeben aber eine öffentliche Angelegenheit? Die Ausstellung in der Galerie zum einen, die Andeutung eines öffentlichen Raums durch die Gehwegplatten zum anderen heben eine eindeutige Zuordnung auf.

Der Titel der Arbeit, der sich vom nordamerikanischen Indianerritual „Potlatch“ herleitet, bei dem das Prestige des Gastgebers mit dem Ausmaß des Gebens wächst, bezieht sich auch auf das Thema des Verhaltens in der Öffentlichkeit und des damit verbundenen Status einer Person; der wiederum wird in „The Big Giving“ durch die eher erniedrigenden Umstände der Personen unterlaufen. Lebensgroß beugen sich die Figuren oder kauern eingebettet im Lavagestein. In früheren Arbeiten hat Klaus Weber diesen Realitätsbezug noch stärker betont, indem er 2002 einen Autounfall fingierte: Er ließ ein Auto gegen einen Hydranten in Los Angeles fahren und stellte dies auch als Art Brunnen aus - damals jedoch als aufwärtsschießende Fontäne. (Bis 26. November.)



Text: F.A.Z., 04.11.2006, Nr. 257 / Seite 52
Bildmaterial: Gallery Wilkinson, London, Herald St, London, Katy Moran/Stuart Shave Modern Art, Wilkinson Gallery, London

 
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