Von Catrin Lorch
29. März 2006 Das Wiesel krümmt sich fröstelnd, sein Körper gleicht einer mumifizierten Wurst, ledergelb die kahle Haut. Daneben ist ein blasig algenüberwucherter Latex-Arm aufgesockelt. Fleckig, und vom Haarausfall gepeinigt sind die Arbeiten von Mark Dion abgeschrieben, ausgemusterte Artefakte, nicht mehr wert, den Titel Frankenstein in the Age of Biotechnology zu tragen. Die Vogelfalle von Andreas Slominski ist verrostet, grisseliger Pilz überzieht den Kunststoff: Die Arbeit stand zu lange im Keller. Der eingerissene Magnetbandfetzen ragt aus der Videokassette, ebenfalls irreparabel, Marcel Odenbach erinnert sich heute selbst nicht mehr, was er da aufnahm.
Totalschaden heißt eine Ausstellung des Bonner Kunstvereins, für die allein Kunst ausgewählt wurde, die so beschädigt ist, daß Versicherungen sie bereits als Totalschaden eingeschätzt und beglichen haben. Der Künstler Gregor Schneider wollte sich schon seit Jahren mit dieser Frage befassen, seit er einen Sammler besucht hat, der in seinen Räumen eine Kollektion ausschließlich beschädigter Kunst pflegte: von Beuys bis Warhol, Baumgarten und Rückriem, alles kaputt. Gregor Schneider spürte, daß hier einer bewahren wollte, was offiziell nicht zu retten war. Gleichzeitig stellte er die Frage, was mit Totalschäden langfristig geschieht. Bis zu siebzig Jahren, nach seinem Tod ist der Künstler davor geschützt, daß seine Werke in verstümmeltem Zustand gezeigt und gehandelt werden. Doch was geschieht dann?
In diesem Winter war der Zeitpunkt da, denn im Ausstellungsprogramm des Bonner Kunstvereins klaffte eine Lücke - die für dieses Frühjahr geplante, dringend nötige Sanierung des Hauses wurde verschoben, und Direktorin Christina Végh hatte für diese Zeit kein Budget. Mehr als sechzig Künstler folgten Schneiders Aufruf und stellten für Totalschaden Werke zur Verfügung.
Vom Gabelstapler überrollt
Verstümmelte Werke in kaputten Räumen - keine schöne Vision. Doch legte man in Bonn keinen Friedhof der Kunst an, eher ein Lazarett unterschiedlich Versehrter. Juristisch gesehen, bezeichnet der Begriff Totalschaden die Abwesenheit von Kunst, sagt Gregor Schneider. Deswegen können wir die Arbeiten auch nicht mit den üblichen Hinweisschildern betiteln. Die Besucher bekommen am Eingang einen Lageplan und eine Liste, auf der Werk und Schaden akribisch angegeben sind - die Künstler schildern knapp, häufig nicht ohne Humor, was ihren Arbeiten widerfuhr.
Vergilbt, kommentiert Gregor Schneider sein eigenes Foto, über das Breitwandgemälde Astronauten von Corinne Wasmuth triefen Schlieren, Wasser, das den Brand des Museums Hamburger Bahnhof löschte. Dramatischer ist die Geschichte Shamsudin Achmadows: Die Leinwand Spuren stand auf der Staffelei, als sein Atelier in Grosnyj während des ersten Tschetschenien-Kriegs beschossen wurde, Splitter beschädigten das Bild. Es war Zufall, daß ich gerade nicht im Atelier war und an der Arbeit malte, sonst wäre ich wohl tödlich getroffen worden. Einem Angriff fiel auch der Unterleib der Pornodarstellerin zum Opfer, die Thomas Ruff aus dem Internet erlöst hatte, um ihre Hüften als vernebelte Fotografie hinter Glas zu präsentieren. Der Messerstich hinterließ einen scharfgezackten Sprung auf der Haut der Foto-Oberfläche.
Verschmutzt, verkratzt, verknickt kehren die Kunstwerke aus Ausstellungen zurück. Von einem Kinderwagen touchiert, steht die aus einst makellos rauchigem Plexiglas geformte Skulptur von Thomas Rentmeister nun angeschrammt in einer Ecke; ein Gabelstapler rollte während des Aufbaus über die Konstruktion, die Dirk Skreber auf dem Boden abgelegt hatte. Die Arbeit von Johannes Wohnseifer ging verloren - die seiner Kölner Kollegin Thea Djodjadze angeblich auch, schlimmer war, daß sie nach Tagen zerdrückt im Kofferraum eines Autos auftauchte.
Schadensgalerie zu Anschauungszwecken
Die Schäden erzählen auch vom Leben der Kunst jenseits des Ausstellungsbetriebes. Das Selbstportrait Jan Stiedings ist nur noch als Ausschnitt vorhanden. Er hatte das Bild seiner Freundin geschenkt, die nach heftigem Streit das Bild irgendwann nicht mehr ertragen konnte. Sie hat es abgespannt und lediglich die Nase zur Erinnerung behalten.
Doch was ist kaputt? Gregor Schneider kann die Empfindlichkeit von Frances Scholz kaum nachvollziehen, sie sieht die Perfektion ihres Siebdrucks auf Aluminium durch fast unsichtbare Dellen zerstört. Stefan Horsthemke von der Kunstversicherung Axa Art aus Köln versucht in solchen Fällen mit Kunden und Künstlern den Schaden zu ermitteln. Vor allem die Künstler möchten oft verhindern, daß die beschädigten Werke gehandelt oder ausgestellt werden. Eine Arbeit von Agnes Martin ist auch mit einer winzigen Beschädigung verloren - ein Altmeistergemälde würde man als restaurierbar einstufen. Ist die Versicherungssumme gezahlt, gehört das deklassierte Kunstwerk der Versicherung, die eine Schadensgalerie eingerichtet hat, zu Anschauungszwecken.
Um das - häufig unwiederbringlich - Zerstörte entsteht eine Aura, der Verlust sensibilisiert das Sehen. Der Schimmel, der Walter Dahns Siebdruck Anne Frank wehrt sich überzieht, perforiert die Temperafarbe mit sanften Kontrasten, wieviel Zufall war bei der Bildfindung schon intendiert, bevor Pilzsporen ans Werk gingen? Fast verbieten sich profane Fragestellungen, dennoch: Man würde schon gern wissen, wieviel vernichteter Wert sich in der maroden Halle aufaddieren läßt - die Ausstellung selbst war schon deshalb preiswert, weil kaum Kosten für Transport und Kunstspediteure anfielen. Pippilotti Rist teilte mit, daß sie ihren Beitrag einfach als Postpaket aufgebe - ein paar Kratzer mehr wären ja ganz im Sinne des Konzepts.
Bis 23. April.
Text: F.A.S., 26. März 2006
Bildmaterial: Bonner Kunstverein
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