Neue Kunstmesse

Asiatisches Fieber im Stalin-Tempel

Von Sandra Kegel

Der Veranstaltungsort der Kunstmesse ShContemporary: Ein architektonisches Geschenk von Stalin zwischen Wolkenkratzern

Der Veranstaltungsort der Kunstmesse ShContemporary: Ein architektonisches Geschenk von Stalin zwischen Wolkenkratzern

09. September 2007 Von Schanghai lernen heißt schneller werden. Ungestüm wächst die Zwanzig-Millionen-Stadt in die Höhe und in die Zukunft. Wo vor fünfzehn Jahren Sumpfland war, kreuzen sich heute sechsspurige Autobahnen, winden Brücken und Tunnel sich um dreitausend Hochhäuser. Die in Stein und Glas gehauene Hypermoderne steht dabei in seltsamem Kontrast zum Ausstellungsort der ersten internationalen Messe für zeitgenössische Kunst in China, die derzeit im Shanghai Exhibition Center stattfindet: Der monumentale Bau der späten vierziger Jahre war ein Geschenk Stalins an Mao Tse-tung.

Mao ist allgegenwärtig

Auch in den hohen Hallen der Trutzburg ist, in weißen Kojen der 130 Galeristen, der Despot in großen und kleinen, zynischen und harmlosen, bunten und farblosen Porträts allgegenwärtig. „Wir haben es Warhol zu verdanken, dass Mao heute eine Ikone ist“, sagt sibyllinisch die Schanghaier Galeristin Pearl Lam, die unter anderem mit den eisernen Skulpturen Pierre Marie Lejeunes (330.000 Renminbi, das sind rund 32.000 Euro) auf der Messe vertreten ist. Die Schau, glaubt sie, habe das Potential, den asiatischen und amerikanisch-europäischen Kunstmarkt zu einen: „Der Austausch funktioniert, und warum soll es immer nur um Autos und Atomfabriken gehen?“, findet auch der Kölner Galerist Christian Nagel, der ein west-östliches Sortiment aus Deutschland mitgebracht hat.

Rasante Entwicklung des chinesischen Kunstmarktes

Ai Weiweis Installation mit symbolischen Kohlesteinen lädt bei der Galerie Urs Meile zur Reflexion über Rohstoffe ein (160.000 Euro).

Ai Weiweis Installation mit symbolischen Kohlesteinen lädt bei der Galerie Urs Meile zur Reflexion über Rohstoffe ein (160.000 Euro).

Kaum ein Bereich ist zuletzt so schnell erfolgreich gewesen wie die chinesische Gegenwartskunst. Begonnen hat es 1999 mit Harald Szeemanns China-Schwerpunkt auf der Biennale in Venedig. Seither ist „Made in China“ ein Versprechen, das auf internationalen Auktionen die Preise in die Höhe schnellen lässt. Seit 2004 haben Sotheby's und Christie's ihre Umsätze mit chinesischer Gegenwartskunst verzehnfacht. Für eine Verkaufsschau in China, wie sie die Schweizer Lorenzo Rudolf und Pierre Hubert jetzt hier stemmen, war es also nur eine Frage der Zeit.

Propaganda als Vorlage

Schon in der Eingangshalle erwarten die Besucher, die bei der Vernissage zu zwei Dritteln aus dem Westen stammten, kapitale Werke: ShanghART präsentiert Wang Guangyi mit einer neuen Serie seiner „Aesthetics of Cold War“. Der 1956 geborene Polit-Pop-Künstler gehört, wie die Schlüsselfigur des „Zynischen Realismus“ Yue Min Jun, der mit seinen lachenden Chinesen für 1,2 Millionen Dollar bei Alexander Ochs/White Space hängt, zu den Stars der Szene. In der zehnteiligen Serie, die um eine Million Dollar kostet, hat Guangyi Propagandaschriften der Kulturrevolution extrem vergrößert und mit roten Rastern in barocken Rahmen versehen.

Zensur in Einzelfällen

Der Schweizer ShanghART-Inhaber Lorenz Helbling war vor zehn Jahren der erste Galerist in Schanghai. Selbst in Peking gab es 1997 nur eine Galerie; heute sind es mehr als vierhundert, darunter Alexander Ochs und demnächst Michael Schultz, beide Berlin. In der Koje von Urs Meile, Luzern/Peking, findet sich ein Land-Art-Werk des Documenta-12-Künstlers Ai Weiwei. Die Installation aus 176 Kohlesteinen, die, aus lackiertem Fiberglas gefertigt, eine kreisförmige Formation bilden, steht im Kontext von Umweltzerstörung, versiegenden Ressourcen, aber auch der - offiziell verschwiegenen - Tatsache, dass jedes Jahr Tausende Bergwerkarbeiter in China ums Leben kommen (160.000 Euro). Während Ai Weiwei mit diesem Werk keinen Anstoß erregt, hat die staatliche Zensurbehörde dem Galeristen Meile verboten, den Künstler Wang Xingwei zu zeigen: Seine Werke handeln von der jüngeren chinesischen Geschichte. Der Charme des Verbots sorgte dafür, dass am ersten Messetag alle Werke für je 60.000 Euro verkauft waren.

Verkaufserfolg mit Richter und Warhol

In Schanghai vertreten sind auch wichtige New Yorker Galerien wie Marlborough oder James Cohan: Bei Cohan verkaufte sich am Eröffnungstag Paiks Videoskulptur von 1994 für 450.000 Dollar sowie ein mediales Triptychon von Bill Viola für 220.000 Dollar. Andere renommierte Händler fehlen in Schanghai oder sind, wie der Galerist Iwan Wirth, hier, um die Messe zu begutachten und die Lage zu sondieren. Forsblom aus Helsinki bekennt, das Programm nicht speziell auf China ausgerichtet zu haben: Von Polkes Gouache eines Liebespaars aus dem Jahr 1973 (20.000 Euro) bis zu Baselitz' „Boten“ von 1984 (900.000 Euro) bleibt man hier auf dem vertrauten Kurs. Tanit aus München oder Arndt & Partner aus Berlin haben dagegen ihre Werke bewusst ausgewählt - aus Rücksicht auf die Zensur und den chinesischen Geschmack. Während man bei Hans Mayer aus Düsseldorf von „Aufbruch“ spricht - Richter und Warhol sind dort schon verkauft -, tut man sich andernorts schwer, den chinesischen Sammler, dieses „rätselhafte Wesen“, zu ergründen. Die Post-Mao-Kunst, so viel scheint klar, ist figürlich, realistisch und erzählerisch; die Themen sind global - Industrie und Natur, Individualität und Masse -, und stets vermisst man die Zentralperspektive.

Hohe Luxussteuer auf Kunstkäufe

Als ein Problem der Messe, die einen respektablen Start hingelegt hat, könnte sich die Luxussteuer erweisen, die in China Kunstkäufe mit dreißig Prozent belastet. Bei dem Berliner Galeristen Alexander Ochs sitzt gerade der chinesische Popstar Lin Yi Lun in der Koje, umgeben von weiblichen Fans, die ihn fortwährend fotografieren. Der Sänger aber hat sein Herz an die Wildgänse von Fang Lijun verloren und will, Luxussteuer hin oder her, das hochpreisige, dreizehn Meter breite Panorama des jungen Meisters kaufen.

Bis 9. September im Shanghai Exhibition Center; Eintritt 6, Katalog 20 Euro.



Text: F.A.Z., 08.09.2007, Nr. 209 / Seite 43
Bildmaterial: Art&Public, Juliette McCawley, Yun-Fei Ji/James Cohan Gallery

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