Von Swantje Karich
25. April 2007 Vierzig Jahre versammelte man sich zur Art Cologne in gediegener Herbststimmung, im Rücken bereits ein langes Messejahr - jetzt ist der Frühling da und mit ihm zum ersten Mal der Kölner Kunstmarkt in seinem neuen Gut-Wetter-Gewand. Und in diesem sanftmütigen Frühjahrslicht wirkt die Traditionsmesse doch deutlich leichtfüßiger als im vergangenen November: Offenbar funktioniert jedenfalls die ureigene Bestimmung einer jeden Kunstmesse, die des Verkaufs von Kunstwerken. Und so lässt sich in manchen Ständen Unerwartetes finden, lassen sich neue Talente entdecken und verborgene Schätze heben: Rund 190 Galerien verteilen sich über die zwei Hallen, eingeteilt in die Kategorien New Talents für die Künstler, New Contemporaries für die hoffnungsvollen Galeristen und Hidden Treasures für etablierte Künstler, denen mit ihrem Auftritt in Köln zu neuer Vitalität auf dem Kunstmarkt verholfen werden soll.
Im Erdgeschoss hat die Klassische Moderne wieder an Boden gewonnen. Die Gänge wirken weniger behängt, wodurch die Werke freier zu betrachten sind: Schlichtenmaier, Ludorff, Henze & Ketterer, Maulberger und Utermann gaben sich in dieser Besetzung schon auf der Art Karlsruhe ein Stelldichein. Bei Fischer aus Berlin lässt sich ein Selbstporträt von Carl Hofer finden. Das 91 mal 71 Zentimeter große Gemälde zeigt den Maler, sein Kinn hat er nachdenklich in die Hand gestützt (125.000 Euro); das Bild ist signiert, aber nicht datiert. Verspielt und ganz und gar fröhlicher Natur ist eine kleine Arbeit Für Toto von Horst Antes aus dem Jahr 1973. Aus Federn, Holz, Klebemasse und Glasperlen ist der für den Künstler charakteristische Kopffüßler zusammengebastelt - bei Rieder aus München für 14.000 Euro.
Barbiés grandioses Debut
Aus Barcelona ist Manuel Barbié zum ersten Mal nach Köln gekommen, und er legt einen sehenswerten Auftritt hin: Zu seinem Programm gehören de Chirico, Léger, Dubuffet und Alexandra Exter. Die Gemälde der Russin kosten von 350.000 bis 500.000 Euro. Bei Levy aus Hamburg dominiert eine überdimensionale Tasse aus Bronze von Daniel Spoerri, entstanden 1991, den Stand (Auflage 8; 65.000 Euro). Kurios wirkt dort auch eine plastische Maus auf Grau Richter von CO Paeffgen aus dem Jahr 1991 (4800 Euro).
Die New Contemporaries sind vom ersten Stock ins Erdgeschoss gezogen und liegen nun in unmittelbarer Nachbarschaft zum Open Space, der dieses Jahr mit 44 Positionen aufwartet: Frühe Skulpturen aus den sechziger und siebziger Jahren von Joachim Bandau (von 28.000 bis 60.000 Euro) zeigt der Mannheimer Sebastian Fath gemeinsam mit Mark Müller aus Zürich. Cosima von Bonin hat Daniel Buchholz mitgebracht. Die Berliner Künstlerin Daniela Brahm lockt in den Open Space mit ihrer Gemälde-Skulptur Recycling Utopia/The New Town - für 22.000 Euro bei Mirko Mayer. Gisela Capitain aus Köln kombiniert Maria Brunners glänzende Glamourbilder (13.000 Euro) mit Johannes Wohnseifers Prototype for a museum bench III (9000 Euro).
Lebendige Kunstlandschaft
Für Jan van der Ploegs Gemälde kann der Raum des Open Space nicht groß genug sein: Er setzt seine imposanten Farbstriche mitten hinein in diese lebendige Kunstlandschaft (von 9000 bis 15.000 Euro). Die Galeristin Sfeir-Semler aus Hamburg präsentiert sich ausschließlich im Open Space und verkaufte gleich sieben Leuchtkästen von Hiroyuki Masuyama (von 3000 bis 9000 Euro). Die Galerie Vartai aus Vilnius zeigt in diesem überbordenden Gewusel eine Diaprojektion von Ugnius Gelguda: Die Zuschauer eines Konzerts sind hier dicht gedrängt in ständiger Bewegung und doch wie erstarrt, dazu hört man verstörende Geräusche.
In Halle 4.1 hat sich neben dem Open Space und den New Contemporaries nun alles zusammengefunden, was sich als jung und zeitgenössisch versteht. Plakativ provokant gibt sich dort die Galerie Rosenfeld aus Tel Aviv: Ihr Künstler Boaz Arad legt in Nazi Hunter's Room ein falsches Fell mit Hitler-Kopf auf den Boden der New-Talents-Koje; an den Wänden hängen Hakenkreuz-Malereien (die Installation kostet 30.000 Euro). Zoya Cherkasskys Gemälde Minimalism von 2007 lässt On Kawara mit Basquiat gewalttätig kollidieren (80.000 Euro).
Vergängliche Augenblicke
Aus Mexiko ist die Galerie Hilario Galguera gekommen; sie zeigt zwei der spektakulären Arbeiten von Damien Hirst, darunter eines seiner Scheibenbilder mit Schädel von 2006 für 450.000 Euro. Die Vergänglichkeit des Moments festgehalten hat auch Michael Wessely bei Fahnemann: Vom 16. 2. bis 22. 2. 2007 fotografierte er einen Strauß Tulpen (24.000 Euro); drei seiner Fotos für je 24.000 Euro gingen bereits in süddeutsche Sammlungen. Für Jorinde Vogts Zeichnung 60 Adler, 60 Sekunden, Strom, Popsong (3200 Euro) von 2007 entschied sich die Ankaufskommission des Bundes.
Fotos von Beat Streuli aus seiner Krakow-Serie von 2005 (3400 Euro) schmücken die Koje von Wilma Tolksdorf neben Jörg Sasses großer Fotografie 5,4,2,0 (18 000 Euro). Yvonne Roeb, Nachwuchskünstlerin der Galerie, lässt Eselsohren aus Elastomer an langen Kordeln baumeln (4500 Euro). Michael Beutlers grellgelbe Installation Outdoor Yellow (20.000 Euro) ist zwischen die Stellwände der Galerie Nagel gedrängt, als wolle sich die Skulptur den Weg in den angrenzenden Open Space bahnen.
Vom Linearen besessen
Im Wettbewerb um die schönste Koje hätte bei dieser Ausgabe Edith Wahlandt aus Stuttgart gute Chancen: Auf ihrem Stand im Obergeschoss stimmen Günter Fruhtrunks bereits verkaufter Innerer Zeitfluss (75.000 Euro), Norbert Krickes Plastik Große Weiße von 1954 (200.000 Euro) und Rupprecht Geigers 494/68 (60.000 Euro) eine Farb- und Formsymphonie an. Daneben überzeugen Werke von Katharina Hinsberg, die - wie ihre berühmten Kollegen - besessen ist von der Linie: Papierstreifen lässt sie in dichten Gittern vor der Wand schweben (1800 Euro). Die Plätze von Hans Mayer und Karsten Greve haben dieses Jahr Raimund Thomas aus München und Paul Schönewald aus Düsseldorf eingenommen. Schönewald bringt aus einer europäischen Privatsammlung die Zeichnung Cigars von Luc Tuymans aus dem Jahr 1990 für 32.000 Euro auf den Markt.
Mit einem durchscheinenden Tuch hat die Galerie Benden & Klimczak aus Köln einen Teil ihres Stands überdeckt und zeigt dort in zwei Räumen eine sehenswerte Tom-Wesselmann-Einzelshow: darunter eine große Marquette for a Smoking Cigarette von 1983 für 125.000 Euro, Study for Seascape Drop Out von 1975 für 52.000 Euro oder die Emaille-Arbeit auf Stahl Delphinium and Daisies von 1998/92 für 60.000 Euro. Zwischen Rauschenberg und Martin Noël, der Art Cologne Konfetti als Wandobjekte verewigt hat, findet sich hier auch eine Aluminium-Campbell's Soup Can mit Siebdruck von Warhol aus dem Jahr 1966, unter Glas geschützt und präsentiert wie ein Kleinod (125.000 Euro).
Kampf der Frühjahrsmessen
Die Kölner Messe scheint auf einem guten Weg zu sein. Die Teilnehmer sind zufrieden, offenbar auch mit dem neuen Termin. Die Stimmung ist positiv, bestärkt schon jetzt durch viele Verkäufe. Die neue Konkurrenz in Düsseldorf schläft nicht (unser Bericht auf der folgenden Seite). Und es bleibt noch einiges zu sortieren im Dreieck Köln, Frankfurt, Berlin.
Bis zum 22. April in den Hallen 4 und 5 der Messe Köln. Täglich geöffnet von 12 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 20 Euro, der Katalog 30 Euro.
Text: F.A.Z., 21.04.2007, Nr. 93 / Seite 49
Bildmaterial: Swantje Karich