Kunst und Unternehmen

Lieber Kunst im Haus als Schrott am Bau

Von Michael Hierholzer

11. April 2007 Zum Beispiel die Lufthansa. Das Unternehmen setzt auf avancierte Kunst. Und lässt sich von Frankfurter Kunstvermittlern wie dem Museumschef Max Hollein oder dem Galeristen Michael Neff beraten. Das Lufthansa Aviation Center, das im vergangenen Jahr eröffnete Verwaltungszentrum der Fluglinie am Frankfurter Flughafen, wurde mit Werken von Künstlern ausgestattet, denen eine große Karriere vorausgesagt wird; bekannt sind die meisten ohnehin schon. Doch gehört keiner zur Generation derer, die jeden Bezug zum Ort, an dem ihre Werke aufgestellt sind, verweigert haben - im Gegenteil. Sie haben situationsbezogene Werke geschaffen, die mit der Architektur in Verhältnisse der Kombination, Ergänzung, auch des Kontrasts treten. Zum Beispiel Michael Beutler, Jahrgang 1976 und in Frankfurt lebend. Er hat einen „Pagodenturm“ aufgestellt, der einen Kommentar zu dem gläsernen Gebäude liefert und zu den bepflanzten Innenhöfen. Die Frage nach Heimat und Geborgenheit wird gestellt in einem Unternehmen, das dazu beiträgt, die Welt zu einem Dorf zu machen.

Carsten Nicolai ist mit einer seiner „Sinuswellen“-Arbeiten vertreten, Beat Streuli mit seinen fotografischen Porträts von Passanten, Cerith Wyn Evans mit einer Lichtinstallation, die auf das Flugnetz der Lufthansa anspielt. Von Liam Gillick stammen Schriftbänder, die auf unternehmerische Schlüsselbegriffe verweisen. Elmgreen & Dragset haben „Türen“ entworfen, die den Wunsch eines jeden Unternehmens nach klar geordneten Arbeitsprozessen konterkarieren: Diese Türen sehen zwar so aus, als könne man sie benutzen, aber sie funktionieren nicht. Ein komischer Eingriff in ein auf Effizienz und reibungslose Abläufe fixiertes Ambiente. Die Lufthansa hat sich bewusst für künstlerische Positionen entschieden, die nicht eingängig sind, sondern den Mitarbeitern und Besuchern etwas zu denken geben. So nähert sich ein großes, in Frankfurt ansässiges Unternehmen jenem für die Stadt so typischen, kritischen Geist an. Das ist nicht selbstverständlich; denn dem Hang zum Ornament geben viele allzu gern nach.

Gradmesser der Markttauglichkeit

Vieles hängt von den Visionen, den Neigungen und dem Kulturverständnis derer ab, die in den Chefetagen sitzen. Das Maß an Kunstsinn, das in den Vorstandsbüros herrscht, entscheidet über das Klima für oder gegen Kunst in einem ganzen Haus. Leicht kann es zur Krise kommen, wenn die Topmanager wechseln. Allerdings hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass sich eine Kunst im oder am Bau, die nichts als Dekoration oder schöner Schmuck sein will, mit einer innovativen Unternehmensführung kaum vereinbaren lässt. Die Kunst ist zum Gradmesser der Markttauglichkeit der Unternehmen geworden.



Text: F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite K3
Bildmaterial: Wonge Bergmann

 
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