Von Hans-Joachim Müller
26. November 2005 Der kunstgewerbliche Charme der frühen Jahre ist verflogen. Die Kunstmesse in Straßburg hat ihren Stil gefunden, sie weiß jetzt, was sie will: Sie will eine Europäische Messe für zeitgenössische Kunst sein, und sie weiß auch, daß sie ein solches Label nicht mit Dekor-Empfehlungen für den elsässischen Haushalt verteidigen kann.
Mit sichtlich gewachsener Kennerschaft hat die Messeleitung - künstlerischer Leiter ist Olivier Billiard - aus rund 150 Bewerbern 87 Galerien ausgewählt. Das Hauptkontingent stellt traditionell Frankreich. Händler aus Deutschland, Spanien, Italien und anderen europäischen Ländern beleben die frankophone Szene auf dem Messegelände im Parc des Expositions. Die Halle ist großzügig und übersichtlich gestaltet. Niemand kann sich hinter seinen Stellwänden verstecken. Von den breiten Gängen aus sind die Präsentationen alle einsehbar.
Bei der französischen Dominanz bleibt es nicht aus, daß das Angebot bisweilen mehr nach Landes- als nach Weltkunst aussieht. Es gibt, was der globalisierte Kunstbetrieb gern vergessen läßt, eine Kunst mit beschränkter Reichweite, Werke, die professionell und ernsthaft angelegt scheinen und doch nicht die große Öffentlichkeit erreichen. Man lernt hier viele Namen kennen - und vergißt sie wieder, bleibt vor manchen Bildern stehen, die man so oder ähnlich auch schon anderswo gesehen zu haben meint, und stellt immer wieder mit Überraschung fest, wie gut die lokalen Netzwerke aus Galerien und Sammlern auch ohne internationalen Stil funktionieren.
Das Lachen der Poeten
Provinziell wirkt diese zehnte St-art dabei keineswegs. Da offeriert die Frankfurter Galerie Raphael ein Karel-Appel-Bild von 1969 (60 000 Euro), und bei Shimoni aus Saint-Julien-les-Metz ist ein ganzes Set neuer Abrißbilder von Jacques Villeglé zu sehen. Marion Meyer, Paris, hat ein Kabinett zarter Techno-Kunst zusammengestellt mit Arbeiten von Takis, Tony Oursler, Kowalski und Tatsuo Miyajima. Chantal Bamberger aus Straßburg erinnert mit graphischen Arbeiten an den Chefmystiker der Transavanguardia, Mimmo Paladino (je 1500 Euro). Bei Les Yeux Fertiles, Paris, ist eine späte Max-Ernst-Collage zu entdecken, Le rire des poètes von 1968 (24 000 Euro).
Nebenan trumpft die Galerie Tendances, ebenfalls aus Paris, mit Zwanziger-Jahre-Zeichnungen von Grosz und Schlichter auf (zwischen 1500 und 11 500 Euro). Frank Pages hat aus Baden-Baden zwei Selbstporträt-Zeichnungen A.R. Pencks von 1983 mitgebracht und macht mit empfindsamen Arbeiten auf Papier wieder einmal auf die Doppelbegabung des Literatur-Nobelpreisträgers Gao Xingjian aufmerksam.
Eine wunderbar kindsköpfige Figurenwelt
Und natürlich wäre eine Straßburger Messe keine Straßburger Messe, wenn nicht Raymond E. Waydelich, inzwischen der Patron der elsässischen Künstler, in seine wunderbar kindsköpfische Figurenwelt immer neue Erzählfäden einflechten würde: Ein heiterer Kommentar zu den Reliefbildern des Bram Bogart, der die Farbe wie prall gestopfte Paradekissen auf die Leinwand klebt, bei Galerie L'Estampe.
So hat der junge Sammler auch hier keine leichte Wahl. Wem die Akt-Inszenierungen von Mapi Rivera am Stand von Henseleit, Köln, zu exhibitionistisch erscheinen und die Stilleben von Miguel Macaya bei Sala Pares aus Barcelona zu altmeisterlich kostbar, der entscheidet sich vielleicht doch lieber für einen unverfänglichen Feuerdrachen aus Muranoglas, wie ihn Berengo Fine Arts eben aus Murano mitgebracht hat, oder für eine geschnitzte Mimi-Figur aus dem australischen Outback, bei Stéphane Jacob aus Paris.
Text: F.A.Z., 26. November 2005
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