Von Brita Sachs
11. April 2007 Als die Metropol-Garage dichtmachte, waren nicht nur Autofahrer verdrossen, denen ihr kurzer Weg zur nächsten Tankfüllung mitten in Schwabing abhanden kam, sondern auch die Fans von Architektur der Nachkriegsära. Denn bestimmt würde jetzt, wo Zapfsäulen und Ölschrank verschwanden, auch das Betondach abgerissen, das sie schwungvoll überspannt hatte. Und auch die intakte Kassenraumfassade samt den Toren der Werkstatt müsste vermutlich dran glauben - wie schon zuvor die Originalfenster des um 1955 gebauten Mietshauses. Doch es kam Rettung.
Es gibt tatsächlich Menschen, die träumen davon, auf einer Tanke zu wohnen; vor allem die Exemplare jener Jahre sind Kult für solche Leute. Zu denen, die jede Adresse dieser wenigen erhaltenen Lieblinge aufsagen können, gehört Markus Michalke. Er kam glücklicherweise an der Metropol-Garage vorbei, als schon der Bauzaun stand. Heute wohnt er zwar nicht dort, hat aber in den hellen puren Räumen sein Büro aufgeschlagen und Platz für seine Kunstsammlung gefunden, die er nun ebenda peu à peu Revue passieren lässt.
Kunst statt aufgebockter Autos
Jeden Morgen, sagt Markus Michalke, der als Leiter einer Investmentgesellschaft arbeitet, freue er sich, wenn er auf dem Weg zum Schreibtisch im ehemaligen Autowaschraum die Werkstatt passiert, wo statt aufgebockter Autos jetzt Kunstwerke auf dem Prüfstand stehen. Einmal wöchentlich ist Open House, damit die Kunst Publikum bekommt und diskutiert werden kann. In der derzeitigen Ausstellung umzeichnen Fred Sandbacks Metalllinien und gespannte Wollfäden filigran die Raumwinkel: Denkbar minimalistisch, dabei hyperpräsent besetzen die aus der Leere geschnittenen Volumina des im Jahr 2003 gestorbenen amerikanischen Künstlers den Raum und machen ihn auf luftige Weise spürbar. Arbeiten auf Papier ergänzen diese Eingriffe und illustrieren ausführlich Sandbacks Denkweise.
Markus Michalke stellt als Tankstellenmieter genauso eine Ausnahme dar wie als Sammler. Denn Michalke, gerade Anfang dreißig, konzentriert sein Kunstinteresse nicht etwa auf die hippen Maler der Gegenwart. Ihn fasziniert Skulptur der besonderen Art, genauer gesagt, Künstler, die von den sechziger Jahren an Normplätze wie Leinwand und Sockel flüchteten, um das Verhältnis von Raum und Form neuerlich zu befragen. Gordon Matta-Clark war einer von ihnen. In gewaltigen Kraftakten sägte er in leerstehende Abrissgebäude Mammutskulpturen, die sich buchstäblich eindringlichen und durchdringenden Wahrnehmungen öffneten, bevor sie auf immer verschwanden. Mit Zeichnungen, Fotos und einem Brocken Schwelle von den frühen Bronx Floors, mit denen Matta-Clark seine Aufbrüche dokumentierte, startete Markus Michalkes Metropol-Kunstraum vor wenigen Monaten seine Ausstellungstätigkeit mit abwechselndem Programm. Im kommenden Juni wird Barry LeVa folgen, dessen gleichfalls prozesshafte, den Zufall als Mitgestalter einbindende Streu- und Brucharbeiten das Medium Skulptur maximal entgrenzen und mit flexiblen und beweglichen Materialien regelrecht aufweichen.
Abkehr vom überdrehten Kunstmarkt
Hinter den hier genannten Namen rücken die Initiatoren ins Blickfeld, die das radikale neue Kapitel einst eröffneten, es lehrend und vorbildhaft vorantrieben: Donald Judd selbstverständlich, Sol LeWitt und Carl André. Also zählen auch diese Alten Meister der Raumdurchdringung zu Michalkes Favoriten, und in fast logischer Folge gesellen sich Landart-Künstler dazu, die - wie Robert Smithson - weit in den Außenraum expandierten, um die Erde selbst in Angriff zu nehmen.
Was zieht einen jungen Sammler hin zu dieser mittlerweile ehrwürdigen Künstlergeneration? Begonnen hat auch Michalke, der mit klassischer Moderne aufwuchs, vor rund zehn Jahren mit breitangelegten Käufen zeitgenössischer Kunst. Aber das Gedöns des überdrehten Kunstmarkts irritierte ihn bald in unerträglichem Maße: Als ich nicht mehr wusste, ob ich die Plastik von Juan Muñoz kaufte, weil sie mir gefiel oder weil der Hype es mir eingab, beschloss ich, dass die Kunst von heute meine Unterstützung nicht braucht.
Glück der Beschränkung
Der Schlussstrich kam einer Befreiung gleich. Markus Michalke spricht vom Glück der Beschränkung, und die Konsequenz seiner Sammlung gibt ihm recht. Während eines längeren Aufenthalts in New York zog es den jungen Volkswirt immer wieder magisch zur Dia Art Foundation. Deren Programm beeinflusste denn auch grundlegend die neue Sammelorientierung. Zum Schlüsselerlebnis wird für ihn auch Marfa im Süden von Texas - Donald Judds Platz für raumgreifende Werke, der Rückzugsort dieses Szeneverächters und das Mekka aller Minimalisten. Der neunstündige Autotrip von Houston nach Marfa bietet als einzige Abwechslung Tankstellen; in der texanischen Pampa präsentieren sie sich ihrem Fan wie Skulpturen - von außen und innen: Damit befindet er sich bekanntlich in bester Künstlergesellschaft, und selbstredend prangt Ed Ruschas Büchlein Twentysix Gasoline Stations aus dem Jahr 1963 in seiner Bibliothek.
Das Faible für diese Versorgungsarchitektur ist mehr als eine ästhetische Marotte, unterstreicht es doch ein ausgeprägtes körperliches Raumempfinden. Wenn Michalke über seinen Zugang zur Kunst spricht, kommt das Verbum sehen zunächst fast gar nicht vor. Von körperlichem Empfinden ist die Rede, vom Impuls, ein Werk zu berühren. Diesen aber verspürt er am dringlichsten bei Zeichnungen: Die haptische Qualität des Papiers, darauf die Handzeichnung als unmittelbarste Äußerung des Künstlers liefern den initialen Kick. Von einem gelungenen Blatt geht - manchmal noch vor dem Verstehen, sagt Michalke - die Inspiration aus, das Gefühl, dem Künstler und dem schöpferischen Prozess unmittelbar nah zu sein. Seine Sammlung umfasst ungleich mehr Zeichnungen als Skulpturen, doch alles mündet in der Aneignung von Raum und dessen Interpretation. Die plastischen Umsetzungen erlebt Michalke oftmals als Zeichnen in der dritten Dimension.
Sammlungsgehilfen
Hilfe bei der Pflege seiner Kollektion nimmt der Sammler nur bei der Inventarisierung in Anspruch und, weil ihm der Beruf nicht genug Zeit lässt, bei wenigen Händlern seines Vertrauens. Als er, Fred Sandback im Kopf, aus Amerika zurückkam, fand er bei Fred Jahn in München nicht nur Schubladen voll schönster Blätter des lang Unterschätzten, er traf auch einen alten, besonders kundigen Hasen des Metiers. Der gibt ihm fundierte Tips zur Sammlungsgestaltung, konnte ihm Schätze vermitteln, die er selbst nie gefunden hätte, unterstützt ihn bei Verhandlungen. Außer mit dem nicht mehr aktiven Lawrence Markey arbeitet Michalke viel mit Annemarie Verna in Zürich und Paula Cooper in New York zusammen.
Nach Desiderata befragt, nennt Markus Michalke frühe Zeichnungen von Robert Morris, Michael Heizer, Walter de Maria. Auch eine frühe minimalistische Arbeit von Eva Hesse steht auf dem Wunschzettel weit oben und selbstverständlich Dan Flavin, dessen Preise ihm einfach davongerannt sind. Bruce Nauman dagegen, von vielen als Lücke in der Kollektion vermerkt, bleibt außen vor: Es fehlt dem Sammler der innere Zugang. Denn lexikalische Vollständigkeit interessiert Michalke nicht. Persönlich soll seine Auswahl bleiben und subjektiv, reich zwar, aber innerhalb des einmal gesteckten Rahmens.
Doch dann erzählt er von seiner jüngsten Entdeckung: Das Schönste, was es gibt, ist Dürers Porträt des Jakob Fugger auf blitzblauem Grund - und überhaupt, die Porträtkunst der Renaissance! Es ist immer wieder wahr: Wer die Kunst liebt und sie nicht mit dem aktuellen Kunstboom-Spektakel verwechselt, kommt früher oder später auf die Alten Meister.
Metropol-Kunstraum, München, Georgenstraße 40. Geöffnet mittwochs von 16 bis 18 Uhr. Zu den Ausstellungen erscheinen Publikationen.
Text: F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite K5
Bildmaterial: Jan Roeder
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