Messen in München

Zugespitzter Paarlauf

Von Brita Sachs

„Mephisto in Fausts Kleidern” von Gabriel von Max (27.000 Euro)

„Mephisto in Fausts Kleidern” von Gabriel von Max (27.000 Euro)

20. Oktober 2006 Auf der just eröffneten 51. Ausgabe der Kunst-Messe München laden gut hundert Stände zum liebgewordenen Spaziergang durch die Kunst von der Antike bis in unsere Zeit. Noch gibt es einige dieser Spitzenhändler, die nicht nur die Niveaulatte beim Einzelstück hochlegen, sondern mit ihren exklusiv inszenierten und einer Portion Pomp überhauchten Ständen genau jenes Fluidum schaffen, das Messen für viele Besucher besonders attraktiv macht.

Doch neuerlicher Schwund ist nicht zu übersehen. Die Traditionsveranstaltung steht am Scheideweg. Entweder gelingt es, eine Reihe dieser Zugpferde zurückzugewinnen, oder man entschließt sich für die künftige Rolle des tüchtigen Regionalligisten. Die Abwanderung begann vor zwei Jahren wegen Unstimmigkeiten in Profil- und Standortfragen. Damals schuf sich ein abtrünniger Elitezirkel um Konrad O. Bernheimer mit den Munich Highlights eine sehr bequeme Alternative: Man bleibt in seinen Galerieräumen in der Innenstadt, holt noch den einen oder anderen befreundeten Händler dazu und zeigt zu Messezeiten Flagge - elegant und kostengünstig. Daß dabei Umsatzziffern und Besuchermengen den Messezahlen unterlegen sind, scheint undramatisch: Diese Global Players brauchen die Kunst-Messe München in ihrer derzeitigen Form nicht - umgekehrt gilt das allerdings viel

Antiken links...

Balthasar Ferdinand Molls “Madonna Immaculata“ kostet 50.000 Euro

Balthasar Ferdinand Molls "Madonna Immaculata" kostet 50.000 Euro

Soviel zur Lage, nun zur Kunst: In die Alte Kunst taucht ein, wer seinen Rundgang linker Hand beginnt. Da blickt ihn in der Antiken-Abteilung bei Cahn ein marmornes Frauenporträt an, in dessen realistischen Zügen man Octavia dargestellt glaubt, Schwester des Augustus und Frau des Marcus Antonius - bis Kleopatra auf der Bildfläche erschien (135.000 Franken). Unweit locken Alte Meister. Bei Frye & Sohn mit einem geheimnisvollen Stilleben des Danzigers Jeremias Falk: Zwei Kartenspieler verließen eben den mit Fisch und Wein gedeckten Tisch - eine Tabakpfeife glüht noch und ebenso eine schlängelnde Lunte (225.000 Euro). In Scheidwimmers Flamen-Repertoire prangt Cornelis de Heems herbstliches Gehänge aus Blüten und auch für Schnecken appetitanregenden Beeren, ausgepreist mit 270.000 Euro.

Deutlich geschrumpft, aber noch mit starken Ständen tritt das Kunsthandwerk auf. Mühlbauers Entree zum Antiquitätenparadies flankiert ein Paar Konsoltische imperialen Charakters: Vergoldeten Adlern gab Antonio Landucci in Rom um 1770 die schweren Marmorplatten zu tragen (580.000 Euro). Ähnlichen Schleppdienst übernehmen auf Volutenbeinen ansetzende Atlanten an einem mainfränkischen Barocktisch, den Schmitz-Avila für 385.000 Euro anbietet.

...Moderne rechts

Bei Albrecht Neuhaus steht ein kapitales Lackmöbel; die prächtigen Chinoiserien des Aufsatzsekretärs deuten auf das „Indianische Kabinett“ des Kölner Kurfürsten Clemens August in Schloß Augustusburg zu Brühl (600.000 Euro). Silbersachen häufen sich beim Erstaussteller Kiener aus Zürich; bei Schepers erhält man auf Wunsch eine kleine Lektion über die Entwicklung barocker Leuchterformen. Ob alter Schmuck, Uhren, feinste Porzellane, es ist für alles gesorgt, und auch die Volkskunst ist nicht ganz verschwunden.

Rechtsherum geht es direkt in die Moderne. In Spektralfarben leuchtende Leinwände von Heinz Mack (ab 35.000 Euro) signalisieren, wo Samuelis Baumgarte erstmals dem süddeutschen Markt sein Programm nahebringen möchte. Der Galerist aus Bielefeld wird den Spagat zur Art Cologne stemmen, deren Aufbau sich mit der Münchner Messe überschneidet. Er ist nicht der einzige: Auch die Galeristen Salis, Ludorff, Maulberger oder Pfefferle - sie präsentieren in großen Kojen Jawlensky und Nolde, Fred Thieler, Polke und Gerhard Richter - stellen sich dem Doppelstress. Fragt man nach den Gründen, so hört man unisono, daß Köln im Moderne-Bereich zwar die wichtigere Messe sei, aber der Umsatz in München unverzichtbar gut.

Weg von der Messe, hin zu den Highlights

Die Fraktion mit Arbeiten auf Papier ist nach wie vor bestens aufgestellt, urteilt Thole Rotermund aus Hamburg zufrieden; seine kleine Suite von Macke-Zeichnungen der Jahre 1912/13 stellt einen Höhepunkt dar. Bei Nachbar Martin Möller bezaubern schlafende Kinder von der Hand Menzels (ab 9800 Euro) und bei Fichter der romantische Trèsor eines kleinen Freundschaftsalbums, worin Johann Adam Klein eine lebenslang verschwiegene Liebe in Wien verewigte (45.000 Euro).

Caspar David Friedrichs “Riesengebirgslandschaft“ ist bei den “Munich Highlights“ zu sehen und kostet 270.000 Euro

Caspar David Friedrichs "Riesengebirgslandschaft" ist bei den "Munich Highlights" zu sehen und kostet 270.000 Euro

An die Munich Highlights verlor diese erlesene Papier-Fraktion die Münchner Galerie Arnoldi-Livie. Dabei ist Bruce Livie einer von fünf Teilhabern jener Händler-GmbH, die die Kunst-Messe veranstaltet, und er war jahrelang im Planungsstab aktiv: „Die Kunst ist in Riem nicht heimisch geworden“, begründet er den Seitenwechsel. Dabei gibt er der Traditionsveranstaltung sehr wohl eine Chance - aber nur in der Innenstadt, notfalls auf mehrere Orte verteilt. Messeleiter Peter Henrich winkt da ab: Er stieß bei seinen Nachfragen in diese Richtung nur auf Hindernisse; auch verweist Henrich auf Umfragen unter Gästen und Händlern, die im vergangenen Jahr überwiegend Zufriedenheit mit der Riemer Hallensituation ergaben.

Zusammenkunft auf hohem Niveau

Indessen spricht es für sich, daß von 21 Teilnehmern der diesjährigen Highlights achtzehn auch auf der Maastrichter Tefaf ausstellen, der Königin der Messen. Der hohe Reiz der Münchner Zusammenkunft verdankt sich qualitätsgeladenen Arrangements in intimem Rahmen. So steht bei Bernheimer unter dem Selbstporträt Johann Heinrich Tischbeins, der, noch ganz unter Piazettas Eindruck, eine venezianische Maske hält (750.000 Euro), eine neapolitanische Barockkommode mit schimmernder Perlmutt-Würfelmarketerie (360.000 Euro; vom Händler Frank C. Möller).

Weiter gelangt man über Georg Laues staunenmachendes Bernsteinkabinett zur Zeichnungsofferte Katrin Bellingers, die hier jüngst ständiges Quartier bezog, und zu Tenscherts gloriosen Zimelien: Wer nach jagdlichen Blättern geht, schwelge in der Ridinger-Auswahl bei Le Claire; er logiert wieder bei Daxer und Marschall, wo auch Otto von Mitzlaff einen kurios-schönen Tisch auf Flossenfüßen aus dem Wiener Umkreis von Dagobert Peche aufstellte (68.000 Euro).

Rahmenveranstaltung mit Porzellanvögeln

Im Amira-Palais, nächst der Kunsthandlung selben Namens, kuratierte Gerhard Röbbig eine Sonderschau mit (unverkäuflichen) Meissener Porzellanvögeln aus Privatbesitz, die Kändler vor fast dreihundert Jahren schuf. Zu solchen Rahmenveranstaltungen der Highlights trägt auch die - ebenfalls messeabtrünnige - Galerie Thomas bei, in deren großer Frank-Stella-Schau einmalig ein Licht-und-Schatten- Theater gastiert.

Auf dem Weg dorthin verfehle man nicht Abstecher zu Sabine Knust, wo Burma-Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg Antiken begleiten, die Gordian Weber mitbrachte; zu Daniel Blau, wo ozeanische Kunst trefflich mit hochkalibrigen deutschen Zeichnungen der sechziger Jahre aus der Sammlung Gachnang korrespondiert; und zu Fred Jahn, der mit Papierarbeiten von Schwitters, Picabia, de Kooning und anderen Großmeistern ein kapitales Resümee seiner Galerietätigkeit zieht. - Daß dies alles eines Tages wieder unter einem Dach stattfinden kann, wünschen sich im übrigen fast alle Beteiligten.

„Kunst-Messe München“ in Halle B6 auf dem Messegelände Riem. Bis 29. Oktober, täglich von 11 bis 19 Uhr, am Dienstag und Donnerstag bis 22 Uhr. Eintritt 10,50 Euro, Katalog 10 Euro. - Munich Highlights in Kunsthandlungen der Innenstadt. Bis 28. Oktober, täglich 11 bis 18 Uhr.



Text: F.A.Z., 21.10.2006, Nr. 245 / Seite 47
Bildmaterial: Arnoldi-Livie, Blumka, Konrad Bayer

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