Sonderausstellung

Nach Hause?

Von Swantje Karich

27. September 2007 Im Symbol des Hauses als Ort der Sicherheit und Geborgenheit steckt seit je emotionale Spannung. Ami Barak, Kurator der diesjährigen Sonderausstellung des Art Forum, will dieser Ambivalenz anhand der aktuellen Kunst kuratorisch auf die Spur kommen. Sein „House Trip“, wie er die Ausstellung genannt hat, lässt an Gregor Schneiders „Totes Haus Ur“ in Rheydt denken: Schneider ließ den vermeintlich sicheren Ort des Zuhauses ins Klaustrophobische kippen. Seine bedrückend schlichten Räume haben für alle Zeit das unschuldige „Home, sweet home“-Gefühl vertrieben. Und auch Edward Hopper wurde berühmt mit seinen Bildern von einsamen Menschen in Häusern voller aufgeladener Leere. 57 Künstler aus achtzehn Ländern, von denen 54 auf der Verkaufsschau durch Galerien auf der Messe vertreten werden, hat Barak nun für sein Experiment ausgewählt.

Ein gewagtes Haus für die Kunst

Die Architektur zeigt, was der Titel verspricht: In der letzten Halle des Art Forums erhebt sich eine gewagte Ausstellungsarchitektur, die nicht abstrakt, sondern ganz konkret ein Haus darstellt, mit kleinen und großen Räumen, Fenstern und Türen. Der Besucher betritt eine grüne Fläche, den Garten des Hauses und räumliche Abgrenzung zur Messe, auf der sich einige Installationen und Objekte wie Mobiliar tummeln: Willkommen daheim? Hier kann sich also zurückziehen, wer Ruhe braucht? Türen schließen, wer ungesehen bleiben will? Das Gebäude soll Schutz und Vertrauen ausstrahlen, doch die Künstler wurden dazu eingeladen, diese vordergründige Sicherheit zu zerstören: Willkommen im Haus als spannungsreichem Beziehungsdrama; denn die Kunst spielt nur auf dieser Bühne mit.

Schon Götz Diergartens Fotografie einer Haustür aus Neustadt an der Weinstraße, neben die Eingangstür des Barak-Hauses gehängt, zieht eine beunruhigende Grenze zwischen privatem und öffentlichem Leben. Ina Webers nahezu drei Meter hohes „Blaues Hochhaus“ aus dem Jahr 2005 erhebt sich als Mahnmal für die zermürbende Kraft leerstehender Häuser. Fritz Panzers Drahtskulptur „Prenninger Küche“ von 2002 zaubert ein vertrautes Interieur als Zeichnung in den Raum, das jeden praktischen Nutzen verwehrt - hier ist alles nur ein flüchtiger Traum. Jürgen Drescher führt den Besucher in seiner Videoarbeit in eine virtuelle Ecke: Mittels dreier Kameras verschiebt sich die Perspektive, und der feste Boden unter den Füßen beginnt zu kippen.

Svetlana Hegers minimales Gedankenspiel

Die tschechische Künstlerin Svetlana Heger hat einen Quadratmeter Boden von einem alten Schloss mitgebracht. Nun ist er hier in Berlin in den Messeboden eingelassen. Vom Post-Minimal-Syndrom befallen nennt Barak diese Kunst: „So eine reduzierte Platte ist ja eigentlich reiner Minimalismus, doch heute treiben die Künstler dieses Spiel weiter und geben den Objekten wieder eine Geschichte.“ Svetlana Heger erhofft sich diese Erzählung von der Vorstellungskraft des Betrachters, der diesen aus dem Zusammenhang gerissenen Quadratmeter imaginär zurückversetzen kann.

Lucas Lenglet huldigt der Reduktion: Er hat einen filigranen Turm aus hellem Holz gebaut, der in seinem Zimmer überraschend meditative, aber imaginäre Kreise dreht. Im Gemach des holländischen Künstlers Krijn de Koning ist es karg. Man kann die Tür zwar hinter sich schließen, aber ein Geräusch von Windrädern durchpflügt zermürbend die ersehnte Stille. An einigen Stellen, so bei dem Videokünstler Bojan Sarcevic, wird die Architektur unmittelbar in das Werk einbezogen: Sarcevic hat sich einen Unterstellplatz für seine Installation bauen lassen. Fotografie, Videos und Installationen sind reichlich in Szene gesetzt. Tim Eitel als Magier des Sich-verloren-Fühlens in der Welt vertritt die neue Leipziger Schule und irgendwie auch die ganze Malerei.

Größenverschiebungen

Ami Barak hofft, seine Ausstellungsarchitektur würde den Werken deren „persönliche Geschichte“ entlocken: Der Franzose Jean-François Fourtou, einer von drei Künstlern, denen Barak eine Wildcard gab - das heißt, sie sind nicht auf der Messe durch eine Galerie vertreten -, bringt seine Person direkt in seine Installationen und Fotografien ein: Er befasst sich mit der Wahrnehmung von Größenverhältnissen durch das eigene Wachsen. Im Haus seines Großvaters, in dem ihm als Kind immer alles monumental vorkam, wirkt heute alles klein. Ein überdimensionierter Pullover steht für diese Verhältnismäßigkeiten. Auf einer Fotografie liegt er zusammengekrümmt wie ein Riese in einem Puppenhaus.

Unwillkürlich entsteht ein Beklemmungsgefühl, das auch in Hoppers Einsamkeitsbildern so hartnäckig steckt: Enge und Weite lösen hier ganz Ähnliches aus. Das deutsche Künstlerduo RothStauffenberg treibt dieses Spiel an die Grenze: Sie haben ein umgedrehtes Haus in ihre beiden Räume hineingebaut und vollziehen so die formale Rückkehr zum „Haus Ur“ von Gregor Schneider: Dem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ist stets zu misstrauen. Swantje Karich



Text: F.A.Z., 28.09.2007, Nr. 226 / Seite K1
Bildmaterial: Carine Demeter/ Galerie Gentils, carlier/gebauer, Georg Kargl Fine Arts, Kicken, Krobath Wimmer, Martin Mertens, Noga, Wilfried Petzl/Galerie Kilchmann

 
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