Gegenwartskunst

Melancholische Wesen

Von Wiebke Hüster

12. November 2006 In diesem Jahr ist der kalte Berliner Winter in den eben noch schönen Herbst bereits mit ersten Frösten hereingebrochen. Da hat die in einem Hinterhof der Auguststraße in Berlins Stadtmitte befindliche Galerie „Neues Problem“ sogleich die Saison beendet. Man habe keine Heizung und müsse deswegen die eigentlich in dieser Woche zu eröffnende Ausstellung mit Werken von Mathias Bechthold auf das nächste Frühjahr verschieben.

Überall sonst in Berlins Galerien stehen selbstverständlich Zentralheizungen, weshalb die Galeristen in die ehemaligen Kohlenkeller Kuratoren schicken, damit diese dort auf sorgsam gebürstete Ziegelwände Kunst hängen. Bei Krammig + Pepper in der Torstraße ist ein Gemälde aus einem solchen Keller zu retten. „There is work to be done“ heißt das 100 mal 120 Zentimeter messende Bild (1800 Euro) des jungen amerikanischen Künstlers Benjamin Rubloff. Es zeigt angelnde Männer in einem Boot, eingefangen in ein grünes Naturgespinst aus Seeoberfläche und umstehenden Weiden.

Gebrauchsgegenstände im Kunstkreislauf

Die Arbeit sollen andere tun - das ist auch ein legitimes Motiv der Kunst von John M Armleder: Er ging mit Mehdi Chouakri spazieren, der das zehnjährige Bestehen seiner Galerie in den Edisonhöfen feiert, als er ein spiralförmiges Eisengestell am Straßenrand sah, das ihn faszinierte. Chouakri durfte seiner Fluggesellschaft erklären, wieso das sperrige Fundstück als Handgepäck nach Berlin reisen muß. Dort hängt der ehemalige Couchtischuntersatz nun an der Wand und ist zu einem von Armleders wundervollen „furniture sculptures“ geworden. Gebrauchsgegenstände werden so eingespeist in den Kunstkreislauf.

Die Ausstellung „Frntr Sclptrs“ zeigt einen scheinbar von einer Zwischenwand herablugenden falschen Kamin, einen in Schwarz und Weiß geteilten Flügel, an die Wand genagelte Korbhocker von Egon Eiermann, ordentlich aufgereihte Eames-Stühle, streifendurchzogene Leinwand. Das hat das Bürgertum nun von der Aufklärung: Die Welt ist auch in der Kunst geheimnislos geworden. Doch bei Armleder wird man das Gefühl nicht los, die Kunst kommentiere das nicht ohne Schadenfreude und Nebenabsichten (zwischen 50.000 und 80.000 Euro). Armleder entstammt dem Schweizer Fluxusumfeld der sechziger Jahre, was, wie Chouakri es formuliert, wie eine besonders lawinengefährdete Abfahrt der Alpen klingt. (Bis 3. Dezember.)

Inszenierte Tabubrüche

Für 9000 und 18.000 Euro, je nach Format, würden die neuen Bilder von Peter Stauss in der Galerie Crone angeboten, wären sie nicht auf der Art Cologne innerhalb von zwei Stunden verkauft gewesen. Jetzt kann man sie noch ein letztes Mal in Berlin zusammen sehen. Sammler werden mit dem Künstler, der jedes Jahr nicht mehr als zehn seiner im voraus minutiös konzipierten Bilder malt, über ihre Wünsche sprechen können. Für die Mitte der kommenden Woche eröffnende Ausstellung wird Peter Stauss, Schüler Bernd Koberlings, noch ein vier Meter breites Gemälde schaffen.

Es wird faszinierend sein, zu sehen, wie sich die geradezu explodierenden Farbaufträge der kleinen Bilder - gestrichen, gepinselt, getropft, verrieben - auf der ganzen Wandbreite ausnehmen. Neue Motive des Malers sind die in ihrem anklagenden Expressionismus an die Worpsweder Gesichter erinnernde melancholische Wesen, die einander unversöhnlich gegenüberstehen. Die einen haben kluge, verständnisvolle Affengesichter, die anderen scheinen mit ihren von langem Haar umrahmten, abgezehrten Mienen der christlichen Ikonographie entsprungen zu sein.

Stauss setzt an Fahnen oder einen Soldatenkörper erinnernde Figurationen ein, um Tabubrüche zu inszenieren. Abstraktion und Gegenständlichkeit sind bei ihm keine einander ausschließenden Bildmächte. Kritik an der atlantischen Großmacht, an Gewaltherrschaft und Unterdrückung spricht ernst, aber ohne falsches Pathos aus seinen nur scheinbar verwirrend vielschichtigen, aber brillant durchkomponierten Leinwänden. (Bis 15. Januar.)

Kunstgeschichtliche Schreckenskabinette

Oda Jaune wird dieser Tage, noch während in der Galerie Davide di Maggio ihre erste Einzelausstellung läuft, siebenundzwanzig Jahre alt. Die junge Malerin aus Sofia, die die Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschülerin und Ehefrau Jörg Immendorffs verließ, zeigt eine erstaunliche Sicherheit im Kalkül des Schocks, der von fast allen ihren fabulierenden Bildern ausgehen soll.

Titel tragen die beunruhigenden, bis zu 250 mal 320 Zentimeter großen und 22.000 Euro kostenden Gemälde aus den letzten zwei Jahren nicht. Wovon träumt etwa die Schwebende, die mit geschlossenen Augen Farben wie Schmutz, Blut oder Tränen in ihrem faltenlosen Antlitz verreibt? (Bis 25. November.)

Genaue Beobachtungen aus China

Heike Baranowsky - mit neuesten Werken bei Barbara Weiss ausgestellt - schaut nicht in kunstgeschichtliche Schreckenskabinette, um sich anregen zu lassen. Ihre Kamera hat sie jetzt während eines Arbeitsaufenthalts in Peking auf dem Dach eines Hotels aufgebaut. Vor siebzehn Jahren filmten westliche Journalisten exakt von dort die Studenten, die sich den Panzern in den Weg stellten. Baranowsky nimmt den Betrachter in einem sechzehnminütigen Zoom mit aus der Totalen bis mitten auf den Platz des Himmlischen Friedens, wo sich zu Sonnenuntergang täglich das militärische Zeremoniell des Fahneneinholens abspielt.

So schenkt sie dem sonst so unruhig umherschweifenden menschlichen Blick die Gelegenheit zur genauen Beobachtung und kontemplativen Betrachtung, dem Geist Zeit zur Wahrnehmung und Reflexion. Das stetige Dunkelwerden, die Lichtspuren der Autos, die rechts aus dem Blickwinkel verschwindende Verbotene Stadt, die Choreographie der um die Fahne versammelten Menschenmenge sprechen vom Rätsel China (“T Square“ und weitere Filmwerke von 2006, Preise auf Anfrage). (Bis 22. Dezember.)



Text: F.A.Z., 11.11.2006, Nr. 263 / Seite 52
Bildmaterial: Galerie Barbara Weiss, Berlin, Galerie Crone, Galerie Davide di Maggio, Mehdi Chouakri, Berlin

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche