Gegenwartskunst

Deine Spuren im Pfefferminzbonbon: In der Pariser Galerie Perrotin markiert Philippe Ségalot den Stand der Dinge

Von Angelika Heinick

Robert Rauschenberg und Susan Weil,
“Untitled (Sue)“, 
um 1950

Robert Rauschenberg und Susan Weil, "Untitled (Sue)", um 1950

28. November 2005 Künstler wollen mit ihrer Kunst Spuren hinterlassen. Der in New York ansässige französische Kunstvermittler Philippe Ségalot hat diese Künstlerobsession beim Wort genommen und in der Pariser Galerie Emmanuel Perrotin eine Ausstellung mit dem mehrdeutigen Titel „Empreinte-moi“ eingerichtet. „Empreinte“ - das ist ein Abdruck, eine Prägung oder auch eine Versteinerung; als Verb im Imperativ gebraucht, heißt es soviel wie: „Präge mich“.

Philippe Ségalot, der sich Anfang der neunziger Jahre als Mitarbeiter des Kunsthändlers Marc Blondeau auf dem internationalen Markt erste Sporen verdiente, war zwischen 1994 und 2001 bei Christie's in New York für zeitgenössische Kunst zuständig und gehört mittlerweile mit seinen eigenen Büros in New York und Paris zu den führenden Beratern der großen Sammler von Gegenwartskunst, nicht zuletzt von François Pinault.

Zu dieser Ausstellung, für die er erstmals als Kurator auftritt, habe er, so schreibt er im Begleitheft, „einige der wichtigsten Künstler unserer Zeit“ vereinen wollen, um sie „mit einem der ältesten und meistbehandelten Themen der Kunstgeschichte“, dem „Körperabdruck“ nämlich, zu konfrontieren. In Emmanuel Perrotin, der als Jungstar zu den geschäftstüchtigsten Vertretern seiner Zunft gehört - dieser Tage eröffnet er eine weitere Galerie in Miami -, hat Ségalot den idealen Partner für sein Projekt gefunden.

Schmückende Männlichkeit

„Empreinte-moi“ ist keine übliche Galerieausstellung (die Exponate sind nicht verkäuflich), sondern eine museale Schau aus dem Fundus von Ségalots weltumspannenden Kundennetz; er konnte prominente Sammler zu insgesamt zwei Dutzend Leihgaben überreden: Charles Rays „Male Mannequin“ von 1990 zum Beispiel gehört dem kalifornischen Sammler Eli Broad, eine Schaufensterpuppe, die der Künstler mit dem Abguß der Attribute seiner eigenen Männlichkeit schmückte.

Maurizio Cattelans Wandinstallation der „150 Spermini“ von 1997 aus bemalten Gummimasken ist Leihgabe der Brant Foundation in Connecticut. Eine „Anthropométrie“ Yves Kleins auf Papier, „ANT 78, Anthropologie de l'époque bleue“ von 1960, kommt aus der Kollektion des französischen Regisseurs und Produzenten Claude Berri - dazu die nicht weniger zauberhafte Silhouette von Susan Weil, die Robert Rauschenberg um 1950 auf blaues Fotopapier bannte und die noch heute im Besitz des damaligen Modells ist.

Kiloweise Pfefferminzbonbons

Sie alle sind Teile eines makellosen Panoramas der Stars des internationalen Markts der letzten zwanzig Jahre. Im Gegensatz zum Griechen Dakis Joannou, dem Robert Gobers „Two Breasts“ aus Wachs von 1990 gehören, oder zu Carlos und Rosa de la Cruz aus Miami, die Felix Gonzalez Torres' „Untitled (Portrait of Dad)“ in Form von kiloweise Pfefferminzbonbons zur Verfügung stellten, mochte sich der stolze Eigentümer von Jasper Johns' berühmter Metall-, Glas- und Gipsskulptur „The Critic Sees“ aus dem Jahr 1961, die im Mai bei Christie's in New York 3,5 Millionen Dollar erbrachte, nicht zu erkennen geben.

Dieser Zuschlag jüngsten Datums läßt freilich auf den nicht eben geringen Gesamtwert des bei Perrotin versammelten Ensembles schließen, und die Sammler, ob sie nun auf Diskretion setzen oder nicht, dürften allemal die Genugtuung erfahren, zu den Mitgliedern eines erlesenen Zirkels zu gehören. „Empreinte-moi“ ist nicht nur eine Schau von hoher Qualität, sondern eröffnet den Blick auf den Horizont und das Geschick zweier junger global agierender Marktstrategen in Sachen Kunst, die so den Anspruch erheben, über den Markt hinaus auch die Kunstgeschichte zu prägen.

Bis 3. Dezember



Text: F.A.Z., 26. November 2005
Bildmaterial: Galerie Emmanuel Perrotin

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