Promis und Kunst

Was Miami weiß

Von Niklas Maak

31. Oktober 2006 Früher hatte jedes Jahrzehnt sein Zentrum der Kunst: Paris war es in den zwanziger, New York in den fünfziger Jahren, aber seit einiger Zeit liegt das Zentrum der Gegenwartskunst eindeutig ganz woanders, nämlich auf den internationalen Flughäfen: Wer in der durchglobalisierten Kunstwelt einigermaßen mitbekommen möchte, was passiert, muß mindestens zur Whitney-Biennale oder Armory Show nach New York, zur Art Basel, zur Istanbul-Biennale, aufs Berliner Art Forum, auf die Londoner Frieze, zur Art Cologne, zur Fiac und nach São Paulo, bevor die Pilgerfahrt in den lustigen Maelstrom aus Champagner, Popstar-Irrsinn und Geldlawinen in Miami Beach beginnt.

Darüber hinaus dürfen auch die großen Ausstellungen nicht ausgelassen werden, weswegen es sehr erstaunlich ist, daß die Kunstwelt bei der ganzen Hin- und Herfliegerei überhaupt noch zum Landen, Verkaufen, Produzieren und Feiern kommt. Daß sich überhaupt so viele Leute die ganze Fliegerei leisten können, liegt unter anderem am drastischen Verfall der Flugpreise, und so hat sich in der Kunstwelt eine Art Easy-Jet-set herausgebildet, der wie ein monumentaler Karnevalszug um die Welt donnert, verfolgt von Unmengen an Geld, angeführt von einigen Meistern des Betriebs, die das mittelalterliche Prinzip der Wanderherrschaft für sich neu entdeckt haben: Es gibt Kuratoren, die man nur noch auf Flughäfen antrifft, und wehe dem, der zur falschen Zeit am falschen Flughafen und nicht zur Stelle ist, wenn Bryan Ferry auf der Frieze ein Privatkonzert bei Jay Jopling gibt.

Magische Matadoren

Macht im Kunstbetrieb bedeutet, den internationalen Partykalender zu kennen. Das plötzliche Erscheinen der ortlosen Matadoren auf Ausstellungen und Messen verleiht ihnen etwas Magisches, und so ist es kein Wunder, daß Popstars und Models zu Kunstmessen wie zu Gottesdiensten anrücken. Auf der diesjährigen Frieze sah man Modemacher Valentino und Gwyneth Paltrow, Kate Moss und Claudia Schiffer wie Vertreter einer besiegten Armee herumlaufen; die Kunstwelt saugt den Glamour aus Pop und Mode auf - was nicht ginge, wenn „der Künstler“ nicht die letzte Bastion einer ungebremsten Heldenverehrung wäre.

Alle Entzauberungsversuche von Pop-art, kritischer Theorie und systematischer Aufweichung von High und Low konnten der Enthobenheitsaura des Künstlers offenbar nichts anhaben: Wie im 19. Jahrhundert wird er als romantische Existenz jenseits aller gesellschaftlichen Normalität bewundert, als Einsiedler in eisigen ästhetischen und intellektuellen Höhen, und zu jedem Künstler raunt man unten im Tal der Messen die wildesten Gerüchte und Anekdoten: Neo Rauch lande manchmal mit seinem Sportflugzeug in Berlin-Tempelhof; Robert Rauschenberg habe hinter seinem Haus einen Stapel aus Whiskeyflaschen, der so hoch wie das Haus sei; die Künstlerin K. S. habe ihr Alter großzügig nach unten korrigiert und nun ein Problem, ihre Pensionierung als Professorin zu vertuschen; der junge Künstler Jason Rhoades sei am Ende einer Kokain-Nacht gestorben, und übrigens würden der Künstler X und der Galerist Y ja noch viel mehr Kokain nehmen - und gerade für Neuankömmlinge trägt all dieses Geraune erheblich zum Bild einer verlockenden und wilden Welt bei.

Ausstellungs-GAU im Jahr 2007

Daß für nächstes Jahr - wenn kein Platzen der vielbeschworenen Kunstmarkt-Blase, so doch - etliche Kreislaufzusammenbrüche zu befürchten sind, liegt daran, daß an wenigen, aufeinanderfolgenden Tagen im Juni 2007 der Ausstellungs-GAU aus Documenta, Art Basel, Kunstbiennale Venedig und Skulptur Projekte Münster stattfindet. Und auch wenn man ein sonniges Gemüt und unbegrenztes Vertrauen in die Produktivität eines sich wie ein atomarer Hefeteig ausdehnenden Kunstbetriebs hat, ist doch schwer vorstellbar, woher die Massen an neuer Kunst kommen sollen, die hier gezeigt werden müssen. Ist es ein Zeichen, daß einer der ersten „Künstler“, die der Documenta-Leiter Roger M. Buergel als Teilnehmer der nächstjährigen Weltkunstschau bekanntgab, ein Koch aus Spanien ist?

Einfacher als die Frage, wer bitte die Tausende von Werken herstellen soll, ist die Frage zu beantworten, wer sich für die durch ihre Vermassung immer dünner werdende Kunstsubstanz interessieren soll. Natürlich ist es großartig, daß es leidenschaftliche, kluge Sammler gibt, die Preise stiften, Arbeiten an Museen schenken, Werke fördern und so in Zeiten knapper öffentlicher Gelder die Produktion experimenteller großer Werke und das Überleben der öffentlichen Sammlungen ermöglichen.

Der intellektuelle Glanz der Gegenwartskunst

Anderseits zieht der Kunstboom auch eine eigenartige Klientel an. In keinem Bereich ist die Selbstveredelungsmöglichkeit so groß wie hier; man ist rund ums Jahr mit Herumfliegen beschäftigt, wird als Förderer brotloser junger Künstler, also als guter Mensch gefeiert und lebt im guten Bewußtsein, daß man keinem teenagerhaften (Pferde) oder gesellschaftlich verpönten (Luxusfahrzeuge) Sammeltrieb folgt, sondern ins Zentrum der intellektuellen und ästhetischen Bewegungen seiner Zeit vorstößt. Gegenwartskunst hat einen intellektuellen Glanz, der sogar Popstars anzieht, bietet die Möglichkeit, sich im Glanz gesellschaftskritischer Werke als Teil einer Boheme zu fühlen und gleichzeitig auf Spekulationsgewinne hoffen zu dürfen, die jeden Börsenhai vor Neid in den Tisch beißen lassen.

Die Galerie Terminus wirbt in der Zeitschrift „Architectural Digest“ auf zehn (!) Seiten mit den Worten: „Noch kein Sammler? Lassen Sie sich überzeugen von soliden Wertentwicklungsperspektiven . . . und dem ästhetischen Mehrwert großartiger Kunst.“ Der neue Spekulantensammler wird angelockt mit dem Versprechen: „Die Picassos von morgen - schon heute“. Oder das Buch „Collecting Contemporary“: „Du hast dich entschlossen, einzusteigen“, heißt es da im Vorwort, und wie man richtig „einsteigt“ in die Kunstwelt, zeigen dann Interviews mit Gerd Harry Lybke, Francesca von Habsburg und anderen.

Aufgedonnertes Kunsthandwerk

Die aus der Angst, sich als Branchenoutsider zu entlarven, gespeiste Unsicherheit und Zurückhaltung der neuen Kunden ermuntert nicht wenige Kunsthändler, ihre zweifelhafte Ware mit Gemeinplätzen schmackhaft zu machen, die jedem Erstsemesterstudenten um die Ohren gehauen würden; Der Künstler, führt der Galerist aus, „bricht Sehkonventionen“, indem er „unsere Sehgewohnheiten in Frage stellt“, und hat „formal dicht“ (an dieser Stelle reibt der Galerist Daumen und Zeigefinger aneinander, um die formale Dichte des Werks darzustellen) „einen Moment unserer“ (Blick ins Auge des Sammlers) „Gegenwart erfaßt“. Derart terminologisch zermürbt, verläßt der Kunstkäufer die Galerie mit etwas unterm Arm, was ehrlicherweise nicht als Kunst, sondern in der Abteilung Einrichtungsgegenstände zwischen Tapeten, Wandfarben, Paravents und anderem diffus stimmungsbeeinflussendem Mobiliar verkauft werden sollte.

Jedoch die Frage, ob es eventuell Dinge gibt, die wie Kunst aussehen, aber nur aufgedonnertes Kunsthandwerk sind, ob sich auf vielen Messen nicht eine Hölle der ästhetischen Irrelevanz auftut - diese Frage läßt die neue Kunstgläubigkeit gar nicht zu. Deswegen wird am Ende das passieren, was in der politischen Theorie „Imperial Overstretch“ heißt: Die Kunstwelt wird zerfallen. Es wird endlos viele Messen geben, auf denen Dinge verkauft werden, die nach Kunst aussehen, aber eigentlich nur Dekorationsobjekte zur Verstärkung einer bestimmten Stimmung sind, also Design. Irgendwann werden sich kleine Gruppen aus der Hintertür dieses Kunstbetriebs hinausstehlen, und dann ist man wieder zurück an dem historischen Punkt, an dem sich die Avantgarden aus den Salons verzogen - und immerhin das ist vielleicht eine gute Perspektive.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.10.2006 Seite K5
Bildmaterial: Linda Nylind/Frieze, Messe Berlin/Stefan Maria Rother

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