Von Brigitte Jacobs van Renswou
11. April 2007 Martin Kippenberger war dem Galeristen Erhard Klein anfangs nicht ganz geheuer: Bereits Ende der siebziger Jahre lud Kippenberger, der zwischen 1978 und 1983 überwiegend in Berlin wohnte, Erhard Klein nach Berlin ein, um ihn davon zu überzeugen, ihn auszustellen. Wir sind zusammen in die Paris Bar gegangen, und da hat mich Kippenberger vollgequatscht. ,Erhard, du musst mich ausstellen - ich bin der beste Maler überhaupt.' Ich war froh, wie ich nach zwei Stunden raus bin, und wie ich weg war, dachte ich noch, den Typen stell' ich nie im Leben aus. Niemals.
Auch die Kinder des Galeristen, die ständig von Künstlern umgeben waren, reagierten zunächst sehr zurückhaltend: Der war ihnen zu radikal, der hat Späße gemacht, da haben sie es mit der Angst zu tun bekommen. Kippenberger, aufgrund seines lautstarken Auftretens in der Kunstszene als Enfant terrible, Rebell und Provokateur verschrieen, mag Erhard Klein zuerst abgeschreckt haben, zumal doch gerade der Kontakt und die Freundschaften zu seinen Künstlern die unabdingbare Grundlage seiner Galeriearbeit bildeten.
Erhard Klein, vergesslich
Erhard Klein betrieb seine Galerie von 1970 bis Anfang 1994 in Bonn und vom Sommer 1994 an in Bad Münstereifel-Mutscheid. Sein Hauptinteresse galt von Anfang an, bedingt durch enge Kontakte zur Düsseldorfer Künstlerszene um den Ratinger Hof, den zeitgenössischen deutschen Künstlern der Gegenwart wie Joseph Beuys, Felix Droese, Georg Herold, Martin Kippenberger, Jürgen Klauke, Imi Knoebel, Blinky Palermo, Sigmar Polke, Ulrich Rückriem oder Katharina Sieverding. Aus der besonderen Beziehung Erhard Kleins zu seinen Künstlern heraus entstanden zahlreiche Editionen und Kunstwerke, die diese Beziehung auch direkt thematisierten oder verdeckte Botschaften und Rückbezüglichkeiten enthalten: So verpackte 1983 Joseph Beuys zwölf Roséweinflaschen in einem Karton mit dem von ihm entworfenen Etikett F.I.U. DIFESA DELLA NATURA, die zugunsten der Free International University als Multiple über die Galerie vertrieben werden sollten.
Erhard Klein vergaß jedoch, in seiner Einladung darauf hinzuweisen, dass der Verkaufserlös für die F.I.U. bestimmt war. Darauf reagierte Beuys, indem er einen Stempel mit dem Aufdruck ERHARD KLEIN UNKONZENTRIERT herstellen ließ und damit hundert übrig gebliebene Exemplare der beanstandeten Einladung überstempelte, signierte und numerierte. Auf dieses Multiple wiederum reagierten Albert Oehlen und Martin Kippenberger mit der Edition ERHARD KLEIN VOLLKONZENTRIERT, die aus hundert mit diesem Textstempel bedruckten Einladungskarten bestand. Etwa zeitgleich erschienen in der Galerie Hetzler zehn Exemplare einer Wodkaflasche von Georg Herold mit dem Stempel ERHARD KLEIN KONZENTRAT; 1985 schenkte Friedrich Meschede Klein ein Notenheft mit dem Stempel ERHARD KLEIN KONZERTANT und zum schönen Schluss schrieb Reiner Speck anlässlich des zwanzigjährigen Galeriejubiläums einen Text mit dem Titel ERHARD KLEIN VOLL KONZENTRIERT.
Heftige Malerei
Das abgebildete Foto im Badezimmer zeigt Albert Oehlen, der am Rand der Badewanne aus einem Buch Frauen im Leben meines Vaters vorliest, während Martin Kippenberger im Badeschaum versunken dem Vorlesenden lauscht: Es handelt sich um die Einladungskarte zur ersten Ausstellung von Martin Kippenberger und Albert Oehlen Frauen im Leben meines Vaters in der Galerie Klein, die beide Künstler als gestempelte Edition herausgaben. Martin Kippenberger und Albert Oehlen waren engste Künstlerfreunde, sie organisierten gemeinsame Ausstellungen, und sie äußerten ihr Selbstverständnis in zahlreichen gemeinsamen Schriften. Das Auftreten als Künstlergruppe - zusammen mit Werner Büttner und Martin Oehlen - und die Produktion von Gemeinschaftsbildern waren Anfang der achtziger Jahre ein Medium zur Etablierung neuer malerischer Positionen; Kunstproduktion und Lebensform waren aufs engste miteinander verknüpft.
In der isolierten Berliner Kunstsituation bildete sich das Zentrum der Neuen Wilden, der großformatigen heftigen Malerei, deren Protagonisten sich mit der aus der Londoner Musikszene entstandenen Punkbewegung sehr verbunden fühlten. Martin Kippenberger betrieb in Berlin seit 1979 zusammen mit Gisela Capitain das Kippenberger Büro, organisierte Ausstellungen und Konzerte und war zeitweise Geschäftsführer des Kreuzberger Szene-Lokals S.O. 36.
Feucht-fröhliche Ausstellung
Was waren seine Beweggründe, im kleinbürgerlichen Bonn bei Erhard Klein auszustellen? Max Hetzler, um 1982 Galerist von Kippenberger und Oehlen in Stuttgart, erinnert sich: Natürlich wollte Martin neben Beuys, Polke und Palermo ausstellen. Mit denen wollte er sich messen, genau da wollte er hin. Im Jahr 1983 kam es also zur denkwürdigen Ausstellung Frauen im Leben meines Vaters, deren Eröffnung von einer Art Happening begleitet wurde: Den Auftakt bildete eine feucht-fröhliche Eröffnung - bereits am Mittag zog man zum Biertrinken in die Kneipe -, und ein Männerchor - bestehend aus Albert Oehlen, Werner Büttner, Martin Kippenberger und dem Galeristen Max Hetzler - sang das Bergmannslied Glück auf, der Steiger kommt. Eine im Zentralarchiv vorhandene Serie mit Aufnahmen des Fotografen Franz Fischer zeigt Kippenberger und Oehlen in merkwürdigen Posen und Verrenkungen vor ihren Arbeiten.
Die Zusammenarbeit zwischen Erhard Klein und Martin Kippenberger setzte sich fort mit den für Kippenberger charakteristischen Titeln aus intertextuellen Wortspielen und Sprachwitzen, wie 1985: Was ist Ihre Lieblingsminderheit? Wen beneiden Sie am meisten? Fortsetzung erfuhr auch die für Erhard Kleins Galeriearbeit typische, anekdotische Entstehungsgeschichte seiner Ausstellungen: Als Martin Kippenberger 1986 wieder unbedingt eine Ausstellung bei Erhard Klein ausrichten wollte, das Programm aber schon voll war, forderte er: Dann gib mir doch das Sommerloch.
Erhard Klein stimmte zu und zeigte Martin Kippenberger: Gib mir das Sommerloch.
Die Sonderschau des Zadik auf der Art Cologne vom 18. bis zum 22. April und die dazu erscheinende Publikation in der Reihe sediment präsentieren Text-, Bild- und Filmdokumente zu den wesentlichen Stationen von Erhard Kleins Galeriearbeit.
Text: F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite K5
Bildmaterial: Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne; Albert Oehlen
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