Kunst und Banken

Das Wunder vom Main und seine Förderer

Von Michael Hierholzer

11. April 2007 In keiner anderen deutschen Stadt kam es in den neunziger Jahren zu einem so engen Zusammengehen zwischen Kunst und Wirtschaft wie in Frankfurt. Die Manager lauschten lächelnd der Kunstandacht eines Jean-Christophe Ammann. Der Direktor des 1991 eröffneten Museums für Moderne Kunst umgarnte, wegen der Finanznot der öffentlichen Hand in Sorge um sein Haus versetzt, die Größen des einheimischen Finanzwesens. Das System der Previews, Pre-Previews, der zahllosen Sonderveranstaltungen und extravaganten Tafelrunden etablierte sich.

Inzwischen hat eine neue Generation von Museumsleuten und Ausstellungsmachern auch die letzten Vorbehalte abgeschüttelt. „Einen großen Teil meiner Arbeitszeit verwende ich darauf, Gespräche mit möglichen Sponsoren zu führen“, sagt Max Hollein, in seiner Funktion als Leiter von Schirn Kunsthalle, Städel Museum und Liebieghaus Skulpturensammlung fast schon so etwas wie ein Generaldirektor der Frankfurter Ausstellungshäuser. Über Geld werde dabei aber nicht gesprochen. Wenn allerdings anschließend ein sechsstelliger Betrag dabei herausspringe - „umso besser“.

Ohne Berührungsängste

Frankfurter Unternehmen sind dabei nicht die Einzigen, wegen des gemeinsamen Standorts aber gewiss die vorrangig ins Auge gefassten Ansprechpartner. Die Odilon-Redon-Retrospektive in der Schirn Kunsthalle hat beispielsweise die KPMG Deutsche Treuhand-Gesellschaft mit einem namhaften Betrag unterstützt. Die Arbeit von Max Hollein kann als exemplarisch gelten: Ohne Berührungsängste balanciert er zwischen Geldgebern, künstlerischem Anspruch, wissenschaftlicher Akribie und Publikumswirksamkeit. Hollein steht für den neuen Typus des Kulturmanagers, der ein Faible für Marketing hat und die reichlich unterschiedlichen Sprachen von Kultur und Wirtschaft gleichermaßen beherrscht. Wo sonst, wenn nicht in Frankfurt, sollte es gelingen, die eine in die andere zu übersetzen.

KPMG: Skulptur von Erich Hauser im Lichthof Neue Börse: Andreas Gursky behält den Überblick Blick auf Frankfurt von Christian Morgenstern: im Bankhaus Metzler Gentlemen von J. Seward Johnson Jr.: im Commerzbank Hochhaus

Auch Ammanns Nachfolger als Direktor des Museums für Moderne Kunst setzt auf Zusammenarbeit mit der Wirtschaft: So haben sich sieben Unternehmen verpflichtet, das Haus mit je 40.000 Euro jährlich zu fördern. Die Mittel der von Udo Kittelmann so genannten „glorreichen Sieben“ - die DekaBank, die Delton AG, die Deutsche Bank, die Eurohypo, die Helaba, die KfW Bankengruppe und die UBS Wealth Management AG - werden ausschließlich für Ankäufe verwendet. Ein Fördermodell, das, sagt Kittelmann, „die Unabhängigkeit des Museums erhöht“.

Stimmungswechsel in der Kulturpolitik

Die Unkenrufe, man habe mit den vielen neuen Museen nun etliche Hüllen, die mit Inhalten zu füllen die finanziellen Kapazitäten bei weitem überfordere, sind inzwischen ganz verstummt. Es hat sich gezeigt, dass die Häuser sehr wohl in der Lage waren, mit der Finanzierungskrise umzugehen. Dies lag nicht zuletzt an einem Klimawechsel in der Kulturpolitik: Das bürgerschaftliche Engagement, das in Frankfurt vor der Zeit des Nationalsozialismus besonders stark ausgeprägt war, ließ sich in einem Umfang wiederbeleben, wie es sich die siebziger Jahre nicht erträumt und auch nicht gewünscht hätten - Kulturförderung wurde damals gerade in Frankfurt als städtische und allenfalls noch als Staatsaufgabe verstanden; Mäzenatentum oder gar Sponsoring galten als illegitime Einmischung. Sogar die Frankfurter Kunstmesse war Ende der achtziger Jahre von Amts wegen ins Leben gerufen und auch finanziert worden. Eine Kunststadt sollte Frankfurt werden. Nach dem Fall der Mauer aber zog es viele Künstler nach Berlin. Und Berlin übt nach wie vor einen starken Sog auf die Szene aus.

Für viele Künstler aber lautet mittlerweile die Devise: In der Hauptstadt leben, im Schatten der Bankentürme ausstellen. Denn mittlerweile hat sich Frankfurt tatsächlich zu einer Kunststadt entwickelt. In einem etwas anderen Sinn, als zu jenen Zeiten geplant war, in denen die öffentlichen Mittel noch üppig flossen: aus den Institutionen heraus nämlich, in denen eine jüngere Generation von Direktoren und Kuratoren nicht länger nur nach dem Stadtsäckel schielt, sondern sich überall Partner sucht, international kooperiert und mit frischen Konzepten bei Fachleuten wie einem breiteren Publikum für Furore sorgt. Städelschule und Portikus, Museum für Moderne Kunst, Schirn und Kunstverein haben ein Frankfurter Gegenwartskunstwunder möglich gemacht, das gerade auch außerhalb der Stadt für Erstaunen sorgt. Es hat viel damit zu tun, dass alte Berührungsängste abgebaut wurden. Frankfurter Chef-Kunstvermittler beraten Unternehmen. Und diese kooperieren zunehmend mit den Museen.



Text: F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite K3
Bildmaterial: Wonge Bergmann

 
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