Berliner Galerienschau

Eine perfekte zweite Landung

Von Swantje Karich

07. Mai 2007 Berlin ist wieder im Kunstfieber aufgeblüht, seit das zweite „Gallery-Weekend“ an drei Tagen Tausende Besucher in die Stadt brachte: 29 Galerien beteiligen sich; noch viele mehr hatten auch am Sonntag und Montag geöffnet, um von den angereisten Sammlern zu profitieren.

Bei Arndt & Partner hat Thomas Hirschhorn mit „Stand-alone“ einen fesselnden Eingriff in die Galerie vorgenommen. Nach dem Erlebnisgang durch die drei Räume lässt sich an der eigenen Wahrnehmung zweifeln: Denn gleich die Installation im ersten Raum rammt frontal und rücksichtslos die Stabilität der Sinneswahrnehmung; es zeigt sich ein Bild der Zerstörung und des Chaos, das doch Teil von Hirschhorns bizzarer Ordnung ist. Jeder Raum wird durch einen überdimensionierten, mit braunem Paketband und Bildern beklebten Baumstamm geteilt; in jedem der Räume steht eine übergroße Kamin-Attrappe, vollgestopft mit Pappobjekten, Büchern.

Ebenfalls umklebte Sessel reihen sich an der Galeriewand auf. Spätestens im dritten Raum, beim dritten Kamin, beim dritten Stamm beginnt sich diese Welt zu bewegen, sich die Räume durch die Wiederholung zu drehen. Der Strudel ist stark, konfrontativ und umschließt den Betrachter (350.000 Euro). (Bis 7. Juli.)

Ackermanns Rückkehr zu den „mental maps“

Auch Franz Ackermann nimmt den ganzen Raum seiner Galerie neugerriemschneider ein. Ackermanns Intervention „from eden to lima“ ist eine Rückkehr zu jenen „mental maps“, mit denen er seine künstlerische Suche Anfang der neunziger Jahre und während seiner Reisen nach Asien begann. Ackermanns psychedelische Installation setzt sich aus einem großformatigen Neon-Gemälde, verzwirbelten Wandzeichnungen, freien Objekten und Formen im Raum zusammen. Hier zeigt sich ein stärker abstrakt künstlerischer Ansatz als bei Thomas Hirschhorn; beide setzen jedoch persönliche Erfahrungen in ihre jeweils imposante Formensprache um (Preise auf Anfrage). (Bis 26. Mai.)

Der amerikanische Künstler Dash Snow, Jahrgang 1981, bei Contemporary Fine Arts beweist ebenfalls Besetzerqualitäten: Die Wände der Galerie sind verkleidet mit kleinformatigen, einzeln gerahmten Collagen in Petersburger Hängung. Dash Snow hat sie vielfältigen Medien entnommen, politischen oder auch pornographischen Kontexten, und er hat sie wie ein Totem bereits vergangener Mächte und Zeiten in Szene setzt. Es läuft Country Music dazu. Tausende kleiner Schnipsel und Bilder stellt er zusammen, mit seinem ungewöhnlichen Blick für direkte Aussagen. Wirken seine Collagen noch zurückhaltender und wie ein unerschöpflicher Bilderkosmos, sind die Skulpturen unverblümt drastisch: Ein Puppenkopf, eingelegt in einer durchsichtigen Flasche, trägt die Aufschrift „Baby used as a weapon“ (5000 Euro). An einer zentralen Wand hat Dash Snow Artikel aus amerikanischen Boulevardzeitungen aufgereiht und überarbeitet; sie zeigen auf ihren Titelblättern Fotos von Saddam Hussein - kurz vor seiner Hinrichtung mit Schlinge um den Hals, in Unterhose oder als Angeklagter (48.000 Euro). Ein makaberes Zeugnis bereits zu Geschichte gewordener Weltpolitik und Medienrezeption. (Bis 23. Juni.)

Jeff Walls fein montierte Fotografien bei Johnen

Spektakulär, aber wesentlich weniger provokativ präsentiert sich die Galerie Johnen: Ihr Star-Künstler Jeff Wall sorgt mit neuen Fotografien für Begeisterung. Die Werke zeugen von jener dezidierten Beobachtungsgabe, die den Kanadier berühmt gemacht hat. Auf den bis ins allerletzte Detail durchinszenierten und aus verschiedenen Fotos zusammengesetzten Werken lassen sich die einzelnen Fragmente nur noch erahnen. Das Foto „Hotels, Carrall St., Vancouver, 2007“ (Auflage 3; 2,5 mal 3 Meter; 500.000 Euro) zeigt eine Häuserfront in Jeff Walls Heimatstadt. Jede Spiegelung im Fenster, der bemalte Bauzaun und die am Ende der Straße stehenden Leute mit Einkaufswagen - alle Motive sind wohlüberlegt und haben ihre individuelle Geschichte: In dem Haus verbringen Obdachlose ihre letzten Tage, „Darwin“ steht auf dem Schild der Baufirma, Details des Zauns zeigen Bezüge zur Malerei von Frida Kahlo. Den Zufall lässt Jeff Wall hier einmal mehr nicht regieren. (Bis 26. Mai.)

Isabella Bortolozzi legt mit Danh Vo unter dem Titel „Good Life“ in ihrer Galerie und mit einer Sonderausstellung in Räumen des Café Moskau an der Karl-Marx-Allee eine Meisterleistung hin: Vierzehn Künstler vereint die Galeristin im Café Moskau in dunklen, kalten Räumen und stellt sie der alltäglichen Flut an Bildern gegenüber. Zwischen den stillen, feinen Werken von Claire Fontaine, Luca Trevisani oder Melvin Moti (von 3000 bis 20.000 Euro) ergibt sich ein diskreter Dialog. Die kellerartigen Räume sind wie ein schützendes, sicheres Versteck für die zarten Kunstwerke - an diesem Ort ist ausgiebiges Betrachten möglich; kein lautes Treiben stört. (Bis 8. Juni.)

Mario Airòs poetische Kraft bei Giti Nourbakhsch

Giti Nourbakhsch zeigt in ihren neuen Räumen an der Kurfürstenstraße Mario Airò. Der Italiener erfüllt die Szene mit poetischer Kraft: An der Stirnseite schlängelt sich seine Neonarbeit „My first flight with GPS“ (25 000 Euro) die Wand entlang - der Flug geht über rote Bergkämme und weite Seen, die lediglich durch Neonröhren angedeutet werden und Wunschbilder bleiben. Neonlicht dient Airò auch in seinem attraktiven Werk „Yawp“ (22.000 Euro) als Mittel zur Erkundung von Licht und Farbe, von Momenten des Verschwindens und Verschwimmens. Gerahmt wird diese Arbeit von zwei Bleistiftzeichnungen, „Perfect landing C“ und „Perfect landing 8“ (je 12.000 Euro). Eindrücklichster Teil der Installation sind die an Bienenstöcke von Imkern erinnernden Holzobjekte (12.000 Euro). In jeden Deckel ist ein geschlängeltes Muster geschnitzt, das sich durch Beleuchtung von oben auf dem Boden unterhalb der Kästen abbildet. „Nazca's Beehive 8“ aus dem Jahr 2007 kostet 12.000 Euro. (Bis 26. Mai.)

Bei Johann König übernimmt Michaela Meise das Terrain und lässt schwarze Bretter an goldenen Ketten den Raum durchteilen. Sehenswert sind auch die Zeichnungen des New Yorker Künstlers Ernesto Caivano bei Carlier Gebauer. Auf seinen extremen Querformaten, die den Titel „Offerings“ (26.200 Dollar) tragen, wimmelt es von kleinen ruckartigen Strichen, die sich in der Gesamtansicht zu graphischen Nebelschwaden zusammenschließen. Der in New York lebende Zeichner und Bildhauer verbindet in seiner Arbeit Kultur, Naturwissenschaft, Science-Fiction und Technologien. (Bis 26. Mai.)

Haegue Yang konzentriert alles auf einen Punkt

Die Poesie des Zufalls erhebt die Koreanerin Haegue Yang in der Galerie Barbara Wien zum Objekt: Vorbild für die Arbeiten „In the middle of its story“ (Dreierserie 8000 Euro; 18 Tafeln 40.000 Euro) war Marcel Broothaers' Film „La Pluie (Projet pour un texte)“ aus dem Jahr 1969. „This sheet seems to me a kind of drain, where everything is absorbed into one point“, schreibt Haegue neben eine DIN-A4-Zeichnung, auf der ein blauer Farbwirbel zu explodieren scheint. (Bis 31. August.)

Nicht zu den knapp dreißig auserwählten Galerien des Wochenendes, aber sicherlich zum verheißungsvollen Nachwuchs zählen Micky Schubert und Sandra Bürgel. In der kleinen Galerie von Schubert sind Tonarbeiten der Rebecca-Horn-Schülerin Thea Djordjadze verstreut. Sandra Bürgel trumpft mit einer Installation von Klaus Winicher auf, die zwar nicht mehr ganz neu ist in ihrer Idee, aber dennoch etwas Anziehendes ausstrahlt: Winicher hat siebzig Künstler gebeten, ihm je ein Werk für seine Ausstellung zu geben. Wie Girlanden hat er die Arbeiten an den Wänden in einem leichten Bogen aneinandergereiht. Ein Schwarzbild von Anselm Reyle prangt in der Mitte als Hommage an den Überflieger-Künstler, der nun von der Gagosian Gallery vertreten wird und in Berlin als Synonym für grenzenlosen Erfolg gilt. Schlagzeug und Biertisch vom Eröffnungsabend werden als Einheit mit den siebzig Werken verkauft (Preis auf Anfrage). (Bis 9. Juni.)



Text: F.A.Z., 05.05.2007, Nr. 104 / Seite 47
Bildmaterial: Arndt & Partner, Esther Schipper, Galerie Barbara Wien, Galerie Bortolozzi, Galerie Nordenhake, Johnen Galerie, Olaf Stüber

 
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