Von Catrin Lorch
10. Dezember 2005 Peters Bilder waren groß und wirkten exotisch, und damit meine ich echt bizarr, erinnert sich der Künstler Jack Pierson an die Malerei eines Freunds: Nicht allein, daß Peter Cain Ende der achtziger Jahre darauf insistiert, im fotorealistischen Stil zu malen - nichts hätte zu dieser Zeit mehr ,out‘ sein können. Sondern lange bevor mit den digitalen Bildbearbeitungsprogrammen das Morphen und Mutieren der Motive nur noch einen Tastendruck dauerte, hatte sich der Absolvent der New Yorker Parson's School of Design einen Namen mit Gemälden von Autos gemacht, die ihm zu eiförmigen buntlackierten Klecksen schmolzen.
Wie schädellose Klone oder extreme Kopfgeburten der Design-Studios waren sie völlig dysfunktional: Miata ist ein zweirädrig ausbalanciertes silberfarbenes Gefährt ohne Fenster und Türen (76 000 Dollar); die Kühler-Linie eines weißen Porsches stellte er so auf die Spitze, daß das extreme Hochformat Untitled von 1989 aussieht wie ein mit Rücklichtern und Seitenspiegeln ausgestatteter Rorschach-Test.
Während ein Kritiker der Village Voice die Leinwände als Neuen Hohen Stil der Malerei feierte, interessierte sich die Kunstwelt vor fünfzehn Jahren nur mäßig für dieses Werk; angesagt war nicht Malerei, sondern Medien oder Fotografie. Dann starb der Siebenunddreißigjährige 1997 an einer Gehirnblutung, und weil er langsam gemalt hatte, hinterließen zehn Jahre Arbeit ein schmales Œuvre von etwas mehr als sechzig Bildern. Dem Galeristen Aurel Scheibler ist es nun gelungen, als letzte Einzelschau in seiner Kölner Galerie - er wechselt im kommenden Frühjahr, wie berichtet, endgültig nach Berlin - diesen Insider-Künstler in einer großen Ausstellung zu präsentieren.
Nachdem während der Art Cologne der New Yorker Galerist Matthew Marks drei Auto-Motive an den Rhein exportiert hatte, zeigt Scheibler unter dem Titel The Los Angeles Pictures die letzte Serie eines Schaffens, in dem sich Fotorealismus, Surrealismus und Pop-art zusammenfinden, als gälte es, noch einmal miteinander on the road zu sein.
Tankstellen und Gemischtwarenläden, das in äußerst schlichte Architektur verpackte Warenangebot am Rande der Highways, ist mehr als die nachgelieferte Kulisse für stillgestellte Auto-Mutanten. Mobil und Glendale Boulevard, beide von 1996, blicken quasi vom Beifahrersitz aus auf die Tankstelle - doch zeigen sich Zapfsäule und Schaufenster, wie mit dem Hochdruckreiniger bearbeitet, als unbelebte und sogar von Buchstaben gereinigte Szenerie; sie sind in Formgeometrien und klare Farbklänge aufgelöste Zonen (je 65 000 Dollar).
Daß Peter Cains glattgespachtelter, geradkantiger Straßenrealismus an den Rändern willentlich ausfranst, die sauber gezirkelten Linien sich zentimeterweise in Schlieren verlieren dürfen und ein flirrend gemaltes Blattwerk sich übergangslos in psychedelisch grünes Geflimmer auflöst, umreißt das ungeheure Potential einer Malerei, die - Hopper, Halley und Salle verwandt - Ende des vergangenen Jahrhunderts einen frühen Höhepunkt erreichte, ohne sich fortsetzen zu können. Heute erst erkennt man in Peter Cain einen visionären Vorläufer des Maler-Booms, die Ausstellung bei Aurel Scheibler erinnert jedoch in aller Strenge an einen auch konzeptionell denkenden Künstler.
Dazu paßt eine unbetitelte Serie von 98 Zeichnungen aus der Mitte der neunziger Jahre: Obwohl sie Straßenecken, Ampelanlagen, Zäune, Rinnsteine, Laternen zu stillen Settings zusammenfügen, sehen die weichen Bleistiftlinien nicht aus, als seien sie am Rand der Straße skizziert, sondern flüssig erinnerte Vergangenheit oder vielleicht auch einfach nur klug durchgepauste Fotografie. Und fast jedes Blatt wird, wie ein nostalgisches Albumbild, noch einmal durch einen gerundeten Rand begrenzt. (Die gesamte Serie wird für 190 000 Dollar angeboten. Als Set von je zehn oder fünfzehn kosten die Zeichnungen 21 000 und 32 100 Dollar.)
Bis zum 17. Dezember
Text: F.A.Z., 10. Dezember 2005
Bildmaterial: Galerie Aurel Scheibler, Galerie Aurel Scheibler
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