Sie schreiben "Die für mich erstaunlichste (und leider erst frische) Einsicht in dieser Krise war, dass Geld privatwirtschaftlich erzeugt wird." Nun, das soll ja auch nicht jeder wissen. Darum hängt das auch nicht an der großen Glocke. Im Wiki heißt es: >Das private Geld- und Kreditsystem wurde in den Vereinigten Staaten am 23. Dezember 1913 durch Unterzeichnung eines Kongressbeschlusses (Federal Reserve Act) durch Präsident Woodrow Wilson gegründet. Dem Federal Reserve Act war eine Untersuchung des Kongresses durch Samuel Untermyer, die Pujo Money Trust Investigation, vorangegangen. Untermyer, als Anwalt Teilhaber der Kanzlei Guggenheimer, Untermyer & Marshall, assistierte auch beim Entwurf des Gesetzes. Der Vorschlag zur Etablierung einer Zentralbank nach europäischem Vorbild stammte von Paul Moritz Warburg, Teilhaber des Bankhauses Warburg in Hamburg und Kuhn, Loeb & Co. in New York. Er wurde auch 1914 auf Vorschlag Präsident Wilsons in den Rat der amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve Board) berufen und zu ihrem Vizepräsidenten ernannt.< Interessanterweise wurde die FED ca. ein halbes Jahr vor Ausbruch des ersten Weltkrieges bewußt. Es gibt Theorien, daß man auf diese Art zusätzliches Geld dafür beschaffen wollte.
Die Aufblähung der Geldvolumina an sich bedeutet noch nicht 'reicher' (die ganz gewöhnliche 'Inflation' ist aber dennoch schlecht, weil sie nicht gleichmäßig verläuft, ansonsten wäre es ziemlich egal, wieviel Zehnerpotenzen man an den Nominalwert dranhängt oder umgekehrt wieder wegstreicht, was auch nicht 'ärmer' macht - Lira, Franc). Das Kernproblem war und ist, daß Geld über seine ursprünglichen volkswirtschaftlichen Funktionen hinaus als WARE handelbar gemacht wurde. Die ganze Energie und das ganze Interesse des Finanzsektors richtete sich als Konsequenz daraus auf die Erzielung von Transaktionsgewinnen aus der Plazierung und dem Handel von 'innovativen' Finanzprodukten. Mit der hypertrophisch wachsenden Unübersichtlichkeit der Finanzmärkte entglitten diese nicht nur zunehmend der Kontrolle der Aufsichtsbehörden, sondern den Akteuren selbst. Fazit: bitte selbst ziehen.
Herr Ackermann, der Vorstandsvorsitzer der Deutschen Bank, ist ja nicht ohne Grund zum Buhmann ausgeguckt worden, als er sinngemäß erklärte: "Wir bringen die Eigenkapitalrendite auf 25%", im Klartext: wir machen die Aktionäre reicher. Er selbst schreibt sich das Verdienst daran in Form von etlichen Millionen pro Jahr gut und etliche seiner Mitarbeiter streichen ein Mehrfaches seines Gehalts ein. Die Geldwirtschaft hat ihrer Klientel suggeriert, dass für sie auch möglich sei, an einem überproportionalen Wachsen des Reichtums (im Vergleich zum Wirtschaftswachstum) zu partizipieren. Der Konflikt spiegelt sich meist in ein und derselben Person: Verbraucher -> Preisminimierung Geldanleger -> Renditemaximierung Bürger als Teil der Allgemeinheit -> Nettozahler der pekuniären, informationellen, moralischen Defizite
Aber freilich kann man durch Geldschöpfung reicher werden! Die für mich erstaunlichste (und leider erst frische) Einsicht in dieser Krise war, dass Geld privatwirtschaftlich erzeugt wird. Zwar soll der Vorgang reguliert werden, aber der Artikel beschreibt ja, woran das scheiterte. Also eine Geschäftsbank erzeugt Geld und verwaltet Geld. Sie zahlt Zins und sie fordert Zins. Es gibt nun eine Differenz zwischen Schuldzinsen und Forderungszinsen. Die Größe dieser Differenz ist eine Frage der Konkurrenz im Markt, was die Bank draus macht, eine Frage der Kreativität. Das Geld kann ja wieder rund laufen in der Finanzsphäre. Die Bank wird reicher, wenn das Geld realisiert wird. Banken haben die höchsten Gebäude in Deutschland. Die Bank reicht es durch an ihre höheren Angestellten, die sich z. B. eine Yacht kaufen. Sind Sie damit einverstanden, Herr Fehr, wenn ich die Aussage “…durch die Geldschöpfung“ wird „niemand reicher“ umformuliere in „Durch die Geldschöpfung werden wir alle zusammen nicht reicher“ ? Es ist halt eine Frage der Verteilung.
Geld kommt in die Welt als Kredit. Es wird erzeugt in der Erwartung, dass es nach seinem Umlauf zurückkommt und das mit Aufschlag=Zins. Nun kann die Reise des Gelds länger oder kürzer sein, es tritt in verschiedenen Verkleidungen auf wie Produktivkapital, Aktie, Versicherungsprämie, Derivat usw. Alle diese Erwartungen, die ihm unterwegs aufgeladen werden, erfüllen sich dann, wenn es realisiert wird als Preis auf dem Gütermarkt. Dann kann es zurückfliessen zum Erzeuger und ist verschwunden. Aber da war ja noch der Aufschlag. Der wird bezahlt aus dem Wachstum des Gütermarkts. Wenn nun längerfristig die in Kredit ausgedrückten Erwartungen höher sind als die erzielten Preise, dann wächst die Geldmenge mehr als die Realwirtschaft. Immer mehr Verkleidungen werden für das Geld geschneidert und immer schneller gewechselt. Die Erwartungskette bricht. Ein Teil des Geldes verschwindet (Aktienkurse fallen, Insolvenzen usf.), eine privatwirtschaftliche Sache. Wenn aber die Schmiermittelfunktion des Geldes bedroht ist wie augenblicklich, wird gemeinwirtschaftlich das eigentliche Problem maskiert, die Notenpresse wird angeworfen, der Staat nimmt Kredite auf (sic!). Die Erwartungen werden nochmal prolongiert. Wie lange noch?
Refinanzierung der Banken, Anteil in %. Jahr - Diskont - Pensionsgesch\xe4fte - Lombard | 1980 - 83,5 - 6,0 - 10,5 | 1981 - 86,6 - 6,9 - 6,5 | 1982 - 79,9 - 14,8 - 5,3 | 1983 - 83,9 - 8,0 - 8,1 | 1984 - 76,5 - 15,9 - 7,6 | 1985 - 64,0 - 34,7 - 1,3 | 1986 - 66,2 - 33,2 - 0,6 | 1987 - 66,7 - 33,0 - 0,3 | 1988 - 51,6 - 47,7 - 0,7 | 1989 - 39,0 - 59,9 - 1,1 | 1990 - 42,2 - 56,3 - 1,5 | 1991 - 37,9 - 61,1 - 1,0 | 1992 - 34,0 - 65,4 - 0,6 | 1993 - 27,7 - 71,8 - 0,5 | 1994 - 29,5 - 69,7 - 0,8 |
Notenbanken sind selbstverständlich keine Banken. Speziell die Rolle der Deutschen Bundesbank als 'Währungshüterin' war in der Geschichte der Bundesrepublik von zahlreichen Konflikten mit der Politik gekennzeichnet. Das Bundesbankgesetz schrieb die Unabhängigkeit der Notenbank sogar fest; diese hatte quasi Verfassungsrang. Mit der Einführung des Euro ist dieser Aspekt in den Hintergrund getreten; die EZB sieht sich bislang jedenfalls sogar weniger politischen Pressionen ausgesetzt. In der jetzigen Krise blieb der EZB nichts anderes übrig, als die Geldmärkte gemeinsam mit der Fed und den anderen wichtigen Notenbanken wieder und wieder zu 'fluten', um letale Funktionsausfälle des Finanzsystems und damit der Gesamtwirtschaft zu vermeiden. Die Rechnungen für diese Hilfsmaßnahmen sind allerdings allesamt noch offen, und es muß sich noch erweisen, ob sie das Ende der bisherigen Ordnung nicht bloß noch einmal hinausgezögert haben.
"Diese Pflicht zur Zinszahlung gibt der Geschäftsbank einen Anreiz, mit dem geschöpften Geld so umzugehen, dass Wert geschaffen wird - und die Volkswirtschaft an Wohlstand gewinnt." --- Klassisch ist die Aufgabe des Notenbankkredits die Ermöglichung und Erleichterung des Durchlaufs der Güter von der Produktion bis zur letzten Verwendung. Hier geht es um Kredit für den Absatz *schon produzierter* Güter, der Diskont von Finanzwechseln blieb immer eine Ausnahme, mit der sehr vorsichtig umzugehen war. Zins von Notenbankkredit als Anreiz Wert zu schaffen, setzt aber voraus, daß diese Güter noch nicht produziert wurden. Und ich lasse hier meinen Zweifel zur Seite, daß es unbedingt ein Anreiz zur Produktion ist. Das ist aber die moderne Geldpolitik, die Notenbank ist keine Bank mehr, sondern eine Währungsbehörde, die immer mit der Konjunktur zu tun haben muß. Die Folge ist zusätzliche Spannung zwischen Staat und Notenbank, denn jetzt hat der Finanzminister einen Vorwand (angebliche wirtschaftspolitische Wohltätigkeit), um von der Notenbank Geldfälschung für seine Zwecke zu verlangen.
Viele Menschen sind der Ansicht, dass durch den Akt der Geldschöpfung jemand reicher wird - zum Beispiel weil das Herstellen eines 100-Euro-Scheins nur ein paar Cent kostet, er dann aber zu 100 Euro in Umlauf gebracht wird. Darauf bezieht sich die Aussage "... niemand wird reicher". Im Text sieben Zeilen weiter wird dann aber auf die Zinspflicht eingegangen. Vermutlich sind Sie mit dem Lesen nicht so weit gekommen?? Dort heißt es: "Die Zentralbank verdient aber an den Zinsen, die die Geschäftsbank für den ihr gewährten Kredit zahlen muss. Diese Pflicht zur Zinszahlung gibt der Geschäftsbank einen Anreiz, mit dem geschöpften Geld so umzugehen, dass Wert geschaffen wird - und die Volkswirtschaft an Wohlstand gewinnt. Ähnlich legt die Pflicht zur Zinszahlung auch dem privaten Kreditnehmer nahe, das aufgenommene Geld effizient zu verwenden."
Sehr lesens- und empfehlenswert, insbesondere für die in wirtschaftlichen Fragen "unterbelichteten" Deutschen!
Ich möchte mich Herrn Baldes anschließen: Inhaltlich kann ich zu der Debatte wenig beitragen. Ich empfinde es aber als ausgesprochen wohltuend, dass der Autor auf die Kommentare eingeht, so dass sich tatsächlich eine Diskussion entwickelt. Bisher war ich mir nie sicher, ob die Autoren die Kommentare überhaupt zur Kenntnis nehmen. Ich wünschte mir also, andere Autoren würden dem Beispiel Herrn Fehrs folgen und auf Leserkommentare antworten (auch wenn ich nicht verkenne, dass das wiederum Mehrarbeit bedeutet!). Sollte das nunmehr gar "offizielle" Politik von FAZ.net werden, kann ich nur rufen: Ausgezeichnet!
"Wiederum anders als vermutet, wird durch die Geldschöpfung niemand reicher:..." Zwar steht bei der Geldschöpfung in der Bilanz der Geschäftsbank die Einlage des Kunden von 100.000 Euro als Verbindlichkeit der Kreditforderung der Bank gegen den Kunden von ebensolchen 100 000 Euro gegenüber. Was aber geschieht im Falle der Rückzahlung des Kredits? Es findet dann zwar eine sogenannte “Bilanzverkürzung” der Bank statt, sie verringert also sowohl ihr Vermögen als auch ihre Verbindlichkeiten, sprich ihre Aktiv- wie auch ihre Passivseite. Damit wird Geld tatsächlich “vernichtet”. Somit könnte man tatsächlich glauben, niemand würde durch die Geldschöpfung reicher. Das stimmt jedoch schon deshalb nicht, weil die Bank ja Zinsen erhält. Die Banken haben so einen gewaltigen Anreiz, immer mehr Kredite zu vergeben und ihre Bilanzsummen aufzupusten. Und darin liegt eine der Ursachen der Krise. Ferner darf nicht übersehen werden, dass eine Bank ja ihre Kreditforderungen verbriefen, beleihen und investieren können und dies ja im Interbankenhandel auch passiert (aus kurz mach lang), woran alle prächtig verdient haben: also sehr wohl an der "Geldschöpfung" reicht geworden sind. Verschwiegen Sie das mit Absicht, Herr Fehr?
Dem Autoren und den Kommentargebern herzlichen Dank. Für mich als Laien mit sehr rudimentären Kenntnissen der Finanzsphäre und quasi nur Katastrophenvoyeur waren sowohl der ausgezeichnete Hintergrundartikel wie der anschließende Austausch von Argumenten sehr erhellend. Dass bei der Diskussion der Autor hier eingegriffen hat, unterscheidet dieses Artikel-Kommentar-Ensemble wohltuend von den üblichen Informationshäppchen. Mein unbescheidner Wunsch wäre wirklich eine Fortsetzung der Diskussion, um weiter zu klären und zu bewerten.
Zitat: <<<Dieses Vertrauen auf die Vernunft der Wirtschaftsakteure und auf die Effizienz des Marktes hat aber offensichtlich die Eigendynamik spekulativer Prozesse unterschätzt>>> Das Problem ist und bleibt der menschliche Faktor, etwas verschämt umschrieben mit 'Eigendynamik spekulativer Prozesse'. Es wird nicht reichen, die Fehlleistungen des Systems zu kaschieren und möglicherweise seine Mechanismen zu verbessern. Damit allein werden wir unsere ökonomische Basis im Stadium der Weltgesellschaft nicht sichern. Die globale Wirtschaft erfordert den Einsatz kollektiver Vernunft.
Das ist eine sehr wichtige Sache. Noten und Einlagen bei der Notenbank sind für die Geschäftsbanken wie Gold für die Notenbanken in der Zeit der Goldwährung. Die modernen bargeldlosen Methoden und die immer größeren Banken mit vielen Filialen, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß Zahlungen innerhalb desselben Instituts bleiben, verringern den Einfluß der Notenbank auf den Kredit der Geschäftsbanken. Dies kann nur mit gesetzlichen Vorschriften (wie die "Mindestreserve") ausgeglichen werden. Ich persönlich gebe der Notenbank Arbeit und kaufe nur mit Banknoten (eigentlich Geldscheine) ein.