
"wie der große Erfolg des nationalistischen Buches „Unhappy China“ verdeutlicht. Sollte sich diese Strömung eines Tages mit den alten Gegnern, den von der Kulturindustrie enttäuschten Intellektuellen, verbinden, könnte eine schlagkräftige, bedrohliche Bewegung entstehen."
Immer diese Wunschträume nach der großen Revolution. Diese beiden Bewegungen sind sich spinnenfeind. Die erste - Intellektuelle ala Liu Xiabao - sind die Generation nach der Kulturrevolution, die nach dem Tod Maos und dem Zusammenbruch der kommunistischen Ideologie und den Reformen Dengs, begangen, das neue "ideologische" Vakuum mit einer Idealisierung der USA bzw. des Westens zu füllen. Diese Generation scheiterte 1989.
Die andere Generation ist die der 90er Jahre. Nach Tiananmen und den Aufstieg Chinas in den 90ern entwickelte sich dort die (bei uns fälschlich als nationalistisch abgestempelte - was dazu führt, dass uns das Verständnis fehlt, da wir uns dann an unseren Kategorien u. Geschichte orientieren) neue chinesisch orientierte Ideologie, die versucht die chinesische Vergangenheit (Konfuzianismus) mit der Moderne zu verknüpfen und einen eigenen Weg zu finden. Diese ist zwar nicht prinzipiell Antiwestlich - reagiert aber gereizt auf Bevormundung.

"Aber ist Chinas erstaunlicher Buchmarkt trotz Zensur auch fit für den Sprung auf die literarische Weltbühne?"
Würde man diese Frage bei einem anderen Land, zum Beispiel Marocco, jemals stellen? Solche Fragen werden immer und immer wieder nur bei China gestellt. Pfeifen im Keller bei Angst vor dem Drachen. Bitte immer daran denken: Chinesische Drachen sind Glücksbringer, keine westlichen Monster!

In der westlichen Presse wird immer wieder behauptet, die Kluft zwischen Arm und Reich sei in China inzwischen so groß wie kaum sonst irgendwo. Diese Auffassung ist falsch. Denn es werden Äpfel mit Birnen verglichen. China ist riesig und hat mehr als 1,3 Mrd. Einwohner. Die unterschiedlichen Landesteile befinden sich naturgemäß in einem unterschiedlichen Entwicklungsstadium. Die Küstenprovinzen sind viel weiter entwickelt als das Hinterland. Die Unterschiede sind dennoch nicht größer als in der viel kleineren Europäischen Union, z. B. zwischen der rumänischen Walachei und dem Großraum München. Innerhalb Brasiliens, Indiens und auch den USA findet man die gesamte Bandbreite menschlicher Existenz. Vom unvorstellbar dreckigen Slum bis zum eingezäunten Villenviertel. In China gibt es zwar große Unterschiede, aber anders als in Rio, Kalkutta oder New York und demnächst auch in Berlin, wenigstens keine Slums und keine Menschen, die Hunger leiden.