
Schon komisch, wenn ein status quo unter Denkmalschutz gestellt werden soll - ausgerechnet begründet mit irgendeiner Sorte von Geschichtsbewusstsein. Muss man diese Banalität wirklich aussprechen: Geschichte - d.h. Veränderung über die Zeiten hinweg - hätte es nie gegeben, wenn ein status quo Bestand gehabt hätte. Geschichte findet statt, weil Menschen Veränderungen wollen, ihre Umgebung gestalten, Städte umbauen. >>> Es ist auch nicht alles bewahrenswert, weil es das mal gab, erst recht nicht rekonstruierenswert. Das Schloss aber ist zu rekonstruieren: weil es der städtebaulich-architektonische Ankerpunkt der Mitte und insbesondere der ganzen Achse bis zum Pariser Platz ist. Und vor allem ist es zu rekonstruieren, weil es der bedeutendste Barockbau nördlich der Alpen war. Qualität! >>> Wie merkwürdig die Dinge durcheinandergehen: Ausgerechnet wo das Schloss hingehört, soll nach Meinung mancher unbedingt "ganz modern" gebaut werden. Wo dagegen das Ergebnis der bisherigen Geschichte wegen ihrer ästhetisch-städtebaulichen Katastrophenhaftigkeit korrigiert und Stadt neu geformt werden soll, in vernünftigen - menschlichen - Maßstäben, wird liebgewordene Monstrosität verteidigt. >>> PS: Das Kolonialismus-Argument - einfach grotesk.

ist es mir vollkommen egal, was die Berliner mit ihrem Stadtzentrum anfangen. Sie sollen dort hinstellen, was sie wollen - solange sie es nur selbst bezahlen.

Die Posse um das Retro-Schloss zeigt einmal mehr, wie leer das Getue um Berlin ist. Die Pläne für dieses Disneyland mit Weltverbesserungsanspruch als Zentrum der Republik verkaufen zu wollen ist eine Beleidigung für die Deutsche Nation - die ihre Agilität im übrigen überall nur nicht Berlin zu beweisen scheint.
Ich möchte, dass dieser Quatsch vom Land Berlin allein zu bezahlen ist und die hierfür vorgesehenen Bundesmittel in die Kulturlandschaft des Beitrittsgebiets fließen.

Das Foto-Portrait der Mitte Berlins zeigt eine grandiose Gradlinigkeit von räumlichen Strukturen, wie sie sich in keiner anderen Hauptstadt der Welt den Besuchern so präsentiert. Berlin übertrifft mit seinem Besuchergesicht alles, was Politikern bislang dazu eingefallen ist, ihre Macht zur Begradigung und Gleichmachung alles Unterschiedlichen zu demonstrieren. "Yes, we can", ist somit der neue alte Geist, der über Berlin schwebt, und es wurde damit doch genau das verwirklicht und spartanisch formvollendet, was die Freunde Hitler und Speer seinerzeit in Modellspielen erträumten. Der Ausflugdampfer ohne Steuerruder versinnbildlicht geradezu die Politik zum Verlust des eigenen Willens. Hier ist sie mit einer leitplankenbewehrten Wasserautobahn Wirklichkeit geworden. Selbst der ungehorsamen Natur konnten Fesseln angelegt werden; denn die Farbe "grün" hat selbstverständlich keinen Platz in einer puristischen Betonwüste, die den neuen alten politischen Willen repräsentiert.
Nur dieser unzeitgemäße und ungehorsame barockal-klassizistische Kuppelbau hinten links im Bild stört die Harmonie des Geraden empfindlich. Der nächsten Bundesregierung wird sicherlich auch dazu etwas Begradigendes in Form einer spartanischen Verhüllung einfallen.

..ist doch eine gute Lösung. Das würde etwas mehr Mut voraussetzen, aber im Ernst: wer will hinter barocken Fassaden Einbäume aus Papua angucken? Die Postmoderne ist tot und bis das Schloss steht, wird sich das auch bis zum Bundestag herumgesprochen haben (beim roten Rathaus sind Zweifel angebracht). Die Ethnofreunde können sich in Dahlem weiter einer Identität ihrer Wahl vergewissern (Beliebigkeit ist dank Auswahl gewährleistet!). Die bisherige Gemäldegalerie reissen wir dann als Schandfleck des 20. Jh ab - zusammen mit dem Fernsehturm. Statt dessen bekommt die Marienkirche bitteschön wieder ihre kleinteilige Umgebung. Die alten Parzellen der sozialistischen Ödnis westlich des Alexanderplatzes werden an Privatleute verkauft, die dort unter Beachtung der historischen Traufhöhe nach Gutdünken bauen dürfen. Hat am Außenministerium auch geklappt. Privatinitiative statt Großphantasien!

Der Charme einer jeden Stadt besteht im natürlichen Wachstum und der sich daraus ergebenden Strukturen. Grosszügige Reissbrettkonstruktionen sind auf Jahrzehnte hinweg steril. Bei Berlin kommt hinzu, dass dieses städtebaulichen Ideen nicht einmal dem natürlichen Bedürfnis der Stadt (mehr Raum, mehr Büros) entspricht - sondern schlicht auf dem Grössenwahn dieser Stadt (finanziert vom Rest des Landes) entspringt. Wie die Vorrednerin so schön tönt "Raum für Weltkultur" - Berlin ist seit 80 Jahren ein Kaff und wird es auch bleiben. Die Stadt ist nicht mehr der Nabel der Welt (nur die selbsternannte "Kreativelite" der Stadt hält Berlin dafür). Als ob "Weltkultur" (was immer das auch sein mag) verordnet werden könnte - die eigentümliche Provinzialität dieser Stadt gepaart mit der vollkommenen Abhängigkeit von den Steuergeldern des Restes des Landes scheinen da wenig zuträglich.

Es ist an der Zeit, in eine Architektursprache aufzubrechen, die mehr kann, als neurotische Nostalgiker zu beruhigen. Es ist wohltuend, endlich das Läuten der Friedhofsglocken für diesen baukunstlosen Ungeist zu hören, der jedes Programm in eine traditionalistische Form presste, und es ist zu hoffen, dass dieses Geläut auch die Schlossattrappe noch zu Grabe tragen wird. Ideologische Stadtplanung mit ideologischer Stadtplanung zu beantworten, war nicht besonders erkenntisreich.
Das programmatische Vorhaben des Humboldt-Forums ist der Versuch, ein Forum der Weltkultur im Zentrum Berlins zu eröffnen. Ein hervorragendes Programm für die Transformation Berlins in den Anspruch, eine relevante Metropole unserer Zeit zu werden. Selbstverständlich wäre der Nachbau einer preußischen Schlossfassade hierfür eine Groteske. Dies würde allerdings auch für den alternativen Vorschlag Gemäldegalerie gelten. Der passende Inhalt wären nachgemalte Gemälde und nachgeformte Skulpturen, die Berlin nicht hat, aber gerne hätte.
Ersparen wir Uns diese schamlos baubehördlich angeordnete Tragödie.
Dieser Ort ist es nun wirklich wert, in einem offenen Wettbewerb, sein Potential zu offenbaren.