der freie wille ist eine soziale kategorie. ich sehe ihn bei den anderen und bei mir im spiegel der anderen. in der isolation muss ich sehr um ihn ringen. keinen freien willen zu haben scheint mir zu implizieren, zumindest in gewissen grenzen voraussagbar zu sein. das sind menschen nicht; franck ribéry sei mein zeuge. dies wird noch lange so bleiben. ein schachcomputer - allgemeiner: alle expertensysteme - hat mithin gewiss keinen freien willen. selbst wenn er mich schlägt, so gibt es doch den algorithmus (meiner hat ausserdem einen bug und lässt sich zuverlässig immer wieder auf einen ebenso sicheren wie blödsinnigen verlust ein). einen menschen komplett vorauszusagen würde ihn zur maschine machen; umgekehrt gehörte zu einer intelligenten maschine, nicht letzthin in ihrem handeln erklärbar zu sein, mithin auch keine mehr, im ursprünglichen sinne, zu sein. solange kann man ihr weder emotionen noch ein erkennen (von mir aus awareness) zuschreiben. nicht anders steht es mit den moderneren konzepten wie den "neuronalen netzen" - ihnen gehen kreativität und offenes dazu-lernen ab. ihre intentionen sind bekannt und nicht diskutierbar; sie kennen keine gründe. ein wollen gibt es für sie nicht.
und der freie wille? aus physiologischen messungen, die keine "geschlossene" theorie des gehirns erlauben, ohne eine vereinigung der beschreibungsrahmen physiologie/introspektion (von mir aus cogito), sehe ich jeden akt der messung und interpretation einem fundamentalen akt des wahrnehmens nachgelagert. diese vereinigung leisten singers experimente nicht; und zwar aus den von janich genannten gründen: singer sieht lediglich blinkende bilder und einfachste handlungen in einem streng vorgegebenen versuchsaufbau; das eine geht dabei dem anderen spezifisch voraus. er misst keinen "willen", sondern erhält tatsächlich das zurück, was er hineinsteckt: die annahme intelligibler kausalketten im gehirn, die mit dem denken identisch (von mir aus isomorph) sein sollen. dem widersprichen gleich mehrere redlichkeiten der epistemologie: 1) (noch?) die schiere komplexität der vorgänge, 2) das faktum der nichtidentität von "natur", experiment und theorie, nachzulesen übrigens bei janich, und 3) die vermutlich für alle zeiten verschlossene möglichkeit, ein bestimmtes gehirn vorauszusagen, und sei es nur aufgrund unbestimmbarer "anfangswerte". eine korrellation macht keine erklärung; diese hier ist nicht mal überraschend.
es ist wohl so, dass spezifisch geschädigte gehirne spezifische störungen nach sich ziehen, vgl die zahllosen neurologischen fallstudien, etwa von oliver sacks. ein einzelnes unspezifisch "geschädigtes" gehirn - es ist einfach nur leichter - erlaubt hingegen unauffällige kognitive leistungen. ob eine stete weiter-halbierung des gehirns ad infinitum nicht irgendwann doch das denken beeinträchtigt, wage ich zu bezweifeln. die beobachtungen sind konsistent mit einigen physiologischen thesen zum gehirn, namentlich der "plastizität". und: wenn ich als naturwissenschaftler das gehirn untersuche, stelle ich mich, sozusagen paradigmatisch, auf die seite der physik und der reduktion. damit kann man weit kommen, ohne einen unphysiologischen geist annehmen zu müssen (und damit den beschreibungsrahmen zu sprengen); als zwingend erforderlich sehe ich ihn nirgends.
Aus dem wenig beachteten prähistorischen Animismus mit seinen Nymphen in Gewässern, Wald- und Berggeistern usw. usf. stammt die spätere Vorstellung, dass alles Geschehen in der Welt Urheber hat, die es in Gang setzen, verursachen oder veranlassen (z.B. Zeus & Jupiter als Blitzeschleuderer). "Den Geist" als Ursache "geistig" genannter Fähigkeiten und Leistungen von uns Menschen anzunehmen, gehört zur weiteren Fortbildung dieses "bild"-haften, ursprünglich auf Vergleiche oder Gleichnisse zurückgehenden ersten oder primitiven (von lat. 'primus' der Erste!) Ursache-Wirkung-Denkens. Psychologisch ist es interessanter als wissenschaftlich; denn Geistiges durch Geist zu erklären und noch dazu im Sinne einer kausalen UW-Erklärung führt ersichtlich nicht weit: es ist ein geistiges "Auf-der-Stelle-Treten" und wenig geistvoll noch dazu. - Ich komme gut zurecht, das Verhältnis von Gehirn und geistigen Leistungen, die wir "mit" dem Gehirn vollbringen, so zu denken wie das Verhältnis von Gliedmaßen und den dabei nötigen Muskelkontraktionen zu den Bewegungen, die wir "mit" diesen ausführen (können/nicht müssen): "Winken" ist nicht dasselbe wie die zu seiner Ausführung nötigen "muskulären Prozesse", aber von diesen auch nicht zu trennen...
In Welt der Wunder 4/06, Seite 6 steht, “Wie viel Hirn braucht der Mensch? Viel weniger als man glaubt! Auch mit einem halben Hirn ist ein erfolgreiches Studium möglich! Bei Kindern mit Epilepsie entfernten Ärzte in den siebziger Jahren Teile der grauen Masse. Dadurch verhinderten sie, dass sich der epileptische Kurzschluss im gesamten Gehirn ausbreitet. Die Patienten von damals führen heute ein ganz normales Leben. Eine Studie des John Hopkin Center ergab, das ihr IQ kein bisschen unter dem Durchschnitt liegt. Das ein halbes Gehirn ebenso leistungsfähig ist wie ein ganzes, macht uns ratlos, sagt der Hirnforscher Michael Gazzaniga.“ Das glaube ich gerne, dass angesichts dieser Fakten große Ratlosigkeit bei Hirnforschern herrscht! Denn, dies beweist doch ganz eindeutig und ohne den leisesten Anflug eines Zweifels, dass der immaterielle Geist Träger des Denkens, des Gedächtnisses, der Gefühle, des freien Willens ist und nicht etwa die materielle Substanz des Hirns. Eine Person selbst mit all ihren Gedanken, Fantasien, Erinnerungen, Gefühlen, mit ihren speziellen Vorlieben oder Abneigungen ist der immaterielle Geist. Das ist die einfache Lösung. Die Bezeichnung, immaterieller Agent für menschlichen Geist finde ich auch abstossend.
Unter der Absatzüberschrift: Wie Hirne denken, führt Herr Markowitsch vier Punkte an, aus denen man auf simple Weise schlussfolgern kann, dass Gehirnaktivität zuerst erfolgt und danach erst mentale Prozesse einsetzen. Zu Punkt (2), hier noch mal wiederholt: Ein stark geschädigtes Gehirn hat ein massiv eingeschränktes Denken zur Folge (z.B. im Spätstadium der Alzheimerdemenz); möchte ich bemerken, dass diese Aussage durch das Beispiel des französischen Beamten, der nur mit 10% Gehirnmasse lebt, aber trotzdem normal denken kann, widerlegt wird. Schlussfolgerung: Ein stark geschädigtes Gehirn hat nicht zwangsläufig ein massiv eingeschränktes Denken zur Folge, sondern, der Beweis, das jener frz. Beamte ganz normal denken kann, obwohl dessen Gehirnmasse nur 10% der eines normalen Menschen beträgt, legt nahe, dass mentale Prozesse den neuralen übergeordnet sind. Im mentalen Bereich befindet sich also der Ursprungspunkt von Gedanken oder freiem Willen, nicht aber im Gehirn.
Ihre Frage WARUM die Evolution uns mit bestimmten Eigenschaften ausgestattet hat halte ich für sehr wichtig, richtig und zielführend. Eine gute Frage. Ich bin auch nur Laie, aber nach dem was ich zu der Frage gelesen habe, warum der Mensch so ein großes und Energie fressendes Gehirn mit sich herum schlepp ist die Wissenschaft sich noch nicht einig. Ziemlich sicher dürfte sein, daß es bei der Fortpflanzung einen Vorteil hatte welcher den Energieverbrauch überkompensiert hat. Es gibt ernsthafte Theorien die dem Hirn des Menschen, welches sich vor allem im Cortex von dem eines Primaten unterscheidet, eine Art der Funktion ähnlich der einer Löwenmähne zubilligen. Männchen mit höherer kognitiver Intelligenz waren bei den Weibchen ihrer Sippe einfach 'sexy', auch wenn dies sich nicht direkt bei der Nahrungssuche ausgewirkt hat. Vielleicht waren die ersten abstrakten Gedanken einfach eine Art von Balzverhalten, einen Luxus welches sich manche leisteten um ihren sexuellen Erfolg zu erhöhen. Erst mit der Zeit wurde dann daraus (im Gegensatz zur Löwenmähne) auch ein echter Vorteil beim Kampf ums überleben.
Da die Gehirnforschung die Ansicht vertritt, dass das Denken im Gehirn stattfindet, während die Philosophie (auch Religion) davon ausgeht, dass sehr wohl freier Wille oder immaterieller Geist vorhanden ist und das Denken dem mentalen Bereich, dem Geist zuordnet, ergeben sich hieraus natürlich konträre Standpunkte. Meiner Ansicht nach untermauert die Tatsache, dass ein französischer Beamter mit nur 10% Gehirnmasse ein normales Leben führt und normal Denken kann, sehr stark, dass das Denken eine Sache des immateriellen Geistes, des freien Willens ist. Dies ist doch sehr leicht einzusehen, da jemand, der mit bloß 10% eines normalen Hirns lebt, eigentlich gar nicht normal Denken können müsste. Kann er aber! Daher schließe ich daraus, dass das Gehirn weit weniger wichtig ist, als Gehirnforscher meinen, und dass das Denken seinen Ursprung im Mentalen, im freien Willen, im Geistigen eben hat. Ich wollte meine Ansicht nur noch einmal mit anderen Worten klarstellen, da ich mich vielleicht in meinem ersten Beitrag möhglicherweise mißverständlich ausgedrückt haben mag.
Herr Paul Rabe schrieb: "Wieso sollten Maschinen, welche über hirnähnliche Komplexität verfügen, also keine Gefühle haben ?" Mit dieser Frage habe ich schon gerechnet: 1. Weil es nachweislich physikalische Strukturen gibt, die nicht nicht empfindungsfähig sind. Beispiel: Sie können auch am eigenen Körper feststellen, dass es physikalische Entitäten gibt, die nicht empfindungsfähig sind, zum Beispiel ihr Haar, aber auch anderes. Dieses gehört ohne Zweifel zu ihrem Körper, empfindet aber nichts, weil kein neurales System dafür ausgelegt (worden) ist. Ansonsten wäre das ein qualvolles Dilemma für jeden Friseurbesuch .... Etwas anders würde ich das bei künsltich erzeugten "organischen" Maschinen sehen. Dabei würde ich es schlichtweg erst einmal offen lassen, ob dieses nicht doch fühlen könnten. Das ändert aber alles nichts an der Tatsache, das bei Zergliederung des Gehirns bis auf die Elementarteilchen die qualitative Eigenschaft des Empfindens gänzlich weg ist, und damit die eigentlich von der Neuro-Wissenschaft postulierte Kausalkette unterbrochen ist. Noch etwas in Kurzform: Gefühle zu stimulieren ist nicht dasselbe wie diese zu determinieren...
Meine Kenntnisse der Neurowissenschaften sind leider viel zu beschränkt, um zur Frage was in unserem Gehirn bewusst oder unterbewusst entschieden wird kompetent Stellung zu nehmen. Ehrlich gesagt verfüge ich nicht einmal über das nötige Rüstzeug, diese beiden Sphären begrifflich exakt voneinander zu trennen. Vielleicht kann Herr Singer oder Herr Markowitsch da weiterhelfen. Ich habe in meinen letzten beiden Beiträgen nur versucht zu begründen, warum (imho) auch das Ich-Bewusstsein am Willensbildungsprozess des Gehirns beteiligt ist. Nämlich weil die Projektion (Erzeugung) eines Ich-Bewusstseins das Gehirn Energie kostet. Würde das Ich-Bewusstsein für den Willensbildungsprozess gar nicht gebraucht, wozu dann der Aufwand? Wozu Herr Rabe, haben Sie ein Ich-Bewusstsein? Und sagen Sie jetzt nicht, Sie hätten kein's.
Bewußtsein und Denken sind nicht identisch. Im Gegenteil: Wer einer Denksportaufgabe nachgeht, tut dies in Selbstvergessenheit, also gerade ohne sich im Moment der höchsten Konzentration seiner selbst und seiner Tätigkeit bewußt zu werden. Das momentan fehlende Selbst-Bewußtsein des Denksportlers erlaubt keine Schlußfolgerung über seine Willensfreiheit. --- Dem sich als Naturwissenschaftler präsentierenden Philosophen Prof. Singer steht es natürlich frei, dem Konzept des Determinismus zu frönen. Er tut es auf der Grundlage von Argumenten über physikalische Kausalität, welche antiken Naturphilosophen entlehnt sind. Seine modernen Tomographie- und EEG-Befunde haben zur Lösung des uralten Problems der Willensfreiheit aber nichts qualitativ Neues beigetragen. Sie werden allenfalls gebraucht, um die moderne Begriffsverwirrung zu verstärken. Sparmöglichkeit, Herr Minister Steinbrück: Papier und Bleistift hätten´s auch getan!
Wie Herr Harmanus richtig feststellt ist das, was uns von "dummen" Maschinen unterscheidet, das "qualitative Empfinden", die Möglichkeit, Prozessen und Gegenständen eine gewisse Wertigkeit zu verleihen und auf Basis dessen Entscheidungen zu treffen. Fernab von der Frage, ob die Schaltzentrale der Differenzierung, das bewusste Selbst, physischer oder metaphysischer, determinierbarer oder unberechenbarer Natur ist, ist dem Ganzen vorgeschaltet die Frage nach der Natur und dem Ursprung der Empfindungen. Soweit diese außerhalb unseres "Machtbereiches" lägen, können alle weiteren Schritte nur gleichsam determinierte, also unfreie Folgeerscheinungen der Empfindung als solche sein. Bei aller subjektiver Freiheitserfahrung kann wohl niemand von sich behaupten, zu einem gewissen Zeitpunkt seiner Existenz ad hoc über Art und Ausmaß seiner Empfindungen bestimmt zu haben. Zwar kann man im bereits bestehenden System mit den bereits bestehenden Wertungen zu neuen Gewichtungen kommen, Empfindungen frei aus dem Nichts heraus zu erschaffen ist uns jedoch unmöglich. Plausible Erklärungen für die meisten Facetten unseres "qualitativen Empfindens" bietet die Evolutionspsychologie, die in ihrer Konzeption auch ohne immaterielle Urmotive auskommt.
Nach dem was ich als Laie von den Neurowissenschaten verstanden habe verhält es sich, grob vereinfacht, so, daß unser Unterbewusst der 'Boss' ist. Die Entscheidung ob wir in der Mathematik Übung den Hauptsatz der Algebra beweisen oder die Zeit nutzen die nette Blondine gegenüber anzugrinsen wird nicht im Bewusssein getroffen. Wenn unser Unterbewusstsein aber den 'Befehl' gegeben hat uns dem Beweis zuzuwenden (vielleicht weil unser Mutter schwarze Haare hatte ?) dann wird unser Bewusstsein und die jüngeren, rationalen Teile unseres Gehirns sich daran machen. Die Frage ist also weniger war es 'unser' Wille sondern viel mehr 'welcher Teil' von uns 'wollte' das ?
Lieber Herr Peters, ich habe kein Problem damit keinen freien Willen zu haben. Nehmen wir mal für den Moment an unsere Diskussion wäre weniger komplex als sie ist. Es würde sich 'nur' am ein Schachspiel handeln. Zweifelsohne benötigen auch Schachspieler um gut zu spielen die Fähigkeit ihre Umwelt zu verstehen (also die Schachregeln), vorraus zu planen, Wenn-dann Entscheidungen zu treffen etc. etc., Ja sie sollten sogar etwas über sich selber wissen, also beim Schachspielen nicht das essen und trinken vergessen. Ich habe selber einmal im Verein Schach gespielt, unter Schachspielern neigt man dazu das Schachspiel emotional und gefühlsmäßig zu betrachten. Man kennt 'schöne' und 'elegante' Varianten', 'aggressives' Spiel, 'Innovative' und 'langweilige' Eröffnungsvarianten u.s.w. Schachspieler sind sicher der Auffassung, daß sie 'frei' sind bei der Wahl ihrer Züge. Wenn wir hier also nur Schach spielen würden, könnten sie feststellen ob ich nicht doch 'nur' ein Schachcomputer bin ? Nein, das könnten sie nicht. Höchstens daran, daß ich dann viel zu gut wäre für einen Unbekannten, meine ELO Zahl wäre unglaubwürdig hoch. Wäre ich 'frei' ? Nun, nur im Rahmen meines mir eingebauten Determinismus.....aus wenn es viel komlexer zugeht
Das was wir 'Gefühle' nennen entspringt aus den entwicklungsgeschichtlich ältesten Regionen unseres Gehirns. Mit relativ einfachen chemischen Mitteln, lassen sich bei Menschen die entsprechenden 'Schalter' bedienen um ihre Gefühlswelt fremd zu steuern. Grade die intensiven Gefühle wie 'Glück', 'Hass', 'Liebe', 'Aggression' etc. sind, verglichen z.B. mit abstrakten Gedanken, relativ leicht chemisch zu stimulieren und auch in Bildgebenden Verfahren zu lokalisieren. Wieso sollten Maschinen, welche über hirnähnliche Komplexität verfügen, also keine Gefühle haben ? Bei ihnen sind es chemische Stoffe welche die Gefühlswelt darstellen und regeln, welche also bestimmte Neuronen zu Aktivität und andere zu Inaktivität bewegen. Bei einer Maschine wären es vielleicht andere Formen der Regelung und Siganlübertragung ( evtl. aber auch sehr ähnliche, würde man das menschliche Gehirn als Vorlage für die künstliche Maschine nehmen) Aber im Ergebnis könnte hätten diese Maschinen genauso Gefühle, wie es Tiere oder auch menschen haben.