Der Staat muss Kinder aus sozialschwachen und bildungsfernen Schichten fördern

Die deutsche Gesellschaft ist keineswegs aus einem Guss. Die Unterschiede wachsen - in materieller wie in bildungspolitischer Hinsicht. Nur eine Minderheit der unteren Sozialschichten kann sich vorstellen, dass es ihren Kindern einmal bessergeht. Von Professor Renate Köcher

Lesermeinungen zum Beitrag

18. Dezember 2009 23:54
Änne Cordes  
Marco Vogt (VogtNuernberg)

Und vergessen Sie nicht: Zwang führt immer auch dazu, dass auf Familien Zwang ausgeübt wird, die ihr Kind besser fördern könnten, als es der Staat könnte.
Der große Gleichmacher auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner wäre in diesem Falle eine Bildungskatastrophe für interessierte, engagierte und aufgeschlossene Kinder, die dann in staatlichen Zwangseinrichtungen beglückt werden, ohne ihre eigene Bildungsfreiheit ausleben zu können.
Solchen Kinder wird dann in der Zukunft das Engagement fehlen etwas aus dem eigenen Inneren heraus zu tun.
Dann hat der Staat sein Ziel erreicht: Gleichheit in der Unmündigkeit für Alle.

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18. Dezember 2009 23:43
Eine Frage der Definition…  
Harry LeRoy (Cimon)

Kann man Arbeiter in diesem Lande wirklich zur Unterschicht rechnen? Mancher Arzt oder Anwalt dürfte wohl weniger verdienen als ein Arbeiter bei einem Autokonzern und somit wäre es besser hier nach dem Einkommen zu fragen; abgesehen davon spielen intakte Familienverhältnisse eine größere Rolle für den Schulerfolg als materieller Wohlstand: Denn durch mehr Geld verbessert sich nicht automatisch die Erziehung und Fürsorge für die Kinder und ohne entsprechende Schul- und Universitätsabschlüsse ist man heutzutage ohnehin recht verloren auf dem Arbeitsmarkt; hinzu kommt die spezifische Problematik der Einwanderung: Kinder, die im Elternhaus kein Deutsch lernen, sind eben auf deutschen Schulen ziemlich verloren und diese Mißstände kann der Staat zwar lindern, aber aus der Welt schaffen und wirklich ungeschehen machen kann er sie eben nicht.

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18. Dezember 2009 13:58
Durchlässigkeit gegeben, jedoch ungenutzt  
Änne Cordes (Caramell)

Mal abgesehen vom ererbten IQ, der bei zu geringem Umfang ein Universitätstudium in der Tat erschwert, kann meiner Meinung nach jeder, der im Kindergarten- und Grundschulalter ausreichend von seiner Familie gefördert und angeregt wurde, den sogenannten "sozialen Aufstieg" schaffen. Deshalb sehe ich den Nachholbedarf ebenfalls weniger im Bildungssystem als in der Erziehungs- und Förderungskompetenz der Eltern. Wenn diese unfähig sind, Wissensdurst, Neugier und Lernwillen zu unterstützen, nutzt auch das beste Bildungssystem nichts.
Stellt sich die Frage, ob es dem Staat erlaubt sein sollte, in den Zuständigkeitsbereich der Erziehung im Elternhaus einzugreifen oder nicht. Da die "Unterschicht" ohnehin einen starken fürsorglichen Staat präferiert, wäre den Kindern mit unfähigen Eltern vielleicht tatsächlich mit Bildungsgutscheinen für Musikschule und Sportverein geholfen. Gleichzeitig wird so allerdings die Lethargie und fehlende Eigenverantwortlichkeit der sozial schwachen Schichten weiter gefördert. Worauf haben die Kinder Anspruch?

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18. Dezember 2009 05:41
@Anja Müller - stimme ihnen in vielen Punkten zu  
Erwin Dufner (victor-d)

Hier in Suhr, der Schweiz, gibt es auch die Möglichkeit für Eltern, mit ihren Kindern z.B. Deutschkurse zu besuchen. Wird leider nicht von denen wahrgenommen, die es am dringendsten nötig hätten.
Von daher muss es mit Sanktionen versehen werden. Wer die Möglichkeit nicht annimmt, muss bestraft werden. Entweder mit weniger Kindergeld oder anderen Leistungen.

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18. Dezember 2009 05:37
Spezialistentum als Problem?  
Erwin Dufner (victor-d)

Nur für den, der sich zum absoluten Spezialisten ausbilden lässt.
In meinem Studium wurde immer hervorgehoben, dass die Welt den Generalisen gehört. Auch wenn die Spezialisten vielleicht etwas früher einen Job finden.
Ich sage immer in meinen Vorstellungsgesprächen, dass ich kein Spezialist sondern eher Generalidst bin, der sich auch nicht zu schade ist, mal ein Formular zu entwerfen. Ein bisschen SAPscript gehört eben dazu. Ebenso wie mal einen Userexit zu schreiben.
Kein Mensch kennt jeden Parameter von SAP auch nur innerhalb eines Moduls. Muss er auch nicht. Er muss aber wissen, wo er das nachsehen kann und entsprechend lösen kann. Nein, wir brauchen keine hochspezialisierten Leute. Schon gar nicht im Mittelstand. Wir brauchen Generalisten. Und das wissen die meisten auch.

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18. Dezember 2009 05:32
Lebensqualität ist die Summe aller Faktoren. Spezialistentum ist Niedergang?  
Erwin Dufner (victor-d)

Wer hätte es gedacht: Lebensqualität ist die Summe aller Faktoren. Ist das wieder eine neue Erkenntnis. Toll, wäre wohl sonst niemand drauf gekommen.
Und ausgenommen werden natürlich immer die Menschen, die der unteren Schicht angehören. Hm. Da gibt es aber viele der Mittel- und Oberschicht, die das ganz anders sehen. Die da glauben, dass die Unterschicht eben die Mittel- und Oberschicht ausnehmen. Und das ganz gewaltig.
Dass Menschen sich überarbeiten, das wissen wir alle. Wo ist da die neue Erkenntnis? Denen unterstellt auch niemand, dass sie simulieren. Gerade von einigen Kollegen in der IT weiss ich, dass sie mehrere Monate bis sogar zwei Jahre ausgefallen sind.
Bei der Frage des Sozialmissbrauchs geht es aber vor allem darum, dass sich z.B. Bosnier oder Kosovoalbaner eine Invalidenrente erschleichen. Und wenn ihre Gesundheit vor Ort von Schweizer Behörden untersucht werden soll, werden sie bedroht und aus dem Land gejagt. Das sind die Fälle, über die wir uns aufregen.
Oder eben darüber, dass in Berlin 50% der Türken arbeitslos sind, aber jeder zweite davon schwarz arbeitet.

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18. Dezember 2009 00:01
Daimosy  
Marco Vogt (VogtNuernberg)

Ich habe niemanden nach Leistungswillen und Möglichkeit beurteilt, sondern habe angeführt, dass meiner Meinung nach Leistungswillen bei der Umfrage als Punkt fehlt, der zur sozialen Differenzierung führt.
Natürlich muss jemand aus der Unterschicht mehr Leistung bringen, um aufzusteigen als jemand, der in der Oberschicht geboren wird und es einfacher hat sich zu etablieren. Dieser muss aber immer die Angst haben auch abzusteigen.

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17. Dezember 2009 21:55
@heimes  
Chi Tamago (tamago)

Was ist daran schlimm, wenn eine Joanne K. Rowling mit literarisch wenig anspruchsvoller Literatur 800 K-Euro anhäufen kann? Der Markt zahlt es. Daran kann ich per se nichts negatives erkennen.
Schlimm, geradezu tragisch für die Bevölkerung, empfinde ich es, wenn in einem sozialistischen Land Clan-Herrschaft und Personenkult betrieben wird. Das ganze initiiert von Rußland nach dem 2.Weltkrieg. Da wird auch schon mal ein Regierungsjet nach Paris geschickt um die Cognac-Bestände rasch aufzufüllen. Dies und ähnliche Auswüchse zahlen nicht die „Marktteilnehmer“, das zahlt das Volk mit Hungersnöten. Da ziehe ich den Kapitalismus doch vor.

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17. Dezember 2009 15:57
Die besten Plätze sind längst besetzt  
Herold Binsack (Devin08)

@Vogt: Allgemeine Intelligenz, oder auch eben nicht spezialisiertes Wissen und die Fähigkeit mit solchem angemessen umzugehen, wird aber nicht (mehr) in unseren Bildungsanstalten vermittelt, sondern eben nur (noch), wenn dann überhaupt, im Elternhaus, oder dann auch, durch eine dann oft sehr spät erst einsetzenden – eben nach der Pubertät - Eigeninitiative. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede. Und es liegt doch auf der Hand, welche Klassen da, dank des dort akkumulierten kulturellen wie auch ob des zur Verfügung stehenden sozialen Kapitals, fast nicht mehr einzuholende Vorteile genießen. Bis man das geschafft hat, da mitzuziehen, sind längst die besten Plätze besetzt, von den privilegierten Klassen. Dies und mehr ist Teil der Wirklichkeit einer Klassengesellschaft. Das wissen wir nicht erst seit Bourdieu. Das professorale Getue und die Schichten, die da dank Bildung durchlässiger werden sollen, ist reine Augenwischerei, abgesehen davon, dass das den Vorgaben der Politik – und auch den Interessen der Klassen (wo ja auch ein Professor seinen Platz zu verteidigen weiß) strikt widerläuft, soweit sie eben nicht diese Klassenwirklichkeit berücksichtigt.

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17. Dezember 2009 15:49
@Binsack, Sie haben Recht  
Marco Vogt (VogtNuernberg)

"Es ist die sog. Technische Intelligenz,die da per definitionem hoch spezialisiert ist."
Die Frage ist halt in unserer Zeit: Warum haben Menschen, die technische Intelligenz besitzen nicht eine allgemeine Intelligenz, die sie befähigt flexibel zu reagieren?
Im vorliegenden Fall ist es nicht mal technische Intelligenz, sondern schlicht Werkzeug verwenden. Wer einen Schraubenzieher verwenden kann, kann normalerweise auch einen Schraubemschlüssel verwenden. Kann er das nicht, so braucht er sich nicht zu fragen, warum er einen Job nicht bekommt.

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17. Dezember 2009 13:01
Das Kapital, das Hochspezialistentum und die verflüssigten Ressourcen  
Herold Binsack (Devin08)

@Vogt: Es ist die sog. Technische Intelligenz,die da per definitionem hoch spezialisiert ist.Das ist die Falle,die die bürgerliche Wissenschaft und Technik den Menschen bereitet.Arbeitsteilung ist historisch betrachtet,also im großen Maßstab,obsolet,aber die Binnenmobilität des Kapitals und der Arbeit, in einer sich rasant entwickelnden technischen,aber solchermaßen immer noch „engen Welt“, erfordert Hochspezialistentum.Der Grund für ist,dass der kleinste Fortschritt,ein Meer von Möglichkeiten eröffnet,aber eine nur enge Auswahl hiervon der Verwertung des Werts zugeführt wird.Die sog. Globalisierung ist ein Symptom dafür,dass diese „Binnenwelt“ (mit Sloterdijk affirmativ gesprochen: dieser „Innenraum des Kapitals“) gleich der „Nation“,dem politischen Staat,nunmehr obsolet ist.Die Umweltkatastrophe,die sicherlich,und sei es auch nur in der Form des Versagens der Nationen der Welt ob ihrer Evidenz,Ausdruck eben jenes „Gebunden-seins“ ist–wir sehen es gerade,in Kopenhagen-,wäre nur zu meistern,wenn das Gebundensein des Menschen,in Material wie Intellekt,an die Klasse,den Status,aufgelöst wäre.Das Kapital kann Ressourcen verflüssigen,aber da es die Klassen nicht aufzuheben vermag,kann es diese nicht mehr ausreichend materialisieren.

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17. Dezember 2009 12:43
@ Chi  
gisbert heimes (gisbert4)

Niemand kann mit eigener Hand- und Kopfarbeit so exzessiv reich werden, wie das im real existierenden Kapitalismus der Fall ist.

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17. Dezember 2009 11:49
@Rainer Damoisy (Quallenregen)  
Marco Vogt (VogtNuernberg)

Es ging nicht um den Abstieg, sondern um den Aufstieg und ohne Leistungswille wird man nicht aufsteigen. Das muss bei den Menschen ankommen.
Dass man mit Leistungswillen dennoch absteigen kann, steht auf einem anderen Blatt und hat nichts damit zu tun.
Wer etwas macht kann viel falsch machen. Wer Nichts macht, macht alles falsch.
Wer immer nur jammert wird die Chance, wenn sie sich bietet nicht sehen, weil er fatalistisch denkt, leider kenne ich Viele, denen es so gegangen ist und die selbst große Chancen nicht nutzten, weil sie sich dem Fatalismus hingaben.

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17. Dezember 2009 10:38
@Holländer  
Marco Vogt (VogtNuernberg)

"Als Spezialist für Delphi stelle ich für die C++ - Welt mittlerweile ein derartiges Einstellungshemmnis und Sicherheitsrisiko dar, dass gar nix mehr geht mit normalem Arbeitsvertrach oder so."
Mmmh, ist es nicht egal, welche Programmiersprache man verwendet? Ich bin Physiker und habe nie offiziell C++, Delphi oder ähnliches gelernt und arbeite dennoch in diesem Bereich.
Allerdings muss ich dabei auch diverse andere Werkzeuge - mehr sind Programmiersprachen nicht - dynamisch erlernen, wenn es nötig ist.
Sei es Delphi, C, C++, Perl, Shell-Skripte oder bei uralten Programmen auch mal Fortran oder teilweise noch Pascal.
Vielleicht liegt das Problem eines Delphispezialisten darin, dass er Spezialist ist und nicht Allrounder?
Nur mal so angedacht.
Übrigens: Die Stadt mit E ist nicht häßlich, sondern weitaus hübscher als Nürnberg oder Fürth.

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17. Dezember 2009 10:20
Ein weiteres Problem ist: Ab wann ist man aufgestiegen?  
Marco Vogt (VogtNuernberg)

In der linken bürgerlichen Mittelschicht wird der Aufstieg als Unschärfebehafteter Begriff verwendet.
Wenn man aus dem Prekariat aufgestiegen ist zum Handwerker, so gilt das nicht als Aufstieg, schliesslich hätte man ja studieren können müssen. Ist man Ingenieur und verdient jetzt normal, hat man einen Aufstieg geschafft, aber es gibt ja noch die Manager, zu denen man es nicht geschafft hat aufzusteigen.
Ist man vom Prekariat bis in die Managementebene aufgestiegen heißt es, dass man nie in der Liga derer mitspielen kann, die schon immer Geld hatten und Vorstandsvorsitzende werden.
Usw. usf.
Wird der Aufstieg dann doch akzeptiert, heißt es: Na ja, das ist eine Ausnahme, das war großes Glück. Damit qualifiziert man dann noch Leistungswillen, Intelligenz und Zielstrebigkeit derjenigen herab, die es weiter gebracht haben, als in der eigenen behaglichen sozialdemokratisch-bürgerlichen Mittelschicht.
Ich könnte ganze Bücher darüber schreiben, wie Sozialdemokraten sich um einen kümmern, solange man noch nicht aufgestiegen ist und danach nichts mehr mit einem zu tun haben möchten.

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