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China und der Westen

Wie man einen Feind erzeugt

Seit der Tibet-Krise sehen sich viele Chinesen als Opfer von Ressentiments. Sie rufen zum Widerstandskampf gegen den hegemonialen Diskurs des Westens auf. Blogger beider Seiten bezichtigen einander der Gehirnwäsche, die Verständigung kollabiert. Von Mark Siemons, Peking

Lesermeinungen zum Beitrag

27. März 2008 10:57

Ein journalistisches Trauerspiel in unendlich vielen Akten

Morad Bouras (ZamZam)

Den Konflikt in Tibet werde ich mal beiseite lassen.

Es ist immer wieder ein Trauspiel in unendlich vielen Akten. Pressefreiheit und Meinungsfreiheit: An diesen beiden Begriffen hängt eine große Last. Die Last der Verantwortung. Meinungsbildend sind Medien die die Masse erreichen und den unterdurchschnittlichen Bürger der Bild und RTL II Fraktion formen und prägen.
Soziologisch werden solche Programme und Printmedien als unterschichten Medien bezeichnet. Was nun, wenn Sender wie ARD und ZDF und renommierte Printmedien genau das selbe tun, und ihre Anhängerschaften vermeintlich ehrliche Berichterstattungen servieren und diese ihnen folgen und vertreten?
Gefakter Journalismus trägt tagtäglich dazu bei, dass neue vermeintliche Feinde entstehen ( z.B. Islam ). Wie sehr hat sich jeder hinreißen lassen, wenn Bush von MVW gesprochen hat? Es wird berichtet das die USA ihren 4000 gefallenen Soldaten gedenkt. Was ist mit den Zigtausenden irakischen ZIVILISTEN die von Soldaten getötet worden sind?

Wie dem auch sei. Professioneller Journalismus muss dazu beitragen, aufzuzeigen wie Menschen fühlen und aus welchen Überzeugungen sie handeln. Ehrlichkeit muss eine PFLICHT sein auch wenn gelogene Schlagzeilen die Quote steigen lässt.

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27. März 2008 10:31

Warum die Selbstgeißelung des Westens?

jan korbelik (chechtal)

China ist eine alte und faszinierende Kultur. Wir kaufen vieles aus China, die wirtschaftliche Zusammenarbeit wächst. Dank unserer Kaufkraft sind Hunderte Millionen Menschen in China (und Indien) aus der tiefsten Armut raus. Gut.

Aber China ist eine Diktatur. Die tibetische Kultur wird nicht, sie wurde schon vernichtet. Tibeter wollen nur sagen – vergisst uns nicht.

Menschen, die ihre eigenen kulturellen Monumente zerstören (Buddha-Statuen, Bamiyan 2001), sind Barbaren. Wenn Besitz eines Fotos von Dalailama strafbar ist, bitte? Solange „sie“ diese Tatsachen nicht zugeben, ist unsere Pflicht das ihnen zu sagen. „Sie“ werden es zugeben dürfen, wenn sie frei werden. Wir „friedlichen“ Europäer werden auch zurecht an Holocaust, Nationalismus und die zwei Weltkriege erinnert.

Diese Diskussion wäre auf einem öffentlichen chinesischen Server unmöglich.

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27. März 2008 10:09

Stimme einer Chinesin

Louisa Li (louisali)

Herr Mark Siemons hat das Gefuehl und die Mentalitaet der Chinesen sehr sehr gut analysiert. Respekt! Dieses komplexe Gefuehl kann man nicht einfach mit einem Wort „Gehirnwasche” erklaeren. Leider haben viele nicht erkennen: wohlwollende Kritik koennte manchmal Hindernis entstehen lassen, im Tibetfall sowohl fuer die Tibetaner, die mehr Rechte wollen, als auch fuer die Han- und andere Chinesen, die sich schrittweise um eine Reform bemuehen. Und diese Besserwisserei vieler Westler erzeugt nichts anderes als einen Feind, weil da eine Gleichberechtigung als Grundlage des Dialogs fehlt. Die Westler haben uns dazu gefuehrt, Nationalisten zu werden- in der Demuetigunsgeschichte mit Waffen, heute mit Medien! Schade eigentlich.

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27. März 2008 09:33

Selbst ein Protest gegen die Moderne wäre legitim.

Gabor von Zoltan (Putinras)

Ein interessanter Beitrag von Hede Zhou: Selbst wenn der Protest einfach nur ein Protest gegen die Moderne wäre, kann er deshalb ja nicht weniger legitim sein.

Es wäre das gute Recht eines unabhängigen Volkes - oder zumindest eines, mit einer ordentlichen Teilautonomie - das Tempo der jeweiligen Modernisierung selber zu bestimmen. Oder eben auch, sich auf religiöse Traditionen berufen zu können.

Es ist nicht das Problem eines weltfernen Klerus, der um seinen Einfluss fürchtet, sondern das Gefühl der völligen Überfremdung durch Han-Chinesen, die die Einzigen sind, die den grossen Reibach mit dem Touristenziel Tibet machen. Es sind vielmehr die Chinesen, die ihre Kontrolle und ihren Einfluss auf jeden Fall durchsetzen wollen.

Sie können doch auch nicht irgend jemandem Wildfremden in den Garten latschen, eine Softicebude hinstellen, ohne dies vom Bewohner erlauben zu lassen, und dies dann begründen mit: "Ist aber eine ganz Moderne!" - das ist doch lächerlich.

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27. März 2008 04:48

Stimmen der Vernunft

Hede Zhou (SunWukong)

Es tut gut, dass sich im Westen nach tagelangem Chinabashing gemaessigte und der Realitaet naeher stehende Kommentare durchsetzen. Unabhaengig davon wie man die, aus meiner Sicht natuerlich gerechtfertigte Vorgehensweise, einschaetzt, das Chinabashing hilft den Tibetern ueberhaupt nicht.

Nur so am Rande: in Lhasa wurde eine gerade fuer 15 Mill. RMB = 1.5 Mill Euro errichtet; von ihr blieben nur rauchende Truemmer. Dies zeigt, dass der "Protest' auch ein Protest gegen die Moderne ist: einige in Tibet, der klerikale Adel naemlich, verliert durch die Modernisierung an Einfluss. Wollen Sie im Westen wirklich einen Gottesstaat unterstuetzen.
Es taete gut, wenn im Westen gegen diese Tendenzen mal harte Worte fallen wuerden

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27. März 2008 04:27

China und der Westen

Martina Jacksch (akecheta)

Mark Siemons hat die Komplexitaet der Beziehung China und der Westen brilliant dargelegt. Es ist tatsaechlich China und der Westen und nicht China und Deutschland oder China und Frankreich. Zielbewusst werden alle Resourcen zum Geld verdienen verfolgt, ob nun in Afrika Bodenschaetze oder das Maid aus den Philipinen, Hauptsache der Gewinn ist gross. Alles ist erlaubt, zeigt man mit dem Finger auf China, fuehlen sie sich ertappt, ueberrumpelt und blamiert und wehren sich mit lahmen Ausreden.

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26. März 2008 23:09

Die 2. Seite der Münze

Konstantin Mannheim (lancaster88)

Ich bedanke mich für diesen Artikel, denn es kann nicht sein, dass ein aufgeklärtes Land wie Deutschland bereits seit Wochen nur einen Standpunkt darlegt. Natürlich ist die nicht vorhandene Pressefreiheit in China, besonders in diesen Zeiten, zu kritisieren. Allerdings haben alle Medien bis dato massiv einseitig Informationen präsentiert. Zwar wurde im Fernsehen auch Ausschnitte aus chinesischen Nachrichtensendungen gezeigt, aber stets mit dem "Ermahnen", dass es sich hierbei um zensierte Information handelt. Zwar trifft die Zensur zu, jedoch muss man bedenken, dass tatsächlich Zivilisten in diesem Streit zwischen Tibetern und der chin. Regierung verletzt wurde und deren Existenz, gar in "eigenem Heimatland" kollektiv vernichtet wurde. Es wurden nun einmal nicht nur "Bank of China" demoliert, sondern auch kleine Supermärkte, Restaurants und andere kleine Geschäfte des täglichen Lebens. Ohne Vorankündigung. Auch in unserem Land wäre die Polizei nicht milde mit einer gewaltätigen, unangekündigten Demo angegangen.

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26. März 2008 22:59

Wenn man die FAZ liest

joseffa esser (joseffae)

moechte man den Chinesen fast Recht geben. In Griechenland gabs Sklaverei, der Grundsatz, dass waehrend der Spiele die Waffen schweigen sollen, hat also Grenzen. Als die Russen in Afghanistan aktiv waren, gabs einen Boycott. Heute sind die Amis im Iraq und die heldenhaften Deutschen mit in Afghanistan. Sicher kann man sagen, dies lasse sich nicht vergleichen, wir waeren die Guten, die Russen seien die Boesen gewesen. Nun hat sich der Graf Lambsdorf den Tibetischen Aufstand ausgedacht. Oder er hat den Dalai Lama darin jedenfalls bestaerkt, wie er neulich im Deutschlandfunk erzaehlte. Wieso soll das denn friedlich sein? Wieso soll ein Boycott friedlich sein? Die Serben werfen uns vor, den Kosovokonflikt erfunden zu haben. Sie haben ganz serioese Mitstreiter. Dennoch gabs gute Gruende fuer die Intervention, eine lange Reihe von serbischen Eingriffen. Und in Tibet? In Wirklichkeit doch wohl eher nicht. Die International Herald Tribune berichtete gestern, die Polizisten in Tibet wuerden um die Demonstranten einen grossen Bogen machen. Die Welt berichtete, die erschossenen Demonstranten haetten doch lediglich mit Messern bewaffnet Polizisten entwaffnen wollen. Was muss denn passieren, dass sich so ein Polizist auch mal verteidigen darf?

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26. März 2008 21:46

Feindbilder

Detlef Stark (wool-web)

Es wäre sicher viel gewonnen, wenn die Chinesen wieder eine freie Berichterstattung aus China zulassen würden.
Bei der Informationsvielfalt, die der freie Westen hat, würden sich dann die wenigen Manipulationen isolieren.
Der freie Westen hätte dann aber eine Grundlage, die Vorgänge in China/Tibet richtig einzuordnen und zu bewerten.
Detlef Stark

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26. März 2008 21:35

Menschenwürde

Immo Sennewald (immediator)

Das Problem des Diskurses ist -- nicht nur den Chinesen gegenüber -- dass grundgesetzlich verbriefte Rechte in dem Land, welches sie einfordert, jeden Tag mit Füßen getreten werden. Darum werden bestenfalls Prozesse geführt und -- wie bei der Bespitzelung von Mitarbeitern bei Lidl -- die Datenschützer in die Pflicht genommen. Der konformistische Alltag in Unternehmen, Behörden, Anstalten unterdrückt mehr Meinungen qualifizierter Minderheiten, als sich die hierzulande ungefährdet auftretenden Freunde Tibets vorstellen wollen.
Aber so lange der Leistungssport im Westen genau wie in China und in der untergegangenen DDR als dopinggestützte Geldmaschine und politischer Reputationsautomat funktioniert, haben westliche Politiker wenig Anlass die Nase hoch zu tragen. sie sind deshalb auch vorsichtig mit Boykottdrohungen.

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26. März 2008 21:03

Der erste sachliche Bereicht seit Beginn des Tibet-Konflikts!

Willfried Maier (Lebesque)

Vielen Dank Herr Siemons,
nach Wochen ignoratanter, ja sogar manipulativer Berichterstattung in allen deutschen Medien, allen voran der "Qualitätsjournalismus" der stark meinungsprägenden Sender ARD und ZDF, ist Ihr Bericht der erste, der die Problematik so beschreibt, wie tatsächlich ist.
Ein Olympiaboykott hätte fatale Folgen. Wir würden alle Chinesen in ihrem Nationalstolz verletzen, auch diejenigen, und das sind nicht wenige, die mit der Politik und Menschenrechtsauffassung der KPCh nicht einverstanden sind. Die Vorwürfe der Chinesen sind berechtigt: Die öffentliche Meinung im Westen ist durch die Berichterstattung manipuliert. Ob da nur Ignoranz dahintersteckt oder ein ideologische Wille, wird im Endeffekt keinen interessieren. Diese "Qualitätsjournalisten" werden uns die Chinesen zu Feinden machen, falls diese unsachliche und polarisierende Berichterstattung nicht bald ein Ende findet.

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26. März 2008 21:01

Demokratie und Menschenrechte in Europa und China

Stefan Gigga (GodSaveAmerica)

All denen, die sich zurzeit über Menschenrechtsverletzungen sowie fehlende Demokratie und Pressefreiheit in China erzürnen, sei ein Blick in unsere zukünftige Europäische Verfassung (auch wenn sie offiziell nur Vertrag von Lissabon heißt) empfohlen.
Neben sozialem Kahlschlag, der Entmachtung der nationalen Parlamente (Tschüss Demokratie) werden wir vor allem mit einer Militarisierung der Außen- und Innenpolitik (vielleicht mit dem Kriegsverbrecher Tony Blair als erstem EU-Präsidenten?) beglückt.
Sollten die Menschen in Europa dann irgendwann aus ihren Träumen erwachen und protestieren, hat die Verfassung auch schon vorgesorgt, siehe Aufstands- und Aufruhrbekämpfung. Falls das nicht reicht, kann dann ja die Todesstrafe eingeführt werden.
Für diejenigen die es nicht glauben wollen: „Ein Staat kann in seinem Recht die Todesstrafe für Taten vorsehen, die in Kriegszeiten oder bei unmittelbarer Kriegsgefahr begangen werden“ (Amtsblatt der Europäischen Union: Vertrag von Lissabon, Erläuterungen zur Charta der Grundrechte, S. 18). Da wir uns mit der neuen Verfassung jederzeit im Krieg oder in unmittelbarer Kriegsgefahr befinden, kann sich jeder selbst unsere Zukunft ausmalen.

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26. März 2008 20:57

Nur ein Beispiel...

Thomas Seifert (Thomas_Seifert)

...nehmen wir die aktuelle taz (online).
Interview mit einer Dame von Human Rights Watch - große Überschrift "Massaker rechtfertigt Boykott".
Ah ja, denkt der Leser - genau: dieses Massaker da in Tibet, unmenschliche Chinesen, und die wollen auch noch friedlich Olympia feiern. Gut, dass Human Rights Watch jetzt auch zum Boykott aufruft!
Sollte er aber weiterlesen, steht da: WENN es zu einem Massaker wie auf dem Tiananmen-Platz kommen WÜRDE, dann WÄRE ein Boykott wohl gerechtfertigt. (Als Ersatz für aktuell massakrierende Chinesen wird einstweilen die fehlende Presse- und Meinungsfreiheit angemahnt.)
Dieser Überschriften-Redakteur will wohl ein bisschen Bismarck spielen - mit dessen Emser Depesche kann er locker mithalten. Er sollte - im Interesse des Qualitätsjournalismus und, ja, der Pressefreiheit - entlassen werden. Denn die Freiheit der Presse zur Hetze ist nicht das, was ich verteidigen möchte.

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26. März 2008 20:38

China und der Westen, aber was sagen die Betroffenen?

TOBIAS RÜGER (t.ruger)

China sagt dieses, der 'Westen' sagt jenes, aber was sagen eigentlich die Tibeter? Sie haben die Chinesen schließlich nicht gebeten, ihr Land zu besetzen und immer wieder dort zu randalieren.

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26. März 2008 20:15

Neue Zeiten, Alte Spielchen

Michael May (M.May)

Die Sichtweisen sind nun mal äußerst unterschiedlich. Die Chinesen denken noch an die frühere ''Kanonenbootpolitik' des Westens und verbinden damit diffuse Minderwertigkeitsgefühle. Gleichzeitig sieht sich China als eine der ältesten und größten Kulturnationen und fühlt sich schon daher überlegen. Dies verstärkt durch die wachsende weltwirtschaftliche Bedeutung.

Demokratie im westlichen Sinn wird es dort wohl nie geben oder kann man sich hier vorstellen, 5 Millionen Menschen wegen eines Großprojekts (Drei-Schluchten-Staudamm) ohne deren Zustimmung praktisch zwangsweise umzusiedeln? Wohl kaum.

Es gibt eben weltanschauliche Grundsätze, die unvereinbar bleiben. Man kann sich nur bemühen, die jeweils andere Position nachzuvollziehen. Verstehen oder gar akzeptieren ist kaum möglich. Lediglich Toleranz (oder ist es Gleichgültigkeit?) wird geübt, solange eigene Interessen nicht bedroht sind.

Das sind alles uralte psychologische und gesellschaftliche Mechanismen, verbunden mit neuesten technischen Errungenschaften. Schaffung äußerer Feindbilder bei internen Schwierigkeiten war zu allen Zeiten und überall beliebt.

Gruppentheoretisch: Wer schlägt die Brücke zur jeweils anderen Gruppe auf die Gefahr hin, als Verräter zu gelten?


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