
in Deutschland bekommen sie gar keine Baugenehmigung auf landwirtschaftlich genutzten Flächen

Die besten Statiker nützen nichts, wenn es an Einsicht fehlt. Auch in Deutschland wurde und wird leichtsinnig gebaut. Oder haben wir die Oder-Flut von vor wenigen Jahren schon wieder vergessen, als viele in den Niederungen der Oder gebaute Häuser einfach so überschemmt und zerstört wurden? Wie ich neulich hörte, soll der Bauwahnsinn dort fröhlich weitergehen (kann das aber nicht beweisen). Wenn es dann eines Tages wieder mal zu einem Hochwasser kommt, wird das Geschrei auch bei uns wieder groß sein, trotz unserer guten Architekten.

Richtig ist, dass die Behoerden (falls man sie den wirklich so nennen darf) in Kairo auf Buergerbeschwerden nicht reagieren. Warum sollten sie auch? Es ist ja nicht so, das Aegypten eine Demokratie ist. Statik spielt beim Haeuserbau in Aegypten keine Rolle. Die Mehrzahl aller Haeuser (selbst grosse Villen) werden ohne Architekten gebaut und wenn ein Architekt zu rate gezogen wird, dann ist auch das bedeutungslos, weil Architekten von der Cairo University kaum kenntnisse in Statik vermittelt bekommen und wenn dann solche auf Kairener Niveau. Weite neuere Teile Kairos sind sog. informelle Gebiete, d.h. Gebiete in denen die Zuwanderer vom Land einfach anfangen zu bauen. Unterhalb von Mokattam genauso wie in Maadi. Selbst wenn die "Rettungskraefte" professionell arbeiten wuerden (der Begriff professionell ist in Verbindung mit aegyptischen Aktivitaeten generell deplaziert; zuletzt beim Parlamentsbrand zu bewundern), haetten sie nichts ausrichten koennen.

Die FAZ weist, wie die meisten Medien, die über das Unglück berichtet haben, darauf hin, dass die Häuser, die beim Felsabbruch zerstört wurden, ohne Genehmigung gebaut wurden. Was soll ein Leser mit dieser Information anfangen? Wenig, wenn man nicht weiss, wie gross in Ägypten der bürokratische Aufwand zum Erwerb einer Baugenehmigung ist. Nach Angaben von de Soto (The Mystery of Capital, 2000, S. 20) dauert es in Ägypten sechs bis vierzehn Jahre oder länger um eine Genehmigung zum Bau eines Hauses auf landwirtschaftlich genutztem Land zu erhalten. Den armen Leuten dann den versteckten Vorwurf zu machen, sie hätten sich doch wohl besser an die gesetzlichen Regeln gehalten und sich eine Baugenehigung besorgt, ist angesichts dieses bürokratischen Aufwands nichts weiter als absurd.

Immer wieder stürzen in Kairo statisch unzulänglich gefertigte Häuser ein. In dem konkreten Fall ist es offensichtlich so, dass das Wohngebiet an dieser Stelle nie hätte entstehen dürfen. Dass ein einfacher Bürger ohne Beziehungen ein Behörde in Ägypten auf einen Misstand aufmerksam macht ist für den weiteren Verlauf der Dinge schlichtweg unerheblich.