determiniert (was mitnichten der Fall ist), hat sie nicht nötig. Letztlich sind natürlich auch Argumente nur Sprache und als solche ebenso wie die Gesetze der Logik ja nur eine gesellschaftliche Konvention. Man mache sich keine Illusionen, dieser neue Irrationalismus, der sich hier im Mainstream der deutschen Erkenntnisphilosophie breit gemacht hat (und auf die Studierenden niederprasselt!), kann fatale Konsequenzen haben. Die deutsche Geschichte ist voll von Beispielen, in welche Katastrophen die offensichtlich zutiefst deutsche Sehnsucht nach einem Zustand, in dem man den „Fesseln der Rationalität“ enthoben ist, führen kann.
Frau Gehring drischt Stroh; weiter ist ihr Beitrag nicht der Rede wert. Er ist restlos durch die Feststellung von Gerhard Roth (aus dem Jahre 2004 in der DZPhil!) ersetzbar: "Die Hirnforschung hat anders als Physik und Chemie bisher keine grundlegende Methoden- und Begriffskritik durchgeführt." Für den wissenschaftlichen Informationsstand hiesiger Hirnforscher könnte allerdings kennzeichnend sein, dass sein Eingeständnis ein Jahr nach Erscheinen des m.W. kompaktesten Beitrags zu dieser Grundlagendiskussion erfolgte, dem 450 Seiten-Werk seines australischen Kollegen Max R. Bennett "Philosophical Foundations of Neuroscience" (das er in Diskussion und Zusammenarbeit mit dem englischen Philosophen Peter M.S. Hacker erarbeitet hat). Hierzulande hat mindestens seit den 1990er Jahren neben vielen anderen gerade P. Janich immer wieder die "Hirnforschung als philosophisches Problem" (in Ann. Anat.!) diskutiert ebenso wie "den Einfluß falscher Physikverständnisse auf die Entwicklung der Neurobiologie." In der online-Diskussion zum Briefwechsel Singer-Janich habe ich darauf hingewiesen, dass zwei zentrale und alles entscheidende "Annahmen" von Singer sogar noch weit älter sind als jede Physik. Dies scheint noch gar nicht aufgefallen zu sein.
Er steht in einer klassischen wissenschaftlichen Tradition, in der es darum geht, durch logisches Abwägen und rationalen Diskurs, das bessere Argument zu finden. Doch gegenüber Leuten wie Janich, Gehring, und Co ist dieser Ansatz in der Tat gnadenlos naiv. Die haben es schon lange nicht mehr nötig zu argumentieren. Sie haben sich eine autistische Erkenntnisphilosophie gezimmert, der mit Argumenten nicht mehr beizukommen ist. Beobachtungen der Realität gibt es nicht. Alles ist bloß Sprache („'Hirn' ist letztlich nicht mehr als ein Name“ - Hirnkrankeiten und medizinische Verfahren, wie sie zu heilen sind natürlich auch!) und wer da noch etwas anderes zu behaupten wagt, langweilt und ist lächerlich. Man schaue genauer hin: Die intellektuelle Überheblichkeit, mit der man hier zur Tat schreitet ist jeder diskursiven Verpflichtung zur Argumentation enthoben: Frau Gehring behauptet einfach nur drauf los („Stecke ich deterministische Physik (oder ähnlich gelagerte Psychologismen) hinein, werde ich stets auch wieder Determinismus folgern“), eine genaue, logisch nachvollziehbare Beweisführung, dass der in der empirischen Hirnforschung übliche Versuchsaufbau tatsächlich bereits (mit logischer Notwendigkeit) ein bestimmtes Ergebnis...
Oh welche Zumutung! Obwohl Frau Gehring sich angesichts des Forschungsprogramms Wolf Singers gelangweilt fühlt und eigentlich über diesen naiven Kleingeist nur lachen kann, wird sie von Herrn Schirrmacher genötigt, einen Kommentar dazu abzugeben und dabei auch noch Werbung für Ihre hochwertigen Bücher zu machen! Vergleicht man Frau Gehrings Kommentar mit dem von Herrn Markovich (FAZ, 22. Juli.08) wird deutlich welch Geistes Kinder sich mittlerweile in der universitären deutschen Erkenntnisphilosophie breit gemacht haben: Markovich liefert drei Beobachtungen („(1) Ohne Gehirn gibt es kein Denken; (2) ein stark geschädigtes Gehirn hat ein massiv eingeschränktes Denken zur Folge (z.B. im Spätstadium der Alzheimerdemenz); (3) ein gering geschädigtes Gehirn hat nur wenig beeinträchtigte Denkleistungen zur Folge (z.B. bei altersbedingten Hirnabbauerscheinungen); (4) ein normales Gehirn hat normale Denkvorgänge zur Folge.“), die unabhängig von konkreten experimentellen Apparaturen gemacht werden können. Er will damit eine Ausgangsbasis für eine Diskussion schaffen. Er will wissen, ob bereits hier der Dissens beginnt und wenn ja, möchte er die diesbezüglichen Argumente hören.
@Hogreve: Um es mit Herrn Reich Ranicki zu sagen: „Es ist immer alles komplizierter, und Sie haben natürlich recht“. Aber ich wollte mit meinen kurzen Erläuterungen hier keine Vorlesung über die Messung deterministischer Anteile in Zeitreihen halten. Genaueres –vermutlich mehr als sie wissen wollen - können Sie ein einem meiner Bücher (die auf meiner Webseite angegeben sind) finden. Am Rande bemerkt, quantenmechanische Fluktuationen spielen bei Gehirnprozessen (da sie durch keinen bekannten Mechanismus makroskopisch verstärkt werden) nach übereinstimmender Meinung der meisten Experte (einige Cranks gibt es immer) keine Rolle.
@Huber. Noch ein klares Beispiel:Wenn sie ein Menschen haben, der etwa Epilepsie hat und sie dürfen ihm - um den Epilepsie Herd zu lokalisieren - mit seiner Einwilligung Elektroden einpflanzen, dann können Sie darüber die lokale Neuronenaktivität in seinem Gehirn messen. Wenn er einen ein Epilepsieanfall bekommt feuern die Neuronen rhythmisch und deterministisch wohingegen sie bei seiner der normalen Gehirnaktivität mehr unregelmäßig feuern (obwohl auch da deterministische Anteile dabei sind). Damit haben Sie dann schlicht Determinismus und Nichtdeterminismus im Gehirn gemessen und von außen weder was deterministisches noch was undeterministisches in das Gehirn hineingetragen. Das steht im Widerspruch zur Aussage von Frau Gerstner. ? (*)Zitat aus Ihrem Artikel: „… dass man nicht durch Geräte beweisen kann was man im Versuchsaufbau bereits vorausgesetzt hat. Stecke ich deterministische Physik (oder ähnlich gelagerte Psychologismen) hinein, werde ich stets auch wieder Determinismus folgern“ .
Dank Plato, Aristoteles und schliesslich Descartes wissen wir wenigstens das wir sind. Das bedeutet aber leider auch, dass wir uns über nichts sicher sein können ausser über unser Bewusstsein. Sogesehen dürfen wir getrost alles in Zweifel ziehen. Also kann man prinzipiell die Ergebnisse der Neurowissenschaften als naiv betrachten. Genauso kann man aber sämtliche Thesen der Philosophie, ruhig auch als naiv bezeichnen, denn diese konnte niemals eine Sichtweise beweisen. Der Vergleich mit den Sichtweisen der einzelnen Biowissenschaften hinkt allerding ganz unertäglich. Naturwissenschaften sind relational und man ist durchaus in der Lage Kausalitäten auseinanderzuhalten. Die Naturwissenschaften konvergieren in ihren erkenntnissen bzgl des Bewusstseins im Gehirn. Auch die Kritik an dem Messgeräten ist nicht valide, denn die Philosophie kann das Bewusstsein durch Rational auch nicht sicherer erfassen, da sie durch ihr Denken über das Bewusstsein dieses selbst verändert und so in einem circulus vitiosus für immer vor sich hin denkt ohne zu einem Ergebnis zu gelangen. Zudem verdrängen Philosophen die Möglichkeit, das das Gehirn das Denken vom Bewusstsein unerkannt moduliert und so Bewusstsein, Logik und Denken an sich nur Illusionen sind.
Meine zwei Cents setze ich auf folgendes Ergebnis: Leute, die mehr Dreck am Stecken haben, tendieren eher zum Glauben an Vorherbestimmung und Determinismus als andere, die von ihrer Entscheidungsfreiheit überzeugt sind. --- Beide liegen wohl richtig: Die einen sind frei, die anderen, je mehr sie auf dem Kerbholzweg sind, immer unfreier.
Gnadenlose Naivität vermute ich bei den Neurowissenschaftlern eher nicht. Die weise Eule Lipschitz sagt dazu: "Die meisten Menschen glauben, daß Geld alles ist. Sie haben recht." (Ephraim Kishon) --- Einige "Hirnforscher" glaubten in ihrem bemerkenswerten "Manifest" in der Zeitschrift Gehirn & Geist bereits 2004 zu wissen, was ihre künftigen Forschungsergebnisse zu bedeuten hätten. Das hat ein gewisses Gschmäckle: "Gebt uns Geld, Steuergeld, viiiiiiiel Steuergeld! Damit werden wir das Instrumentarium entwickeln, das es Euch ermöglicht, das Volk und den Bürger einer totalen mind-control zu unterziehen, die Ihr zur Durchsetzung des antiliberalen EUdSSR-Projekts braucht." --- Siehe auch "Raus aus dem Richter-, rein in den Neuro-Staat!" im FAZ.net.
Vielen Dank für die Erläuterung. Ich verstehe jetzt was Sie meinen und bezüglich dieser Unterscheidung zwischen deterministischen und nicht deterministischen Systemen haben sie wohl recht. Nun bin ich mir allerdings nicht sicher, ob Ihr Beispiel bezüglich der Aussage von Frau Gehring relevant ist, denn ihr geht es ja primär um die Determiniertheit von Experimenten - also von Menschen zu einem bestimmten Zweck und aufgrund bestimmter Annahmen geschaffenen Systemen - die Uhr und nicht das Blatt?
Abgesehen dass die genannten Beispiele (Uhr und Blatt) ziemlich problematisch sind, muss man doch etwas "tiefer" ansetzen: In der Theorie kann man zwar klar zwischen deterministischen und stochastischen Systemen unterscheiden. Um deterministisches und stochastisches Verhalten aber experimentell ueberpruefen zu wollen, muss man annehmen, dass der Messprozess selbst (abgesehen von den ueblichen statisischen Schwankungen bei realen Laborbedingungen) deterministisch ist, also immer mit Sicherheit das Bit 1 ausgibt (und nicht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das Bit 0) wenn auch in dem untersuchten System das Bit 1 auftritt. Diese Determiniertheit des Messprozesses ist eine a priori Annahme (welche sich im makroskopischen Bereich durch Dekoherenzphenomaene begruenden liesse, aber selbst dann nur theoretisch im Limes verschwindenden (Planckschen) Wirkungsquantums streng gilt).
@Huber: Ja, Sie haben recht, das muss ich genauer erklären. Ich machte folgende Aussage: Wenn man, die Zustände eines Systems im Verlauf der Zeit misst, so kann man an Hand der Messung feststellen, ob es sich um ein deterministisches System handelt oder nicht. Dann habe ich zwei Beispiele genannt. Wenn sie nun bei beiden Beispiel Systemen die Zeitreihen (die der Zeigerbewegung und die der Blattbewegung) messend aufzeichnen, so kann man danach – ohne dass man vorher weiß von welchem System Messung kam (das ist der springende Punkt) - nur an Hand der Zeitreihen entscheiden, ob die Zeitreihe zu einem deterministischen System (hier der Uhr) oder zu einem nichtdeterministischen System (hier Blatt) gehört. Die Zeitreihe der Uhr ist regelmäßig und man kann aus dem vorherigen Messpunkten den nächsten Messpunkt vorherberechen. Die Messreihe, die zur der Blattbewegung gehört ist unregelmäßig und unvorherberechenbar.
Bin nur ein Laie, aber Ihre Frage scheint mir doch sehr leicht beantwortbar: In ihrem "Versuchsaufbau" ist die Bewegung des Blattes, wie sie selbst sagen, nicht determiniert. Aber ein anderer Versuchsaufbau, in der die Bewegung des Blattes determiniert ist durch die Windrichtung und Stärke ist natürlich leicht vorstellbar (man braucht diese Einflußfaktoren ja nur zu messen). Zumindest was Ihr Beispiel angeht, muß man Frau Gehring somit wohl recht geben.
…, dass Naturwissenschaftler im Diskurs gegen Philosophen fast immer den Kürzeren ziehen. Und das ist wahrscheinlich nicht erst seit Kuhn so. Wenn Frau Gehring gerade am Buch „Traum und Wirklichkeit - Zur Geschichte einer Unterscheidung“ arbeitet, müsste Wolf Singer ihr eigentlich erst mal beweisen, dass er seine Forschungsergebnisse (oder den Rest seines Lebens) nicht nur geträumt hat. Das wird sicherlich nicht ganz einfach. Aber ernsthaft: Singers Argumentationskette bietet auch für Nichtphilosophen Angriffspunkte. Seine Forschungsergebnisse sind ohne Zweifel interessant, aber ich muss Frau Gehring in einem Punkt beipflichten: Er steckt genau das hinein, was er auch raushaben will. Mit anderen Worten: Man kann seinen Standpunkt in genau der gleichen Weise vertreten, wenn man seine Forschungsergebnisse weglässt. Aus naturwissenschaftlicher Sicht lassen sich gute Gründe für die Nichtexistenz der Willensfreiheit anführen, sofern man den freien Willen als vom Gehirn unabhängige Eigenschaft definiert. Warum die verzögerte Willenswahrnehmung ein solcher Grund sein soll habe ich aber nicht verstanden. Herr Rabe wird mir da vielleicht weiterhelfen können.
Aber Genetikern, Soziobiologen und Endokrinologen hätten gar kein Problem mit Singer und er auch nicht mit ihnen. Sie verwenden die gleichen wissenschaftlichen Methoden und akzeptieren, daß sie innerhalb ihrer Modelle nur Teilaspekte des menschlichen Denkens erklären können. Singer wäre sicher der letzte der den Einfluß der Hormone auf das Denken leugnen würde, er könnte sich vermutlich mit einem Edokrinologen gut zu einem Forschungsteam zusammen schließen und dabei die Auswirkungen der verschiedenen Hormoncoctails auf die neuronale Aktivität untersuchen und Auswirkungen darstellen. Auch ein Genetiker oder Sozialbiologe würde sehr fruchtbar mit Singer zusammenarbeiten, deren Arbeiten ergänzen sich, es dürfte kaum zu unüberwindbaren Widersprüchen kommen. Nur der Philosoph scheint sich hier verzweifelt darum zu bemühen eine Art 'Wissenschaftsverbot' zu postulieren, nach dem das menschliche Gehirn die große Ausnahme unter all den beobachtbaren und beschreibaren Objekten im Universum zu sein hat.