Grass in der Kritik

Lügen in Zeiten des Friedens

Für den amerikanischen Schriftsteller Louis Begley geht es bei Günter Grass' Geständnis gar nicht um die Person selbst, sondern um die Angst als solche. „Hätte ich das gewußt“, sagt er, „hätte ich die Flucht ergriffen.“

Lesermeinungen zum Beitrag

21. August 2006 13:50

Zu "Generationenfrage"

Klaus Hennicke (klaus1208)

Danke für diesen Beitrag.

Als Kind und Jugendlicher gaben mir im Schicksal mit Herrn Begley verbundene Menschen die Hand und die Gelegenheit, ihnen Fragen zu stellen und darauf schmerzhafte Antworten zu erfahren, selbst gefragt und mit meinen Ideen vom Lauf der Geschichte ernst genommen zu werden. Einige leben und tun das heute noch. Ohne verblendenden Hass und Selbstverbote.
Gut so.

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21. August 2006 11:40

Begleys Grass-Kritik

Rainer Franke (rainerfranke)

Zitat Begleys: "Ich denke dabei an die schockierend absurde Anekdote, mit der er unterstellt, daß er zum erstenmal mit direktem Rassismus konfrontiert gewesen sei, als er hörte, wie weiße amerikanische Soldaten ihre schwarzen Kameraden „Nigger“ nannten."

Viel schlimmer ist doch die Gleichsetzung von Massenvernichtung in den Nazi-KZs und Rassismus in der USA-Army, die Grass heute (!) noch vornimmt! Dass diese Ungeheuerlichkeit von Grass nicht zu einem Aufschrei der Empörung führt, ist unbegreiflich. Das Verschweigen selbst wäre doch völlig vernachlässigbar. Mein Gott, ein 17jähriges Kind! Aber diese Ungeheuerlichkeit eines 80jährigen völlig Unbelehrbaren ist das, was es endlich bloßzustellen und zu verurteilen gilt!

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21. August 2006 10:59

warum nicht die Väter selbst

Jan Froehlich (JanFroehlich)

es gibt nicht viel zu sagen zu diesem Artikel ausser daß sowohl mit Grass und dem Papst wohl die letzten der am Krieg teilnehmenden Generation nicht den Mut hatten ( und haben) für ihre eigene Generation auszudrücken daß sie mit teilgenommen haben und mit Schuld auf sich nahmen. Wie ein leuchtendes Feuer steht dem das Wort Johannes Paul II. gegenüber der in den siebziger Jahren noch als Erzbischof die Demut gefunden hat, gegenüber den deutschen Mitbrüdern zu sagen "wir bitten um vergebung und wir vergeben".

Die Bitte um Vergebung ist noch die Erwartung, die ich als "Sohn" dieser Generation an diese habe - gelingt dies dieser nicht mehr, nimmt diese tatsächlich die "doppelte Schuld" mit in "die Ewigkeit".

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21. August 2006 10:23

Lügen in Zeiten des Friedens

Hermann Goebel (goebelrheinberg)

Herzlichen Dank, Herr Begley. Wir brauchen diese Kommentare von außen.

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21. August 2006 10:00

Fraternisierung

Christian Barzel (Falke27)

Aus Gesprächen mit dem ein oder anderen deutschen Soldaten weiß ich, daß es zwischen schwarzen und deutschen Soldaten desöfteren in US-Gefangenschaft Verbrüderungen gab.
Begonnen von schwarzer Seite. Und alles nach dem Motto (wurde mir wörtlich berichtet): "Wir müssen doch gegen die Yankees zusammenhalten."

Der deutsche Rassismus war ja mehr akademischer Art. Und vollzogen wurde er dann nur von den SS-Sondereinsatzkommandos. Von daher ist Grass Einwurf, daß er erstmals Rassismus bei den Amerikanern erlebte keineswegs absurd.

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21. August 2006 09:04

Weiterer Tabu-Bruch

Karim Hassan (karimhassan)

Die Perspektive der Opfer des Nationalsozialismus ist in der Diskussion merkwürdig unterbelichtet gewesen. Begley warnt mit Recht davor, die verbrecherische Seite des Nazi-Regimes dadurch zu bagatellisieren, dass man Täter zu Opfern macht, auch wenn das im Gewand der Scham geschieht und äußerst subtil vonstatten geht. Beim späten Grass-Geständnis handelt sich um einen weiteren Tabu-Bruch in einer langen Reihe von Tabu-Brüchen. Begley kommt auf den Kern zurück, er rückt die Maßstäbe zurecht. Und das ist gut so.

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21. August 2006 08:34

Unschuldig

Christoph Münch (Finn31)

Herr Louis Begley denkt, dass er unschuldig sei. Doch das ist absurd. Niemand zur dieser Zeit war unschuldig. Nicht einmal wir Schweizer. Sicher auch nicht Louis Begley. Er war selber an der Invasion beteiligt und hat vermutlich auch getötet.
Von mir aus gesehen, darf er nicht die ganze Bevölkerung Deutschlands von damals verachten. Es war Krieg. Jeder Mann der den Militärdienst leisten musste, musste kämpfen. Das waren Befehle.
Herr Louis Begley enttäuscht mich. Auch ich habe Verwandte, die im Krieg kämpften und in Deutsche-Gefangenschaft kamen. Ich verurteile deshalb aber nicht die älteren Deutschen. Denn sie wurden nur manipulliert. Von einer Person welche um sich herum einige Fanaschisten gesammelt hat.

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21. August 2006 08:18

"Klassisch konditioniert"

Kostas Malakas (kostax)

Ich kann gut verstehen, dass ein "zur Jagd freigegebenes Tier" nie wieder etwas mit seinen Peinigern zu tun haben will. Ich kann auch gut verstehen, dass schon allein der Anblick einer SS-Uniform bei den Opfern selbst noch nach über 60 Jahren Panikattacken auslöst.
Die SS war abgrundtief schlimm, die Jahre zwischen 33 und 45 ein einziger brutaler Exzess, für den sich die Deutschen heute nicht mehr schuldig, aber verantwortlich fühlen müssen - schon allein deshalb, damit es nicht nocheinmal passiert, nirgendwo auf der Welt.
Daher: Man muss sich der Geschichte stellen, man muss sich mit ihr auseinandersetzen, schonungslos. Ein ganz ganz wichtiger Aspekt ist dabei das Verhältnis des Einzelnen zur gleichgeschalteten Gesellschaft in dieser Zeit: "Wer war der SS-Mann eigentlich? Was trieb ihn an? Welches waren seine persönlichen Vorstellungen, Ziele, ...? Usw.".
Genau DAS aber verhindert Begley. Als Opfer hat er den Tunnelblick; er hört "SS" und macht sofort die Schotten dicht. So verständlich das auch ist, angesichts seiner persönlichen Erfahrungen, es ist nicht hilfreich - ganz im Gegenteil.

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21. August 2006 07:36

Louis Begley,

arthur hund (arturhund)

seit meiner ersten Lektüre Ihrer Bücher habe ich sie als die komplementäre Sicht der Geschichte gelesen, die mir im Nachkrigesdeutschland aufgetischt wurde. Danke nochmals dafür - ich wünschte, das hätte uns schon 1960 so bildlich vor Augen gestanden.

Mein (und vieler anderer) grundlegendes Unbehagen war, dass ich nicht einen einzigen Täter der Nazizeit je kennenlernte, sondern nur verbissene Opfer und getäuschte Mitläufer. Die logische Reaktion war unser Zweifel an den moralischen Instanzen.

Grass offenbart nun, wie weit die Selbsttäuschung der Generation der deutschen Kriegsteilnehmer ging: Weiter als wir dachten.

Ich kann mir nicht vorstellen, wozu ich nochmals ein Buch von Grass in die Hand nehmen sollte.

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21. August 2006 02:29

Zwei feine Unterschiede der Tötungsarbeit - ein Bärendienst für die USA

wolfgang kasprowicz (wkasprowicz)

Lieber Herr Begley,

ungeachtet der Ihrer Nation zu Recht oder ungerecht nachgesagten Pauschalierungen und Geografie-und Historienkenntnisse, Empathie und Verständnis für nichtamerikanische Kulturen: Die Mehrzahl der im 2. Weltkrieg eingesetzten Soldaten ( nicht nur im Osten ) waren Wehrpflichtige, Eingezogene, während die Soldaten Ihrer Nation, die im Irak Ihrer Diktion nach Tötungsarbeit verrichten, ausschließlich Freiwillige sind, auch als Reservisten, zu Tötungsmaschinen gedrillt (Mariner).

Der damalige deutsche Oberbefehlshaber hatte die gleichen Intentionen beim Einmarsch in Rumänien wie der heutige Ihre im Irak, der nicht nur die Welt, sondern sein eigenes Volk bis heute ungestraft und ungesühnt nachgewiesenermaßen angelogen hat: Mein Öl!

Ihr Artikel hat wenig mit Graß zu tun, sondern ist ein einziges ungehemmtes Haßpamphlet gegen alles Deutsche von damals. Wenn Sie die gleichen Maßstäbe an die amerikanischen Soldaten anlegen würden wie an die deutschen von damals, müßten Sie Ihr Land verlassen. Aber das haben Sie, wenn ich richtig lese, ja bereits getan, und Sie verdienen Ihr Geld zumindest bei den und im Land der Nachkommen dieser deutschen "Tötungsarbeiter".

Ihr Artikel - ein Bärendienst für die USA!



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21. August 2006 00:53

Grass - Lügen in Zeiten des Friedens

A. Rodi-Nohr (Steuerzahler)


Ein überschäumendes Thema, das Morgen schon nicht mehr interessiert.

Wortgewandte Menschen richten über den schon Schuldigen, obwohl sie nie ein Urteil sprechen können.

Politiker verweigern die Aussagen vor Gericht oder leiden an Gedächtnisschwund und sitzen heute wieder in den Reihen der Entscheidungsträger ohne jemals verurteilt worden zu sein.

Das Gedächtnis des Kollektivs ist zu kurz.

Das wäre eine Chronik wert.

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21. August 2006 00:52

Generationenfrage

Dietmar Nix (d.nix)

Zitat Begley: "... Ratlosigkeit und Trauer beim Gedanken an die schmutzige Arbeit, die ihre Väter, Großväter, Onkel und älteren Brüder getan oder vielleicht getan haben."

Wohlgemerkt: in diesem Zusammenhang ist pauschal von dt. Soldaten im Weltkrieg die Rede, es ist kein eingrenzender Bezug vorgegeben.

Folglich müßte der Satz sachlogisch korrekter heißen: "... getan oder nicht getan haben". Da niemand mehr vernünftigerweise bezweifeln kann, daß die letzte Variante den statistisch häufigsten Fall von Verhalten dieser Soldaten beschreibt, ist die oben zitierte Fassung infam.

Zur Nachkriegsgeneration zählend bin ich sehr froh, wenn diese haßverblendete Generation wie im exemplarischen Zitat oben endlich von der Bühne der Geschichte abgetreten ist oder endlich einen Traumatologen gefunden hat, der helfen kann. Vielleicht genügt es aber auch schon, für Einlassungen wie oben keine Honorare mehr zu zahlen.

Bei einer Begegnung mit einem solchen Menschen käme analog für mich auch weder ein Hand- oder Blickkontakt infrage, ein Lächeln schon gar nicht, da es ein Maß an Ehrlosigkeit gibt, das man nicht einmal belächeln kann.

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20. August 2006 22:47

zu "Lügen in Zeiten des Friedens"

Gerhard Lang (f.g.lang)

Leider hat Herr Begley so Recht. Die faulen, abgedroschenen Ausreden von Herrn Grass haben wir doch schon tausendfach gehört. Gerade Grass als Schriftsteller hätte doch über eine bessere und vor allem der Wahrheit entsprechende Begründung nachdenken müssen. So spielt er doch allen Rechtnationalen und Holocoust-Verneinern in die Arme. Höhnisch werden Sie sagen: Seht den Moralapostel Grass, auch nur einer von uns.

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20. August 2006 22:19

In God we trust?

Julius Franzot (JFranzot)

Es ist mir fast peinlich, auf solche Äußerungen meinen Kommentar abzugeben. Herr Begley war mir bisher unbekannt, obwohl ich mich schon, sei es auch nur aus beruflichen Gründen, mit der Weltliteratur ausseinandersetze.
1. Ich bin wirklich nicht sicher, dass jeder in Deutschland damals wußte, was sich in den Lagern abspielte. Die verbrecherischen Taten wurden nicht in die Öffentlichkeit getragen, mein Vater war damals Drogist in Osnabrück und wusste, dass jüdische (und russische) Gefangene einfach kleinere Portionen Essen bekamen und in gesonderten Lagern untergebracht waren. Von der "Endlösung" wusste er nichts.
2. Die Berührungsängste des Herrn Begley finde ich wirklich rührend, im Einklang mit dem "Verbrüderungsverbot" amerikanischer Soldaten in Deutschland. War das so gut? Hat so ein Verbot nicht zu Tausenden von Mißverständnissen geführt?
3. Wenn sich ein Amerikaner anschickt, die Deutschen so abzukanzeln, dann möchte ich Hiroshima, Guantanamo, die "chemischen Waffen" Saddams, die wahren Gründe, vielleich eine Frau Lewinsky?, für die Bomben in Serbien und Kosovo anführen. Ist das unter der Gürtellinie?
Wer kann sich noch an die Heldentaten amerikanischer Soldaten bei der Bundesgartenschau in Ulm erinnern?

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20. August 2006 22:05

Lesen Sie, Herr Grass, lesen Sie!

Armin Chiriac (Chiriac)

Ob G. Grass auch nur eine einzige Kritik dieser Tage, die sein jahrzehntelanges Lügen betrifft, liest oder gelesen hat?
Ob er die Stellungnahme von Louis Begley lesen wird?

Oder fällt er über Begley das gleiche Verdikt wie über einen George W. Bush oder andere Amerikaner, nur weil auch er die amerikanische Staatsbürgerschaft hat?

Wer kann Grass schon etwas anhaben? Jede Kritik scheint an ihm abzuperlen ("Wer richten will, mag richten." - Grass am 16.08.06 in der ARD). 62 Jahre des Versteckspielens und Lügens verschaffen einem offensichtlich ein dickes Fell. Am Ende glaubt der Betroffene selber noch daran.

Ob G. Grass die Stellungnahme von Louis Begley lesen wird? Und falls er sie liest, wird er sie auch verstehen?

In den wenigen Interviews von G. Grass dieser Tage wird deutlich, dass er sich keiner Schuld bewusst ist. Überhaupt kein Schuldbewusstsein!

Und dennoch sage ich: lesen Sie, Herr Grass, lesen Sie und beginnen Sie langsam zu verstehen. Vielleicht ist es dazu noch nicht zu spät, vielleicht.

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