Es ist doch seltsam - da beklagen die einen, dass sich die Eliten des Landes prinzipiell aus sich selber rekrutieren, insbesondere deshalb, weil sie schon von frühester Jugend an einen bevorzugten Zugang zur Bildung (und nicht nur zum Wissen) haben und so ein Verhaltensrepertoire entwickeln, das "Oben" angesagt ist. Die anderen dagegen sind der Ansicht, ohne (klassische) Bildung ginge es auch - und wundern sich dann, wenn die Eliten unter sich bleiben und alle nur noch am liebsten "irgendetwas mit Kommunikation und Design" machen wollen. Natürlich ist es langweilig, die Klassiker zu lesen - ist ja eben auch ein bisschen anspruchsvoller und deshalb anstrengender.
Nur weil viele gute Leute die Klassiker kennen, heißt das noch lange nicht, dass das eine ursächlich für das andere ist - in meinen Augen ist wahrscheinlicher, dass beides ähnliche Ursachen hat.
Technik und Pragmatismus sind wichtig. Diese sind aber nur lebendig solange der der etwas weiß sich nicht dafür schämen muss und es als wertvoll gilt, Wissen zu erlangen, Bildung zu schätzen und Universalität zu suchen. Eine "atomistische Denkweise" als Axiom führt nicht zu neuen Wegen und ermöglicht keine kritische Wesen groß zu ziehen. Wissen ist korrelliert. Die Geschichte ist nicht eifach das Gewesene und alte Literatur nicht einfach Verstaubtes und merkwürdig geschriebenes. Es geht darum, Ideen kennenzulernen und zu verstehen lernen. Verschiedene Denkweisen zu lernen und beherrschen, und kritisieren zu wissen. Das ist das Wesen des Rationalismus! Und er wiederum der modernen Technik, aber auch einer funktionierenden Demokratie! Vieles im Leben braucht man vielleicht nicht wieder. Was aber wenn schon? Besser, man kann im Nachhinein sagen, Goethe hätte man nicht gebraucht als nicht mal die Chance gehabt zu haben, zu einem eigenen Schluss zu kommen. Das letztere ist nicht Wege einfacher zu machen. Es ist einfach rücksichtslos unsozial und kurzsichtig.
Wenn Schulen nicht mehr verpflichtet sind, für eine Allgemeinbildung der Schüler zu sorgen, wie es in Hamburg anscheinend geplant ist, dann wird es mit der Chancengleichheit noch viel düster aussehen. Nicht alles, was man macht oder lernt ist praktisch nützlich. Das heißt aber lange noch nicht, das Wissen wäre nichts wert! Eine weite Sicht und die Möglichkeit verknüpfend zu kritisieren und weiterzudenken wird erst mit Bildung und Denkanstöße ermöglicht. Dafür muss man auch manches lernen, was sich erst viel später als wesentlich entpuppt (man soll auch entscheiden können, ob etwas unnötig WAR). Wenn man noch weiteres gelernt hat. Kulturteilhabe fängt zu Hause an (und ist dort wesentlich!), der Staat ist aber auch verpflichtet, dafür zu sorgen und sie zu verteidigen; allein schon der Demokratie und des Sozialstaats wegen. Wie kann sonst eine Demokratie Grundlagen schaffen und funktionieren? Wie kann sonst ein Land in die Zukunft schauen? Was kann man in einem Land erwarten, wo Kultur und Wissen entweder einfach als langweilig oder als parasitär gelten? Welche Chancen haben dann die Kinder in der Welt, besonders wenn es so vielen Eltern egal ist, ob sie etwas lernen ("das braucht mein Kind nicht!" heißt es oft)?
Eine Sprachanalyse des Beitrags von Herrn Bley zeigt, dass er über wichtiges Englisch und Mathematik doch etwas versäumt hat. Ich lass einmal nur die "Aufhänger" aus seinem Text stehen: Zitatanfang: stöhst ... sich endlich mal jemand dazu entscheidet ... - sich endlich einmal jemand entscheidet ... ganzen "Klassiker" .... halbe Klassiker? doch ... doch ... doch Häufung Aufzaehlung: erstens aber zweitens fehlt Kommata A propos wichtige Sache Englisch: schlechtes Deutsch ist schlecht übersetzbar wichtige Sache Mathematik: Mathe zu beschreiben erfordert sehr gutes Deutsch.
..denn Lernen muss Spass machen, um zu funktionieren. "Eintrichtern wie eine bittere Medizin" führt nur zu Verdruss und ist zum Scheitern verurteilt. Es mag ja sein, dass Spielarten der Literatur als Mittel dienen können, um Heranwachsenden zur Auseinandersetzung mit interessanten Fragen zu bewegen. Darüber hinaus ist die klassische Literatur, denke ich, aber vor allem eine elaborierte Form des Geltungskonsums. Und dazu sollte kein Kind gezwungen werden. Ebenso wie die Lehrer sollten die SCHÜLER die Verantwortung mittragen und -entscheiden, welcher Stoff in welcher Darreichungsform bei ihnen am ehesten "funktioniert". Lernen muss nicht Spass machen. Es ist aber ungleich effizienter wenn es dies doch tut.
Es scheint da ein Missverständnis zu bestehen, dass Bildung und Wissen zwei sich ausschließende Begriffe seien. Einige Kommentatoren scheinen das zu trennen: Wissen ist das, was man für den Beruf braucht und Bildung ist das so ein zusätzliches, vielleicht ganz nettes Gedöns. Bildung wird assoziert mit verstaubten Bibliotheken und dem Aufsagen von Gedichten. Jeder fachlich Hochqualifizierte braucht neben seinem fundierten Fachwissen ein Vielzahl an weiteren Qualifikationen, die sich unter dem Begriff 'Bildung' zusammenfassung ließen - unter anderem die Fähigkeit zur Reflektion gemachter Erfahrungen, ein Horizont, der über das eigentliche Fach hinausgeht, Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, eben kein eindimensionales Denken....etc. 'Fachidioten' haben die Welt noch nie wirklich weitergebracht - Wissen braucht eine Einbettung. Das Problem der Schule ist (neben den bekannten hausgemachten Problemen) dass sie mit einer Medienlandschaft konkurrieren muss, die mit schnellen Reizen arbeitet und Oberflächlichkeit den Weg bereitet statt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt anzuregen. Abgesehen davon scheint ohnehin der Trend der Zeit zu sein, Dinge immer mehr biologistisch anzugehen - Philosophisches ist out(?).
Indem man das Niveau immer weiter senkt, bekommt man vielleicht mehr (sogenannte) Abiturienten, aber deren Niveau ist gleichermassen niedrig. Irgendwann reicht die deutsche "Hochschulreife" gerade mal für eine 08/15-Lehre, und die Unis sind bevölkert mit Studenten aus Asien, die besser deutsch können als die direkten Nachfahren der Dichter und Denker. Die Politik macht mal wieder genau das Gegenteil von dem was ratsam ist, weil sie (a) feige sind, und (b) selbst nur auf dem Niveau der Kaffeemaschinen-Gebrauchsanweisung daherblödeln in ihren Worthülsen-Gefechten.
Liberal sein, ist schick und bringt Waehlerstimmen. Liberal sein heisst, das Rennen um das Niveau von oeffentlicher Seite zu gewinnen, indem man einfach das offiziell gewuenschte Niveau schneller sinken laesst als es ohnehin in der breiten Oeffentlichkeit der Fall ist. Ich empfehle die Lektuere der Buddenbrooks: was die erste Generation (Adenauer) aufgebaut hat, vernichtet die dritte Generation leichtsinning und grosszuegig. Bildung und Leistungswille schaffen Wohlstand. Nicht Verbloedung und Disziplinlosigkeit. Letztere sind aber in den letzten Jahren zu den wichtigsten Waehlerstimmenlieferanten avanciert.
Ich bin ja nun wirklich nicht mehr der jüngste, aber schon ich habe mich in der Schule gefragt was ich denn von einem Dichter wie Goethe fürs Lebens lernen soll, dessen Lebenswirklichkeit mit meiner in keinster Weise übereinstimmte. Die Leiden und Probleme eines Faust mögen in hoher Abstraktion allgemeinste Menschheitsprobleme schildern, aber um die Bilder und Sprache eines Goethe zu verstehen müsste man sich doch zu intensiv mit seiner Zeit beschäftigen, als es in der Schule sinnvoll wäre. Schüler sollten sich mit der eigenen Zeit beschäftigen, die ist schwierig genug. Überhaupt sehe ich Literatur als nicht besonders wichtig an, es ist für mich mehr ein schönes Hobby, man lernt in der Schule ja auch nicht Klavierspielen oder Golf. Viel wichtiger wäre es in der Schule die verschiedenen wichtigen Schulen der Ökonomie kennen zu lernen, damit Schüler früh schon gesundes Misstrauen gegenüber Politikern entwickeln die sich als 'Wirtschaftsexperten' bezeichnen. Wer die Ideen hinter Marx, Schumpeter, Keynes oder Samuelson verstanden hat, der weis, daß es auf komplexe Fragen von Politik und Wirtschaft eben keine einfachen oder eindeutigen Antworten gibt. Das wäre wichtig für zukünftige Staatsbürger um den 'Rattenfängern' zu begegnen.
Ich spreche täglich 5 Sprachen. Nach 6 Jahren im Ausland stelle ich fest, daß mein Deutsch schlechter wird. Auch wenn man nicht die Möglichkeit hat, seine Muttersprache so häufig anzuwenden, wie nötig, um den erreichten Standard zu halten, so kann man dennoch durch Lesen den Verfall bremsen. Entscheidend dabei ist dabei aber auch die „Grundausbildung“ in der Muttersprache, die man mitbringt. Ich mochte als Schüler weder das Lesen der zitierten Klassiker besonders noch den Lateinunterricht bis zur 10. Ich kann aber versichern, daß ich heute glücklich darüber bin, dieses ANGEBOT wahrgenommen zu haben, denn es hilft mir heute sehr. Wieviel Zeit geht denn in 12-13 Schuljahren für die „Klassiker“ drauf? Ich denke, wer seine Muttersprache nicht in ausreichendem Maß beherrscht, nur wenig über die Kultur seines Heimatlandes weiß (auch die literarische gehört dazu), der wird auch mit Fremdsprachen seine Probleme haben - ein nicht zu unterschätzender Faktor in der heutigen Arbeitswelt. Ob dazu die „Klassiker“ notwendig sind oder nicht, sei dahingestellt – für das Dechiffrieren von Bedienungsanleitungen sind Englischkenntnisse sicher hilfreicher, und für das Verstehen derselben könnte durchaus auch logisches Denken weiterhelfen.....
In meinen Augen liegt es weniger an den Klassikern und ihrer "veralteten" Sprache, als mehr an der häufigen Unfähigkeit der Lehrer, ihren Schülern schwerer zugänglichen Thematiken schmackhaft zu machen. Der Hebel müsste daran angesetzt werden erst einmal die Ausbilder profund auszubilden, um dann die Schüler auszubilden zu können. Was bringt ein Lehrer, der nach zehn Jahren Beruf am Burn-Out-Syndrom leidet, keinen Bock mehr hat und Alkoholiker ist. Der soll dann die schwierige Aufgabe übernehmen, spätpubertierenden Jugendlichen den Faust nahezubringen? Das kann ja kaum funktionieren. Hamburg schlägt den völlig falschen Weg ein. Es bekämpft die Symptome und nicht die Ursache. Dumm, dümmer, Deutschland...
Na, da werden sie dann wirklich die Top-Arbeitskräfte bekommen. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, waren diejenigen, die im klassischen Wissen top waren, die größten ewiggetrigen Pfeifen ohne irgendeine Ahnung von Mathematik, Physik, Englisch und anderen relevanten Fächern. Der Deutschunterricht war ganz nett mit den Klassikern, wirklich reflektiert habe ich allerdings zugegebenermaßen mehr im Religionsunterricht - ich hatte das Glück einen Lehrer zu erwischen, der über ethische Fragen diskutieren wollte und anderslautende Meinungen, sofern sie begründet waren, klaglos akzeptiert und bei guter Reflektion mit besseren Noten bedacht hat als eine Repetition des kirchlichen Kanons. Ich wünsche ihnen viel Spaß mit verklemmten Ewiggestrigen und dem Verpassen der Leistungsträger ;) Ich konnte mit meinem NRW-Abitur und einem Mathematik_leistungskurs übrigens so gut wie lernfrei durch die ersten beiden Semester Mathematik huschen - viele meiner Kollegen aus Bayern und der Schweiz haben dort richtig ranklotzen müssen. In NRW ist, die richtige Schule vorausgesetzt, das Abitur eine Reifeprüfung und damit eine Holschuld. Wenn man will, bekommt man eine Top-Ausbildung. Wenn nicht, bekommt man einen Wisch mit 3er Schnitt, zugegeben... ;)
Der Weg, der da angeblich eingeschlagen werden soll, ist doch ganz klar : Die Erschaffer des "Turbo-Abiturs" sehen langsam ein, daß der bisherige qualitativ anspruchsvolle Lehrstoff nicht zu schaffen ist und Abstriche gemacht werden müssen. Zusammen mit den Aufnahmeprüfungen an Universitäten und Studiengebühren ist der Weg doch bereits vorgezeichnet : Die Bildung legt der Staat (wir alle !!!) zurück in die Verantwortung der Eltern. Wer es sich in Zukunft leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule oder Internat oder in eine außerschulische kostenpflichtige Zusatzschule, in der der verlorene Lehrstoff nachgeholt wird, der für die Aufnahmeprüfung notwendig ist. Wer kann, setzt sich mit seinen Kindern nach der Schule selbst hin und bringt ihnen den erforderlichen Stoff bei. Das Abitur wird zur Aufnahmevoraussetzung einer Berufsausbildung degradiert, in einigen Jahren wird es durch einen angelsächsisch-amerikanischen Abschluss abgelöst - so wie unsere hervorragenden Studienabschlüsse an den Universitäten. Ins Hintertreffen geraten nur diejenigen, die zwar "helle Köpfe" sind, aber eben nicht über das nötige Kleingeld verfügen. Na, Hauptsache man hält das Volk dumm, dann lässt es sich leichter regieren !
Sucht man in Wikipedia nach "Bildung" findet man einen Eintrag mit dutzenden Querverweisen in andere Sprachen. Klickt man diese an, erscheint allerdings "Education", "Educación" oder verwandte Begriffe. Liest man diese Definitionen, merkt man sehr schnell, dass ihnen alle der überdehte, menschenformende Anspruch des Humboldtschen Begriffes "Bildung" abgeht. Die Schulen sollten sich meiner Meinung von diesem totalitären Wort abwenden und solide Erziehungsarbeit leistet, die Kompetenzen entwickelt, auch sprachliche. Das geht mit und ohne Schiller.