Grass' spätes Eingeständnis

Eine zeitgeschichtliche Pointe

Spezial Ausgerechnet Günter Grass, der Schriftsteller, der allen die Zunge lösen wollte, der das Verschweigen und Verdrängen der alten Bundesrepublik zum Lebensthema machte, hat jetzt sein eigenes Verschweigen bekannt. Ein Kommentar von Frank Schirrmacher.

Lesermeinungen zum Beitrag

14. August 2006 14:02

Beitrag zu Grass

Ulrich Lengenfeld (Lengenfeld)


Ich erinnere mich mit Schrecken, wie damals Werner Höfer kalt gestellt wurde, weil er in seiner Jugend einen Artikel in dem Völkischen Beobachter geschrieben hat. Höfer weltweit anerkannt als guter Journalist wurde gnadenlos fertig gemacht.

Was ist mit Grass? Waffen SS ? Das späte Geständniss? Er sollte sich schämen das so abzutun. Grass war Mitglied der Hitlerterrortruppe und wußte dies auch ganz genau.
Herr Grass geben Sie Ihren Nobelpreis zurück und spielen nie wieder den Moralapostel: Meine Kinder sind ratlos und fragen mich wie das möglich sei.

Ulrich Lengenfeld

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14. August 2006 13:41

"Welcher Deutsche hat zu dieser Zeit nicht in der SS gedient?"

Markus Teuber (arathorn)

Frau Reusrath,wenngleich es mich nicht wundert ,daß Sie Herrn Grass verteidigen ,wundert es mich schon,daß Sie dies mit der folgenden Begründung,die ganz nahe
am Grass'schen Absolutismus liegt-tun: "da ja eh jeder Deutsche in der SS war,liegt bei Herrn Grass gar kein Fehler vor."
Abgesehen von der Tatsache,daß eben nicht JEDER Deutsche in der SS war,wie auch nicht JEDER Deutsche in der NSDAP war und JEDER Deutsche Anhänger des Regimes,haben Sie die Diskussion nicht verstanden :es geht gar nicht um Grass und seine Zeit in der SS.Die ist im Zusammenhang mit dieser Zeit durchaus nachvollziehbar.
Es geht darum,daß sich jemand -der es mit der eigenen Wahrheit bisher auch nicht so genau nahm und zwar des eigenen Vorteils wegen-selbst kritiklos zum politischen "Wachhund" der Republik macht oder von seinen Anhängern gemacht wird.
Jemand,der von der Adenauerzeit bis zu den Mohammedkarikaturen alles politisch "kritisiert" und unisono in die Tonne klopfte,als wäre nur seine Vorstellung,wie Deutschland und die Welt zu sein habe, richtig und alles andere nur falsch.
"Moralapostel,warum nicht ?"Ob Sie dann auch mit konservativen,"rechteren",nicht Ihrer politischen Vorstellungen entsprechenden Moralaposteln so gnädig wären?

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14. August 2006 13:40

Beängstigend

Claudia Mall (C.Mall)

Es ist beängstigend wie in einigen Leserbriefen nachgetreten wird. Wieviele dieser Steinewerfer sitzen wohl in Glashäuschen mit schlecht geputzten Scheiben? Wie kann man sich nur anmaßen, darüber zu urteilen, wann es für dieses "Geständnis" Grass`an der Zeit war? Ich bin Jahrgang 1976 und dankbar dafür, dass ich meine Jugendzeit nicht im Dritten Reich verlebt habe. Ich habe mich sehr lange mit dieser Zeit auseinandergesetzt. Die Frage nach dem Warum drängt sich einem immer gnadenloser auf. Das, was hier in manchen Leserbriefen geschrieben wird, trägt nicht einen Deut! dazu bei, das Handeln von Protagonisten wie Herrn Grass in dem menschenverachtenden Staatssystem unter Hitler zu begreifen. Ja, Herr Grass hat sich stets als Mahner hinsichtlich der Vergangenheitsbewältigung gezeigt; ändert der Umstand, dass er erst jetzt seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS offenbart hat wirklich so viel an dem Inhalt dessen, was er immer vertreten hat? Für eine Antwort wäre ich sehr dankbar!
HERR KULESSA: Seien Sie konsequent-trennen Sie sich auch von Der Blechtrommel. Ich würde das Buch kaufen. Katz und Maus, leider nur als Taschenbuchausgabe, Der Krebsgang habe ich; an anderen Grass- Büchern wäre ich interessiert. Ich zahle gut!!!






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14. August 2006 12:56

keine anderen sorgen?

Anja Reusrath (Anja.R)

Hatt Deutschland eigentlich keine anderen Sorgen, als einen hervorragenden Schriftsteller zu denunzieren, nur weil er - sagen wir mal- 50 Jahre zu spät erwähnt, dass er der SS im Krieg gedient hat. Stellen wir uns doch einmal vor Hr. Grass wäre nicht auf die Idee gekommen im hohen Alter von knapp 80 Jahren sein Geständnis abzulegen und seine Erinnerungen an diese Zeit literarisch aufzuarbeiten - ich würde mal sagen es hätte kein Hahn danach gekräht. Anstatt sich darüber aufzuregen und allerhand (sinnloses) zu fordern, wie z.B. die Abgabe seiner Ehrenbürgerschaft in Danzig oder den Titel des Nobelpreisträgers, sollte man ihm anerkennen, dass er es sich überhaupt getraut hat, in so einer konservativen, engstirnigen Gesellschaft, eine Beichte abzulegen. Ich persönlich lese wahnsinnig gerne seine Bücher und es interessiert mich auch nicht, dass er der SS gedient hat - welcher Deutsche hat es denn nicht zu der Zeit? Ich bin auch der Meinung, dass er den Nobelpreis behalten sollte - mal ehrlich, er hat diesen schließlich für sein literarisches Können bekommen, oder?
Moralapostel - warum nicht? Hat eigentlich schon mal irgendwer daran gedacht, dass er ungern für die SS tätig war u. d. Krieg wie jeder andere auch verabscheut hat.

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14. August 2006 12:47

über alles stehende Moral

Richard Theurer (benedikt412)

Es widert einen nur noch an wenn man sieht wie gnädig mit dem Lügner Grass umgegangen wird.
Der Mann der selbst kein Blatt beim Richten anderer vor den Mund nahm hat 60 Jahre gelogen.
ich mache ihm kenen Vorwurf daraus, daß er in der SS war. Da war er jung und dumm und das darf jeder sein.
Aber dann sollte man auch zu seinen Fehlern stehen.
Oder gefälligst die Klappe halten und sich nicht aufführen als wäre man was Besseres.
Und das ist es was mich so ärgert: die Überheblichkeit eines Betrügers.

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14. August 2006 11:23

gut vs schlecht

Behrouz Rajabi (rajabi)

gut finde ich:
-,man disskutiert über sein Fehlverhalten.
-,dass er auch getadelt wird,
aber für sein Schweigen und zu späte Bekennung zu seine
Vergangenheit.
schlecht finde ich,:
-, dass jetzt alle Saubermänner sich den Moral-Apostel heraus
holen.
-, nicht bedacht wird, dass er damals schon 17 jahre alt war.
-, wer aktive ist, macht fehler, wie bei der arbeit oder in der gesellschaft. Wer nichts tut, macht auch keinen Fehler, den der Fehler ist nicht schuldfähig.
-, wenn ein 50 jährige saubermann, der durch zeitliche gegebenheiten, war nicht in der lage, sich zu entscheiden, ob er mitmachen sollte oder nicht, er hat auch kein recht etwas zu beurteilen oder verurteilen.

"Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein"
"aber auch, wer schon vor der entscheidung stand und sich richtig entschied, sollte sich zu wort melden, alle andere müssen sich zurück halten."
Theorie ist das, was in der praxis nicht funktioniert.

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14. August 2006 11:19

SS als Buchwerbung

Oliver Struck (struck)

Herr Grass ist sich offensichtlich für nichts zu schade, um in die Medien zu kommen. Seine wirren Äußerungen zu Mohammed-Karikaturen und Deutschlandflaggen sind häufig nur noch eine Randnotiz wert. Da trifft es ich natürlich gut, wenn man sein neues Buch mit der Mitgliedschaft in der SS vermarkten kann. Schäbiger geht es wohl kaum!

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14. August 2006 11:02

Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein

Thomas Wawerla (ThomasWawerla)

Ich schätze den literarischen Grass, den parteipolitischen habe ich immer abgelehnt - Partei verblendet.

Die Entscheidungen verblendeter 17jähriger in einer Diktatur sind anders zu beurteilen als das 60jährige Schweigen eines weisen Literaten, besonders dann, wenn der das Schweigen anderer als Versagen beurteilt. Das muss ein Grass einsehen. Dafür gehört er hart kritisiert.

Was auch immer G.Grasses Schweigen begründet hat, es relativiert seine Aussagen zum Schweigen und Verschweigen, zu Schuld durch Schweigen.

Hier wird der allgegenwärtige Vorwurf an das deutsche Volk durch 1. Begeisterung, 2. Mitläufertum und 3. durch Schweigen erst eine Diktatur möglich gemacht zu haben akut. Das Schweigen aus Angst ist anders zu bewerten als das Schweigen aus Kalkül. Grass brauchte nach 1945 keine Angst zu haben. Warum schwieg er dann also?

Vieles andere, von ihm bleibt von hohem Wert. Dafür hat er auch heute noch alle Preise verdient, die er bekommen hat.

Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein

Dr.Thomas Wawerla

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14. August 2006 09:51

Welche Chancen sind hier vertan worden?

Freddy Schulz (freddy13)

Ob Herrn Grass Vorwürfe wegen seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS gemacht werden können kann und mag ich als "Spätgeborener" nicht beurteilen. Ich habe gelernt, nicht über Dinge zu richten, die den meisten von uns mangels eigenen Erlebens nur aus Dritter Hand bekannt ist. Natürlich ist jeder Subjekt seiner Zeit und seiner Verhältnisse. Man braucht nur einmal über einen deutschen Soldatenfriedhof z.B. im Hürtgenwald zu gehen um Gräber von jungen Menschen zu finden, die vermutlich wie Herr Grass von der Richtigkeit ihres Tuns überzeugt waren. Ich werde also Herrn Grass hier weder kritisieren noch Erklärungen suchen. Das mag Herr Grass alles mit sich selbst ausmachen.

Vorwerfbar ist jedoch, daß uns jüngeren Menschen durch sein Schweigen die Chance genommen wurde, sich mit unserer Vergangenheit sachlicher auseinanderzusetzen. Wenn heute die mangelnde Aufarbeitung der NS-Zeit beklagt wird, dann hat Herr Grass dies durch sein Schweigen aktiv befördert. Welche Chancen sind hier vertan worden - unsere Gesellschaft könnte heute in diesen Dingen sein viel aufrichtiger sein.

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14. August 2006 09:49

Grass' spätes Eingeständnis

Paul Theisen (paul.theisen)

Die Nachgeborenen machen es sich leicht, die Haltung derer zu verurteilen, die Zeitabschnitte aus Deutschland dunkelster Vergangenheit in ihrer Biographie ausgeblendet haben.

Auch ich war bei der Waffen-SS, ebenso unfreiwillig wie Günter Grass. Ich landete ungefragt bei der SS-Panzerdivision Totenkopf. Man nannte es Hermann-Göring-Spende. Das Kriegsende erlebte ich ohne Tätowierung in der Luftwaffenuniform. Nach der Entlassung aus russischer Kriegsgefangenschaft hätte ich, wie viele andere, eine weitere Gefangenschaft in Frankreich riskiert, wenn ich mich geoutet hätte. In zukünftigen Fragebögen und schriftlichen Lebensläufen verschwieg ich meine Zugehörigkeit bei der Waffen-SS auch aus Angst vor beruflichen Nachteilen. Ich konnte es mir später leisten, kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen, wenn das Thema angeschnitten wurde, wie z.B. 1996 in einem Leserbrief in der FAZ.

Für Günter Grass, der sehr früh im Lichte der Öffentlichkeit stand, bedurfte es einer ungeheuren Selbstüberwindung, seine in jungen Jahren aus persönlicher Not erfundene winzige Ersatzlücke in seiner Vita zu bereinigen. Gewiß hätte er es besser früher getan. Doch darüber zu urteilen steht mir nicht zu.

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14. August 2006 09:24

Innehalten, nachdenken, dann schelten

Nathalie Neumann (NathiNeu)

Jetzt haben die moralinsauren Elfenbeinturminsassen wieder Konjunktur - vorrangig die, die keine Gelegenheit hatten, einen Fehler zu machen.
Die Waffen-SS war im Kriege die Elite; da mitzumachen, hieß, in den Olympiakader berufen zu werden, die Nationalmannschaft. Wer die Gelegenheit bekam (und das in dem Alter), nahm sie wahr.
Bleibt die Frage, warum Grass geschwiegen hat. Direkt nach dem Krieg war es ratsam zu schweigen. Er mußte folglich auf den passenden Augenblick warten, den er sicherlich verpaßt hat. Aber jeder derer, die sich jetzt zu Wort melden, nennt ein anderes Datum als den richtigen Termin.
Was seine Glaubwürdigkeit angeht: Die hat doch eher zugenommen. Jetzt ist klar, er weiß, wovon er spricht. Und er weiß vor allem, daß es die Seele belastet, wenn man schweigt. Sein Appell an die anderen war somit auch der Aufruf: "Macht euch Luft, es tut euch gut!" Er selbst hat dazu nicht den Mut gefunden oder die Gelegenheit nicht gesehen.
Die Reaktionen heute zeigen eines ganz gewiß: Er hat es richtig gemacht, jahrzehntelang zu schweigen. Niemand hätte ihn ernst genommen: "Du sei mal ganz ruhig, du warst ja selbst so einer!" Das ist fatal, denn es zeigt, daß man besser nichts zugibt, wenn man etwas zu bekennen hat.

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14. August 2006 09:23

Schwerenöter im Greisenalter

Wolfgang Schneider (W.Schneider)

Ach, der so beklagenswerte Günter Grass-nun rumpelts
in seinem Gewissen. Ein Marketing-Gag der Extraklasse
für den bevorstehenden Bücherherbst. Jeder kritische Zeitgeist nimmt dieses Literaturfossil zwar zur Kenntnis aber jede weitere Auseinandersetzung mit dieser Grassschen Feigheit wäre ein Zuviel. Die Antwort muss
Grass schon bei sich selbst suchen und kann nicht durch
Kommentare und Wertungen durch die Öffentlichkeit in
ein für ihn vertretbares Mass gepresst werden. Deutschland hat wichtigeres zu erledigen - vor allem die Medien.

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14. August 2006 08:34

Zukünfitg sollte Herr Graß überlegen,bevor er seinen moralischen Finger hebt.

Markus Teuber (arathorn)

Weder die Zugehörigkeit zur Waffen-SS noch seine -wie Herr Graß selbst sagt-jugendliche Begeisterung für die Ideologie dieser Zeit kann man dem 17jährigen Graß vorwerfen.Wie ihre Altersgenossen späterer Jahre begeistert waren vom kommunistischen Hokuspokus gleicher coloeur,so waren die meisten Jugendlichen
jener Zeit gefangen vom nationalsozialistischen Hokuspokus der Begeisterung,Ideologie,der Massen-
inzenierung und Gruppenbildung,der Führerideologie und Verheißung eines neuen,kraftvollen,stolzen,gleichen,
makellosen (deutschen) Menschen .
Seiner -ihm von anderen ,aber auch sich selbst verliehenen- Position des ewig mahnenden Wächters politischer Moral hat er sich nun aber nicht durch sein spätes Bekenntnis entledigt ,sondern -auch in diesem Licht neu besehen- mit seiner schon damals unmäßigen und unangebrachten Kritik am Besuch von Reagan und Kohl auf dem Bitburger Soldatenfriedhof.
Beide Staatsführer hatten an diesem Ort nicht die SS und die Nazi-Ideologie geehrt,sondern amerikanische Soldaten,die -auch für Herrn Graß' Freiheit- ihr Leben ließen und - ebenso wie Graß -von Verbechern verführte und in die Irre geleitete deutsche Soldaten an ihrer letzten Ruhestätte .

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13. August 2006 22:40

Immer auf dem hohen Roß

Dieter Tramer (Borg318de)

Im Interview sagt Grass mit Sarkasmus: "Ja, wir haben bis heute so viele Widerstandskämpfer, daß man sich wundert, wie Hitler an die Macht hat kommen können. "

Danke für die Vorlage, Herr Grass!

Ja, wir haben bis heute sowenig Leute in der SS, daß man sich wundert, wie er die Macht hat behaupten können.

Hat sich nichts geändert: Man spürt immer noch eine akute Moralinvergiftung, wenn man dem Mann zuhören muß.

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13. August 2006 20:39

Günter Grass Wiedergutmachung

Karl Bentele (karlbentele)

Es wäre ein nobler Beitrag, gäbe er seinen Nobelpreis zugunsten von Prof. Victor Klemperer zurück, der ihn wenigstens posthum verdient hätte.

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