SED-Generalsekretär Egon Krenz in Ost-Berlin, im November 1989

Wenn wir den Mauerfall feiern und die Helden des 9. November 1989 ehren, denkt keiner an Egon Krenz, den letzten Staatsratsvorsitzenden der DDR. Was war aber seine Rolle im Drama jener Nacht? Von Frank Schirrmacher

Lesermeinungen zum Beitrag

09. November 2009 23:33
Entschuldigender Unterton  
gisbert heimes (gisbert4)

Frank Schirrmacher braucht weder Egon Krenz noch sich selbst zu rechtfertigen. Der entschuldigende Unterton seines Artikels ist nicht angebracht. Die 'andere Seite' ist nämlich in historisch kurzem Abstand zweimal der Weltkatastrophe lieber aus dem Wege gegangen. In der Kubakrise 1962 war es mit hoher Wahrscheinlichkeit die Entscheidung eines einzelnen russischen U-Boot-Kommandanten, der den Automatismus eines nuklearen Waffenganges durch seine nochmalige Rückfrage in Moskau durchbrochen hat. Wer wollte bezweifeln, daß ein Adolf Hitler weniger Skrupel als das System gehabt hätte, daß sich vor 20 Jahren in der Person Egon Krenz manifestierte.

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09. November 2009 20:52
Logik  
Rolf-Peter Lacher (Ganbat)

Es scheint also so zu sein: Das Verbot, auf die Demonstranten zu schießen, auf keinen Fall Schußwaffen einzusetzen, war gleichbedeutend mit der Preisgabe der Mauer und der Befestigungsanlagen an der innerdeutschen Grenze. Schabowskis berühmte Erklärung hat eigentlich nur noch die Bevölkerung darauf aufmerksam gemacht, dass die Grenze nicht mehr verteidigt wird, sie hat das nämlich noch gar nicht gemerkt und ist am 4. November brav und bieder nicht zum Brandenburger Tor gezogen, sondern halt irgendwie durch die Stadt. Man musste sie erst mit der Nase draufstoßen. Eine deutsche Revolution.

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09. November 2009 19:57
@Herr Frei: Doch wohl eher so herum, wie Sie es andeuten,  
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)

daß Krenz "führungslos" sich nicht traute, "aktiv" zu werden, als meine Sicht, wonach er unbotmäßig gehandelt haben könnte.

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09. November 2009 19:32
Die via Teltschik aus russischen Kreisen an Kohl übermittelte  
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)

Information, Krenz als Nachfolger von Honecker zu vergessen, er werden bei der folgenden Sitzung des Politbüros entgegen aller Erwartungen nicht gewählt werden, mag auch damit zusammenhängen, daß Krenz zu dem Entschluß der Befehle 9/ und 11/89 gefunden hat - vermutlich ohne Anweisungen aus Moskau einzuholen. Wenngleich DDR-Krenz Schuld tragen mag, kann ihm wohl ein aktueller Verdienst um die gewaltfreie Vereinigung nicht abgesprochen werden. So könnte er in der Tat unter Wert behandelt sein.

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09. November 2009 19:02
Wodurch erreichte Gorbatschow im Politbüro eine Mehrheit für seine Perestroika?  
Rüdiger Kalupner (Ruediger_Kalupner)

Es sind noch einige unbekannte Ereignisse und Einflußfaktoren zu recherchieren, die zur dominomächtigen Auflösung des West-Ost-Konfliktfrontensystems führten.
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Das erste Dominosteinchen dürfte das Ja des Politbüros/Präsidium des Obersten Sowjet zur Gorbatschowschen Perestroika sein. Doch welche neuen Erkenntnisse und Fakten führten zu dieser Entscheidung? Man einigte sich doch nicht einfach deshalb, weil der wirtschaftliche Niedergang einen Grund lieferte.
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Kommunisten sind doch eher durch neue, evolutionsprozess-gesetzliche Erkenntnisse neu zu orientieren, d.h. konkret: durch naturwissenschaftlich-gesellschaftlich-wirtschaftliche Modellerkenntnisse, die der Marx'schen Methode des Dialektischen Materialismus entsprechen und aus denen abzuleiten ist, dass das kommunistische Fortschrittsexperiment im Lichte der neuen Erkenntnisse überflüssig ist, weil die Antagonismen der kapitalistischen Industriegesellschaft n u r auf einem anderen, evolutionsgesetzlichen Pfad aufgelöst werden können. Der Erkenntnissprung zu einer KREATIVEN Pfadlogik könnte doch hinter Gorbatschows Formel von 'alten und neuen Denken' verborgen sein. Wenn Michael Gorbatschow danach befragt würde, käme vielleicht eine weiteres Sensationsdomino zu Tage.

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09. November 2009 16:54
Unmoralisch  
Wolfgang Weitzel (Willi_Wiesel)

Das scheint mir nun doch der Gipfel der moralischen und rechtlichen Perversion zu sein: Weil Krenz es unterlassen hat, die Demonstranten zusammenschießen zu lassen, ist er ein stiller Held.
Auch wenn in Ihrem Artikel alle möglichen verbalen Vorbehalte eingestreut sind, ist die Grundtendenz doch, daß Krenz ebenso gut -gewissermaßen als gleichwertige, ja legale, Alternative- nicht nur prügeln, sondern auch hätte schießen lassen können.
Aber so liegt es nicht.
Über die moralische Seite brauchen wir sicher kein Wort zu verlieren, das ist evident. Aber auch rechtlich wäre es keinesfalls ein zulässiges Mittel gewesen, selbst wenn man die Gesetze der DDR zu Grund legt.
Herr Krenz wird schon gewußt haben, warum er nicht für diesen sterbenden Unrechtsstaat eine Bestrafung wegen vielfachen Totschlages, vielleicht sogar wegen Mordes, riskiert hat. Er hat nicht aus moralischem Antrieb oder aus einem intakten Rechtsgefühl so gehandelt, sondern weil er es für sich und in dieser Situation für opportun hielt. Nichts sonst!

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09. November 2009 16:54
Wo ist Egon Krenz?  
Christian Such (Cicero10)

Der Kommentar zu Krenz ist vortrefflich. In der persönlichen Beurteilung von Herren Schabowski irrt sich der Verfasser grundsätzlich.
Cirat

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09. November 2009 16:50
Wie präzise ist Schirrmachers Analyse?  
Jochen Mindak (mindak)

Es mag ja richtig sein, daß Egon Krenz sich auch für den Einsatz von staatlicher Gewalt hätte entscheiden können, und es mag ja originell sein, diesen Aspekt in die Geschichtsschreibung zurückzubringen. Aber warum analysiert der Autor nicht die Motive für Krenzens Handeln oder Nicht - Handeln? Der Autor macht sich nicht die Mühe, hier weiter zu arbeiten. Wenn Herr Schirrmacher jedoch die Person Krenz in einem helleren Licht strahlen lassen willen, sollten wir etwas mehr hören über die Motivlage des Staatsratsvorsitzenden. Vielleicht war es die Einschätzung, daß sein Regime im Falle blutiger Auseinandersetzungen keine Chance mehr gehabt hätte. Indem Herr Schirrmacher die Motive überhaupt nicht beleuchtet, bleibt er auf der ersten Wegstercke einer angemessenen historischen Betrachtung des Egon Krenz stehen. Andere Leser haben schon auf wesentliche politische Leistungen von Krenz 1989 hingewiesen, daher belasse ich es bei Stichworten: Die umfangereiche Wahlfälschung im Frühjahr und die Lobpreisung des tödlichen chinesischen Polizeieinsatzes am Platz des Himmlischen Friedens.

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09. November 2009 16:48
Danke, Herr Schirrmacher!  
Sönke Peters (soenkepeters)

Ein sehr guter und wichtiger Artikel insbesondere, wenn man bedenkt, dass die mutigen Freiheitswilligen in der "DDR" über Krenz’ >Nicht-Schießbefehl< ebenso wenig wussten, wie der Westen; und hiermit mehr Licht in die Zusammenhänge hinter den Kulissen der Ost-Tyrannei gebracht wird.
Ich erinnere mich allzu gut daran, wo ich am 9.11.89 war: Nämlich in der (BW) Kaserne, da es bereits mehrfach seit Oktober Ausgeh- und Urlaubsverbote gab, weil man sich in der Führung über mögliche Handlungen der "DDR"-Regierung nicht im Klaren sein konnte. So standen damals in meinem Btl. grundsätzlich 2-Tonner feldmarschmäßig ausgerüstet und mit Gefechtsmunition beladen für min. eine Kompanie bereit, um schnellstens in den damaligen Verfügungsraum, Landkreis Lüchow-Dannenberg, verlegen zu können.
... Diese bewegende Zeit werde ich nie vergessen ... und schon gar nicht, als am 11.11. morgens der erste Trabbi wie verrückt hupend mit winkenden Insassen am Kasernentor vorbei fuhr! Der Wachhabende wird einige Mühe gehabt haben, den Torposten, >Salut – und Freudenschüsse< in die Luft zu untersagen ;-)

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09. November 2009 16:06
Eine Frage der Ehre..  
Steffen Ziemer (sziemer2)

Als „Kind des 8.Mai“ im Osten kann man seinen Lebensirrtum sicher würdiger und stiller eingestehen als Schabowski. Kennt eigentlich noch einer seiner „Fans“ die unheilvolle Rolle, die dieser Mensch jahrelang als ZK-Mitglied und Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ bei der ideologischen Indoktrination der DDR-Bürger gespielt hat? Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der Schabowski sich nach dem Fall der Mauer der neuen Lage anpasste, lässt wirklich nur die Bezeichnung „Wendehals“ zu.
Danke für diesen sehr ausgewogenen Artikel!

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09. November 2009 15:00
"Drama jener Nacht"?!?!?!  
Marko Hrbat (Hrbat)

Eine Zeitungsartikel ist kein historisches Buch. Leider. Denn dann müßte man über die massive Erhöhung der Zusatzrenten (siehe DRV.de) für KADER der DDR (NVA, STaSi, Pastoren!, Ärzte, Ingeneure etc.) berichten, die nach Gorbatschows Machtantritt in den 80er Jahren stattfanden. Man müßte darüber berichten, dass der Begriff "WENDE" von E. Krenz stammt und ein Ereignis beim Segeln beschreibt, bei dem das Boot die Richtung ändert, aber Mannschaft und Kapitän die selben bleiben. Man müßte die Macht eines Herrn Putin (KGB Dreden 1985-1990) und seine Aktivitäten in einem anderen Licht sehen. Man müßte die Herkunft der Frage des Journalisten Ehrmann, ab wann die regelung in Kraft tritt, klären und sich des Eindruckes einer "Theater-Vorstellung" nicht erwehren. Wenn ich mir die Bilder jener Nacht (Ohne TON!) anschaue, wie die "Menschen" soldatenhaft da stehen und warten, dass "ETWAS" losgeht... und wenn man sieht, was sie anhaben und in welchem Alter diese Menschen sind... und wenn sie Interviews geben, wie sie ihre Augen immer wieder verschließen (beim Lügen schließt man die Augen, wenn man etwas verheimlichen will), dann kommen mir Zweifel an dieser Dokusoap... v.a. wenn ich sehe, wie mir mehr und mehr DDRisiert werden.

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09. November 2009 14:51
eines Feiertags würdiger Artikel...  
Dejan Erpitsch (king.without.a.crown1)

…ein in der Tat beachtlicher journalistischer Beitrag! Souverän, überparteilich und auch auf Versöhnung ausgerichtet. Chapeau F.A.Z.!

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09. November 2009 14:22
Gestern bei "Anne Will"  
Ralf Kowollik (InterNETkobold)

Wer gestern Abend die Talkshow mit Anne Will verfolgt hat, der wird vielleicht bemerkt haben, dass der miteingeladene Theologe und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck von Frank Schirrmachers "FAS"-Beitrag nicht sonderlich überzeugt zu sein schien. "Wenn es mehr Schabowskis und weniger Krenz' gäbe, wäre vieles einfacher", so Gauck.

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09. November 2009 14:03
Sonderbare Huldigung=  
pauline mohr (pauline-mohr)

Sonderbare Huldigung - eines ewigen Gestrigen.
Der Mann, der noch heute die DDR zurückwünscht, und keine Spur einer Läuterung zeigt, hat durch sein "gelobtes" Nichteingreifen - nur bewiesen, dass er hoffte, in diesem Fall wäre das Wegsehen, das Nichtstun das Beste. Dafür Lorbeeren? Kaum!

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09. November 2009 14:01
"Gerichtsnotorisch" zu kurz gegriffen!  
Robert Hamacher (harohama)

Da scheint F.Sch. bewußt zu kurz gegriffen zu haben.
Vergessen darf man nicht, dass Egon Krenz gezielt versucht hatte, seine "Landsleute" einzuschüchtern, indem er das brutale chinesische Unterwerfungsbeispiel mit tausenden Toten und Zehntausenden Verhafteter im Sommer 1989 als permanentes Damokles-Schwert über die Häupter der Aufmüpfigen schweben ließ.
.
Nicht von ungefähr erwähnt Sch. nicht, dass der Bonner Regierung mit Krenzens "Machtantritt" umgehend von Moskau bedeutet wurde, nicht mit Krenz ernsthaft zu kommunizieren und zu verhandeln: Krenz sei eine Moskau nicht genehme und nicht relevante Übergangserscheinung. Damit erübrigen sich etliche der Sch'schen Annahmen und Überlegungen. ;)

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