
Frank Schirrmacher braucht weder Egon Krenz noch sich selbst zu rechtfertigen. Der entschuldigende Unterton seines Artikels ist nicht angebracht. Die 'andere Seite' ist nämlich in historisch kurzem Abstand zweimal der Weltkatastrophe lieber aus dem Wege gegangen. In der Kubakrise 1962 war es mit hoher Wahrscheinlichkeit die Entscheidung eines einzelnen russischen U-Boot-Kommandanten, der den Automatismus eines nuklearen Waffenganges durch seine nochmalige Rückfrage in Moskau durchbrochen hat. Wer wollte bezweifeln, daß ein Adolf Hitler weniger Skrupel als das System gehabt hätte, daß sich vor 20 Jahren in der Person Egon Krenz manifestierte.

Es scheint also so zu sein: Das Verbot, auf die Demonstranten zu schießen, auf keinen Fall Schußwaffen einzusetzen, war gleichbedeutend mit der Preisgabe der Mauer und der Befestigungsanlagen an der innerdeutschen Grenze. Schabowskis berühmte Erklärung hat eigentlich nur noch die Bevölkerung darauf aufmerksam gemacht, dass die Grenze nicht mehr verteidigt wird, sie hat das nämlich noch gar nicht gemerkt und ist am 4. November brav und bieder nicht zum Brandenburger Tor gezogen, sondern halt irgendwie durch die Stadt. Man musste sie erst mit der Nase draufstoßen. Eine deutsche Revolution.

daß Krenz "führungslos" sich nicht traute, "aktiv" zu werden, als meine Sicht, wonach er unbotmäßig gehandelt haben könnte.

Information, Krenz als Nachfolger von Honecker zu vergessen, er werden bei der folgenden Sitzung des Politbüros entgegen aller Erwartungen nicht gewählt werden, mag auch damit zusammenhängen, daß Krenz zu dem Entschluß der Befehle 9/ und 11/89 gefunden hat - vermutlich ohne Anweisungen aus Moskau einzuholen. Wenngleich DDR-Krenz Schuld tragen mag, kann ihm wohl ein aktueller Verdienst um die gewaltfreie Vereinigung nicht abgesprochen werden. So könnte er in der Tat unter Wert behandelt sein.

Es sind noch einige unbekannte Ereignisse und Einflußfaktoren zu recherchieren, die zur dominomächtigen Auflösung des West-Ost-Konfliktfrontensystems führten.
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Das erste Dominosteinchen dürfte das Ja des Politbüros/Präsidium des Obersten Sowjet zur Gorbatschowschen Perestroika sein. Doch welche neuen Erkenntnisse und Fakten führten zu dieser Entscheidung? Man einigte sich doch nicht einfach deshalb, weil der wirtschaftliche Niedergang einen Grund lieferte.
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Kommunisten sind doch eher durch neue, evolutionsprozess-gesetzliche Erkenntnisse neu zu orientieren, d.h. konkret: durch naturwissenschaftlich-gesellschaftlich-wirtschaftliche Modellerkenntnisse, die der Marx'schen Methode des Dialektischen Materialismus entsprechen und aus denen abzuleiten ist, dass das kommunistische Fortschrittsexperiment im Lichte der neuen Erkenntnisse überflüssig ist, weil die Antagonismen der kapitalistischen Industriegesellschaft n u r auf einem anderen, evolutionsgesetzlichen Pfad aufgelöst werden können. Der Erkenntnissprung zu einer KREATIVEN Pfadlogik könnte doch hinter Gorbatschows Formel von 'alten und neuen Denken' verborgen sein. Wenn Michael Gorbatschow danach befragt würde, käme vielleicht eine weiteres Sensationsdomino zu Tage.

Das scheint mir nun doch der Gipfel der moralischen und rechtlichen Perversion zu sein: Weil Krenz es unterlassen hat, die Demonstranten zusammenschießen zu lassen, ist er ein stiller Held.
Auch wenn in Ihrem Artikel alle möglichen verbalen Vorbehalte eingestreut sind, ist die Grundtendenz doch, daß Krenz ebenso gut -gewissermaßen als gleichwertige, ja legale, Alternative- nicht nur prügeln, sondern auch hätte schießen lassen können.
Aber so liegt es nicht.
Über die moralische Seite brauchen wir sicher kein Wort zu verlieren, das ist evident. Aber auch rechtlich wäre es keinesfalls ein zulässiges Mittel gewesen, selbst wenn man die Gesetze der DDR zu Grund legt.
Herr Krenz wird schon gewußt haben, warum er nicht für diesen sterbenden Unrechtsstaat eine Bestrafung wegen vielfachen Totschlages, vielleicht sogar wegen Mordes, riskiert hat. Er hat nicht aus moralischem Antrieb oder aus einem intakten Rechtsgefühl so gehandelt, sondern weil er es für sich und in dieser Situation für opportun hielt. Nichts sonst!

Der Kommentar zu Krenz ist vortrefflich. In der persönlichen Beurteilung von Herren Schabowski irrt sich der Verfasser grundsätzlich.
Cirat

Es mag ja richtig sein, daß Egon Krenz sich auch für den Einsatz von staatlicher Gewalt hätte entscheiden können, und es mag ja originell sein, diesen Aspekt in die Geschichtsschreibung zurückzubringen. Aber warum analysiert der Autor nicht die Motive für Krenzens Handeln oder Nicht - Handeln? Der Autor macht sich nicht die Mühe, hier weiter zu arbeiten. Wenn Herr Schirrmacher jedoch die Person Krenz in einem helleren Licht strahlen lassen willen, sollten wir etwas mehr hören über die Motivlage des Staatsratsvorsitzenden. Vielleicht war es die Einschätzung, daß sein Regime im Falle blutiger Auseinandersetzungen keine Chance mehr gehabt hätte. Indem Herr Schirrmacher die Motive überhaupt nicht beleuchtet, bleibt er auf der ersten Wegstercke einer angemessenen historischen Betrachtung des Egon Krenz stehen. Andere Leser haben schon auf wesentliche politische Leistungen von Krenz 1989 hingewiesen, daher belasse ich es bei Stichworten: Die umfangereiche Wahlfälschung im Frühjahr und die Lobpreisung des tödlichen chinesischen Polizeieinsatzes am Platz des Himmlischen Friedens.

Ein sehr guter und wichtiger Artikel insbesondere, wenn man bedenkt, dass die mutigen Freiheitswilligen in der "DDR" über Krenz’ >Nicht-Schießbefehl< ebenso wenig wussten, wie der Westen; und hiermit mehr Licht in die Zusammenhänge hinter den Kulissen der Ost-Tyrannei gebracht wird.
Ich erinnere mich allzu gut daran, wo ich am 9.11.89 war: Nämlich in der (BW) Kaserne, da es bereits mehrfach seit Oktober Ausgeh- und Urlaubsverbote gab, weil man sich in der Führung über mögliche Handlungen der "DDR"-Regierung nicht im Klaren sein konnte. So standen damals in meinem Btl. grundsätzlich 2-Tonner feldmarschmäßig ausgerüstet und mit Gefechtsmunition beladen für min. eine Kompanie bereit, um schnellstens in den damaligen Verfügungsraum, Landkreis Lüchow-Dannenberg, verlegen zu können.
... Diese bewegende Zeit werde ich nie vergessen ... und schon gar nicht, als am 11.11. morgens der erste Trabbi wie verrückt hupend mit winkenden Insassen am Kasernentor vorbei fuhr! Der Wachhabende wird einige Mühe gehabt haben, den Torposten, >Salut – und Freudenschüsse< in die Luft zu untersagen ;-)

Als „Kind des 8.Mai“ im Osten kann man seinen Lebensirrtum sicher würdiger und stiller eingestehen als Schabowski. Kennt eigentlich noch einer seiner „Fans“ die unheilvolle Rolle, die dieser Mensch jahrelang als ZK-Mitglied und Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ bei der ideologischen Indoktrination der DDR-Bürger gespielt hat? Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der Schabowski sich nach dem Fall der Mauer der neuen Lage anpasste, lässt wirklich nur die Bezeichnung „Wendehals“ zu.
Danke für diesen sehr ausgewogenen Artikel!

Eine Zeitungsartikel ist kein historisches Buch. Leider. Denn dann müßte man über die massive Erhöhung der Zusatzrenten (siehe DRV.de) für KADER der DDR (NVA, STaSi, Pastoren!, Ärzte, Ingeneure etc.) berichten, die nach Gorbatschows Machtantritt in den 80er Jahren stattfanden. Man müßte darüber berichten, dass der Begriff "WENDE" von E. Krenz stammt und ein Ereignis beim Segeln beschreibt, bei dem das Boot die Richtung ändert, aber Mannschaft und Kapitän die selben bleiben. Man müßte die Macht eines Herrn Putin (KGB Dreden 1985-1990) und seine Aktivitäten in einem anderen Licht sehen. Man müßte die Herkunft der Frage des Journalisten Ehrmann, ab wann die regelung in Kraft tritt, klären und sich des Eindruckes einer "Theater-Vorstellung" nicht erwehren. Wenn ich mir die Bilder jener Nacht (Ohne TON!) anschaue, wie die "Menschen" soldatenhaft da stehen und warten, dass "ETWAS" losgeht... und wenn man sieht, was sie anhaben und in welchem Alter diese Menschen sind... und wenn sie Interviews geben, wie sie ihre Augen immer wieder verschließen (beim Lügen schließt man die Augen, wenn man etwas verheimlichen will), dann kommen mir Zweifel an dieser Dokusoap... v.a. wenn ich sehe, wie mir mehr und mehr DDRisiert werden.

…ein in der Tat beachtlicher journalistischer Beitrag! Souverän, überparteilich und auch auf Versöhnung ausgerichtet. Chapeau F.A.Z.!

Wer gestern Abend die Talkshow mit Anne Will verfolgt hat, der wird vielleicht bemerkt haben, dass der miteingeladene Theologe und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck von Frank Schirrmachers "FAS"-Beitrag nicht sonderlich überzeugt zu sein schien. "Wenn es mehr Schabowskis und weniger Krenz' gäbe, wäre vieles einfacher", so Gauck.

Sonderbare Huldigung - eines ewigen Gestrigen.
Der Mann, der noch heute die DDR zurückwünscht, und keine Spur einer Läuterung zeigt, hat durch sein "gelobtes" Nichteingreifen - nur bewiesen, dass er hoffte, in diesem Fall wäre das Wegsehen, das Nichtstun das Beste. Dafür Lorbeeren? Kaum!

Da scheint F.Sch. bewußt zu kurz gegriffen zu haben.
Vergessen darf man nicht, dass Egon Krenz gezielt versucht hatte, seine "Landsleute" einzuschüchtern, indem er das brutale chinesische Unterwerfungsbeispiel mit tausenden Toten und Zehntausenden Verhafteter im Sommer 1989 als permanentes Damokles-Schwert über die Häupter der Aufmüpfigen schweben ließ.
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Nicht von ungefähr erwähnt Sch. nicht, dass der Bonner Regierung mit Krenzens "Machtantritt" umgehend von Moskau bedeutet wurde, nicht mit Krenz ernsthaft zu kommunizieren und zu verhandeln: Krenz sei eine Moskau nicht genehme und nicht relevante Übergangserscheinung. Damit erübrigen sich etliche der Sch'schen Annahmen und Überlegungen. ;)

Bei den heutigen Feiern, da stehen sie, unsere "demokratischen Herrscher", legitimiert von 10% der Wahlberechtigten (welche wiederum zu 80% aus politisch desinteressierten Faulenzern und Dummbatzen bestehen) und sonnen sich im Glanz ihrer heiligen demokratischen Erwähltheit - zeigen mit dem Finger auf die bösen Diktatoren von 1989...
... und fordern Bundeswehreinsätze im Innern, die Überwachung von Wohnung, Telefon, Bankkonten, Internet ... erklären völkerrechtswidrige Bundeswehreinsätze in Jugoslawien und Afghanistan für "notwendig" und sabbeln "großes Bedauern" über getötete deutsche Soldaten und 10-100 mal so viele Zivilisten in den angegriffenen Ländern.
Und ich will es nicht bei Politikern belassen. So mancher von den größenwahnsinnigen und Privatkommentatoren hier findet es auch 2009 noch mutig, gegen Egon Krenz zu wettern...hat aber keine Eier, die Verbrechen unserer heutigen Politiker anzuprangern und etwas dagegen zu unternehmen. Ja, noch nicht mal das Hirn, darüber nachzudenken.
Hochachtung an Egon Krenz, der weder andere Länder von seinen Soldaten angreifen ließ, noch die Armee im eigenen Land auf die Bevölkerung schießen ließ !

Ich war in der nahen Vergangenheit oft nicht mit den Kommentaren von Herrn Schirrmacher einverstanden. Dieser Artikel findet aber meinen ungeteilten Beifall.
Endlich mal jemand, der den Versuch macht das Ende der ´DDR` abseits der ausgetretenen Pfade zu beleuchten und sich ernsthaft mit den gängigen Vorurteilen auseinander zu setzen. - Überhaupt ist die geamte Berichterstattung über den 9.Nov. in der Sonntagsausgabe sehr lesenswert.
Da auch die Kommentare u.a. in der Wirtschaftsredaktion z. Zt. sehr beachtenswert sind, macht es mir wieder viel Freude die F.A.Z. zu lesen. Dies war in den letzten 24 Monaten nicht immer so.
Gruß aus Wiesbaden von Peter Öttl

Gibt es darüber Informationen?

Der Gebrauch der Schusswaffe hätte wahrscheinlich wegen der fortgeschrittenen Durchdringung von Polizei und Volksarmee mit den neuen Freiheitsbestrebungen zur völligen Auflösung jeder staatlichen Ordnung geführt.
Krenz wollte das diktatorische Unterdrückungs-System DDR retten, da besteht kein Zweifel.
Es war damals angemessen und der Ehre genug, Krenz` Nicht-Abgleiten in den Wahnsinn des Befehls einer bewaffneten Niederschlagung vor Gericht zu würdigen.
Krenz hat eine ganze Generation junger Menschen auf dem Gewissen, die er für Gegenwart und Zukunft einer verbrecherischen Diktatur missbraucht hat. Hier bitte ich doch um Gerechtigkeit - auch in Würdigung der Krenz-Opfer angesichts seiner bescheidenen "Wende-Wohltaten".

"Wo ist Egon Krenz?" Seit Samstag auf der Bühne.
Es überrascht, dass Egon Krenz', über den doch sonst keiner spricht, über ein Wochenende gleich zweimal prominent und im Widerspruch gedacht wird: Von Frank Schirrmacher hier und von Peter Hacks in Wuppertal.
An diesem Samstag hatte Hacks' Stück "Jona" dort Uraufführung, von Andreas Rossmann heute in der F.A.Z. streng besprochen. 1986 geschrieben, nimmt Hacks Gründe und Formen des Untergangs der DDR umfassend vorweg. In Jona Hacks zu erkennen, fällt leicht, auch sieht man in Semiramis sofort Honecker und in Schamsch Ulbricht.
In der letzten Szene muss Semiramis abtreten: "Den Herrscher jetzt benenn ich, der, ein Meister / Der neuen Zeit, mir folgt. Man rufe Gotthelf." Gotthelf ist Semiramis' Sohn, den sie mit Schamsch zeugte, bevor sie ihn ermordete.
Es folgt die Regieanweisung: "Auftritt Gotthelf, ein Tölpel."
Und die Moral? Nicht jeder, den die großen Dichter für einen Tölpel halten, hat der Menschheit nicht doch einen wichtigen Dienst erwiesen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sollten Krenz und Kohl wenigstens nächstes jahr für den Friedensnobelpreis nominiert werden. Dann wären wir endlich EIN Volk?!

genau dies ist die entscheidende Frage ; zumindest in der historischen Bewertung der entsprechenden Personen,ihrer Handlungen in dieser Zeit und als Gegenstück zu der -manchesmal fast schon obzönen- Verklärung derselben in den entsprechenden Kreisen ! Diese "Herren" taten das ,was sie taten,eben nicht aus einem Antrieb zum Guten heraus,sondern ,weil sie von dem täglichen Geschehen jener Zeit so vor sich her getrieben worden waren,daß sie gar nicht anders konnten ! Zu wirklicher "Größe" hat nur Herr Schabowski gefunden,der in den vergangenen Jahren dem Kommunismus den Rücken gekehrt und die Wahrheit über diese Ideologie der Menschenverachtung gesprochen hat.

Danke für den Beitrag, der inmitten des ganzen einheitlichen Feiergetaumels auch etwas zur Besinnung aufruft! Falls das alles so stimmt - ich hab`s nicht gewusst. Ich kann mich aber gut erinnern, dass ich für mich persönlich zwar froh war, dass die Mauer fiel - mit 21 Jahren stand mir plötzlich die ganze Welt offen! - dass ich aber - ich glaube am 10.November - mit gemischten Gefühlen am Brandenburger Tor stand, weil ich einfach Angst hatte, dass die vor der Mauer stehenden Soldaten von ihren Waffen auch Gebrauch machen würden!

Seit 20 Jahren ist mir bewusst, dass noch irgendetwas in meinem Gedächtnis fehlte. Es war die heldenhafte Rolle des tapferen, weitsichtigen Demokraten Krenz!
Danke FaS, jetzt kam plötzlich die Huldigung 1 Tag vor dem Mauerfall, geliefert ins Haus. Endlich weiss ich Bescheid, es gab doch noch Menschen im Politbüro, human bis in die Haarspitzen, weitischtig und verkappte Menschenfreunde. Aber mal ehrlich, was haben sie sich bei diesem Artikel gedacht? ZU allem Überfluss, machen Sie Scharbowski auch noch zu einem stotternden, senilen, Vermassler.

Sehr gut analysiert und kommentiert: dass eben nicht alles nur durch die Macht des Volkes oder den Einfluss westlicher Politiker entstand, sondern dass es auch in der ehemaligen DDR Entscheidungsträger gab, die den Weg zur Einheit ebneten. Ob ungewollt oder nicht.