Interessanterweise wird sie meist dann und dort geübt, wenn es wirklich niemanden interessiert. Ist die Diskrepanz zwischen der kriminellen Tat und andererseits dem Medienvergehen nur groß genug, läßt es sich gut Asche auf`s eigene Haupt streuen. Der eigene Verstoß wirkt immer harmlos im Vergleich zum Monster, das die eigene Tochter vergewaltigt. Gefährlicher ist der Boulevard, wenn er sich den kleinen Skandälchen widmet und sozusagen auf gleicher Höhe operiert. Da verschließt er sich jeder Selbstkritik mit dem Hinweis auf die ( nur angeblich ) unbedeutende Dimension einer eventuellen Rufschädigung.
...hätte diese Diskussion vielleicht noch Relevanz. Unkaschierte Fotos und volle Nachnamen werden im Ausland ganz selbstverständlich in der Presse veröffentlicht, sowohl im aktuellen Falle Fritzl als auch bei den Bombenattentätern. Man fühlt sich fast schon ein bisschen verdummt von der deutschen Provinzlerpresse. Schutz von Persönlichkeitsrechten hat im Internetzeitalter vollkommen neue Dimensionen erreicht und ist jetzt nicht mehr allein von Entscheidungen unserer Pressemonopolisten abhängig. Wir müssen vielmehr alle, individuell und als Gesellschaft, einen anderen Umgang mit persönlicher Information finden. Zumindest ist dieser jetzt demokratischer als je zuvor.
Wenn schon das Vorgehen anderer Blaetter kritisiert wird - "mach doch den Balken noch ein bisschen kleiner" - dann sollte die Selbstkritik auch genauso deutlich ausfallen, und nicht versteckt in einem Nebensatz: "Gelegentlich wird eine Anonymisierung versehentlich auch mal ganz vergessen - nicht nur bei Bild." Denn auch bei FAZ online stand das Foto anfangs ohne Balken oder Unkentlichmachung auf der ersten Seite - angesichts der vermehrten Artikel auf Boulevard Niveau schadet vielleicht auch hier eine Justitiar in der Redaktion nicht.
