Wirtschaftswissenschaften

Die Kandidaten für den Nobelpreis laufen sich warm

Von Philip Plickert

12. Oktober 2008 Die Spannung steigt: Wer wird dieses Jahr den Wirtschaftsnobelpreis bekommen? Seit Wochen trägt Peter Englund das Geheimnis mit sich. Der Stockholmer Bankenprofessor, 58 Jahre alt, mit hoher Stirn und gestutztem weißem Bart, ist der Sekretär des betreffenden Preiskomitees bei der schwedischen Akademie der Wissenschaften. Nur er und die fünf anderen Mitglieder des Komitees kennen den Namen des diesjährigen Preisträgers, der am Montag kommender Woche in Stockholm verkündet wird. Als Englund vor kurzem in Lindau beim Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger am Begrüßungsabend zwischen den Studenten durch die Reihen zog, wehrte er alle Fragen nach dem Preisträger energisch ab. Dabei klammerte er sich an ein Glas Mineralwasser. „Ich möchte keinen Wein trinken, nicht dass ich betrunken werde und dann aus Versehen den Namen doch verrate“, sagte Englund augenzwinkernd.

In Fachzirkeln, an vielen Universitäten und im Internet wird bereits heftig diskutiert und spekuliert, wem dieses Jahr die Ehre zuteil werden könnte. Werden abermals Amerikaner den mit umgerechnet gut einer Million Euro nominierten Preis abräumen (von den 33 Preisträgern seit 1990 waren 26 Amerikaner und vier Briten)? Oder, wie vor zehn Jahren, ein Ökonom aus Indien, von denen mehrere im Gespräch sind (1998 erhielt Amartya Sen den Preis)?

Die Thomson-Liste

Viele Diskussionen kreisen um eine Liste, die der wissenschaftliche Dienst des Datenanbieters Thomson, der nun zur Agentur Reuters gehört, seit 1989 jährlich veröffentlicht. Dabei zählt Thomson, welcher Forscher in den vergangenen dreißig Jahren am häufigsten zitiert wurden und wie viele für die Forschung sehr einflussreiche Artikel sie geschrieben haben. Zudem wird geschätzt, wie wichtig das Forschungsgebiet ist und welche grundlegenden Beiträge der jeweilige Forscher geleistet hat.

Wer überhaupt nominiert worden ist für die Auswahl, ist ebenfalls ein Geheimnis. Englund hielt den Mund fest verschlossen, als er nach einzelnen prominenten Anwärtern gefragt wurde. Erst nach fünfzig Jahren, so die Statuten, werden Kandidatenlisten freigegeben.

Wettbüros sehen den Amerikaner Eugene Fama vorn

Berechtigt, einen Kandidaten vorzuschlagen, sind alle Mitglieder der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, frühere Nobelpreisträger, ordentliche Wirtschaftsprofessoren aus den fünf skandinavischen Ländern sowie renommierte Wissenschaftler, die gesondert eingeladen werden, einen Vorschlag zu machen. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat verraten, dass er den indischen Umweltökonomen Partha Dasgupta (Universität Cambridge) nominiert habe. Auch Peter Diamond (MIT), der zur Sozialversicherungsreform forscht, wird zuweilen genannt.

Im Internet laufen derweil auf der Seite des britischen Buchmachers Ladbrokes Nobelpreis-Wetten. Die besten Chancen räumt man dort – angesichts der Börsenturbulenzen durchaus pikant – für Eugene Fama ein, der mit einem Bewertungsmodell für Aktienkurse und einer Theorie der effizienten Finanzmärkte bekannt geworden ist. Die Quote für Fama liegtbei 1 zu 2. Hohe Chancen haben demnach auch die beiden indisch-amerikanischen Ökonomen Dixit und Bhagwati, auf die man mit der Gewinnchance 1 zu 8 setzen kann. Die riskanteste Wette läuft mit 1 gegen 40 auf den Arbeitsmarktökonomen William Baumol. Deutsche sucht man auf allen Listen vergeblich. Der erste und bislang einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger war 1994 der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten.

Auf Thomsons Liste stehen dieses Jahr: Lars P. Hansen (Universität Chicago), Thomas J. Sargent (Universität New York) und Christopher Sims (Princeton Universität) die allesamt wichtige Beiträge zur Theorie dynamischer ökonometrischer Modelle geliefert haben; ferner Martin Feldstein (Harvard Universität), der sich auf vielen Felder der Wirtschaftspolitik, darunter der Steuertheorie, der Sozialversicherungs- und der Gesundheitsökonomik, einen Namen gemacht hat und zudem Berater von Präsident Ronald Reagan war. Auch Armen A. Alchian und Harold Demsetz (beide Universität von Kalifornien in Los Angeles), die zur Theorie der Eigentumsrechte und der Firma geforscht haben, sind nach dieser Statistik aussichtsreiche Anwärter auf den Nobelpreis in diesem Jahr.

Weiter im Rennen liegen Kandidaten der vergangenen Jahre. 2007 gehörten nach Thomson in die engere Auswahl die Handelstheoretiker Elhanan Helpman (Harvard Universität) und Gene Grossman (Princeton Universität), der Industrieökonom Jean Tirole (Universität von Toulouse)), der Spieltheoretiker Robert B. Wilson (Stanford Universität) sowie der Spiel- und Auktionstheoretiker Paul Milgrom (Stanford Universität), der über optimale Allokationsverfahren forscht.

2006 tippte Thomson auf den indisch-amerikanischen Handelstheoretiker Jagdish Bhagwati und seinen Schüler Paul Krugman sowie den indischstämmigen Avinash Dixit (Princeton Universität) oder den Institutionenökonom Oliver Williamson. Kandidaten der Vorjahre sind etwa der Finanzmarkttheoretiker Eugene Fama (Universität Chicago), die Wachstumstheoretiker Robert J. Barro (Harvard Universität) und Paul Romer (Stanford Universität) oder - als einzige Frau - die Handelstheoretikerin und frühere Weltbankchefökonomin Anne B. Krueger (seit kurzem Johns Hopkins Universität).

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z.

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