Gieren ist menschlich

Was die Glücksforschung über Steuersünder weiß

Von Rainer Hank

18. Februar 2008 Hat ein superreicher Manager wie Klaus Zumwinkel es nötig, den Fiskus um eine Million Euro zu prellen? Im Verhältnis zu seinem Millionenvermögen hätte der Postchef auf diese eine Million verzichten können - ohne Verlust an Lebensqualität und Wohlstand.

Aus heutiger Sicht würde wohl auch Zumwinkel zugeben, dass der Preis der Steuerflucht zu hoch und das dabei eingegangene Risiko zu groß war: Ein einst tadelloses Ansehen ist für immer ramponiert; frühere Bewunderer beschimpfen ihn; Politiker und Managerkollegen ächten ihn, weil er den Ruf einer sich als Elite verstehenden Kaste vollends ruiniert habe. Da wurde, aufs Leben gerechnet, mehr als eine Million Euro in den Sand gesetzt. Rational kann solch ein Verhalten nicht sein (ganz abgesehen von seiner ethischen Beurteilung).

Warum geben die Menschen ihren Verstand ab?

Umso mehr stellt sich die Frage: Wie kann so etwas passieren? Zumal Zumwinkel, wenn der Verdacht der Staatsanwaltschaft auch nur einigermaßen zutrifft, sich in der allerbesten schlechten Gesellschaft befindet. Die neuere Glücksforschung (Behavioral Economics) hat sich intensiv mit der Frage befasst, warum die Menschen ihren Verstand abgeben, wenn es ums Geld geht. Offenbar wird hier das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens außer Kraft gesetzt, dem zufolge der Reiche mit der Zeit den Spaß an immer noch mehr Geld verlieren müsste.

Vom Geld aber können die Menschen nie genug kriegen. Gier gehört zur menschlichen Natur. Denn Geld macht zwar nicht glücklich. Aber alle, die Armen wie die Reichen, hoffen darauf, mehr Geld würde sie zufriedener machen im Vergleich zum Status quo, an den sie sich gewöhnt haben. Jedes neu erreichte Einkommensniveau nützt sich auf Dauer ab und verlangt nach mehr. Also nach noch mehr Geld.

Der „Endowment-Effekt“

Mehr noch: Geld abgeben fällt den Menschen ganz besonders schwer. Die Ökonomen nennen das den Endowment-Effekt: Die Leute fürchten einen finanziellen Verlust mehr als einen identischen Gewinn. Deshalb tut die Baisse an der Börse mehr weh, als die Hausse die Laune hebt, und deshalb dürfen die Nominallöhne immer nur nach oben gehen, allenfalls stagnieren, aber nie schrumpfen. Eine Steuerschuld auf Dividenden oder Kursgewinne wird offenbar ebenfalls als Verlust erlebt und provoziert Vermeidungsstrategien. Wenn es darum geht, Verluste abzuwenden, wächst sogar die Bereitschaft, Risiken einzugehen.

Kein Wunder, dass Aufrufe des Finanzministers zur Selbstanzeige bei den Sündern regelmäßig verpuffen. Steuersparen ist eine beliebte Sportart, und nicht wenige überschreiten dabei sehenden Auges die Grenze zur Illegalität (oder lügen sich selbst in eine halblegale Grauzone). Weil die Lohnsteuer automatisch vom Gehaltszettel abgezogen wird, erleben die meisten Menschen sie nicht (oder nicht so stark) als finanziellen Verlust: Man hat das Geld ja gar nicht erst auf das eigene Konto ausbezahlt bekommen. Der Fiskus sähe arm aus, müsste die Lohnsteuer von den Arbeitnehmern extra an das Finanzamt überwiesen werden.

Das Gefühl für Fairness ist unterschiedlich ausgeprägt

Leider ist auch das Gefühl für Fairness unterschiedlich ausgeprägt. Während die meisten Menschen es als recht und billig ansehen, dass der reiche Herr Zumwinkel von seinem großen Vermögen eine Million für den Staat und die Allgemeinheit abgeben muss, sieht die Welt aus Sicht der Betroffenen schnell anders aus. Warum sollten sie, wenn sie Teile ihres bereits versteuerten Erwerbseinkommens gewinnbringend anlegen, davon abermals ein Viertel (nach der neuen Abgeltungssteuer) dem Staat überlassen? „Die Hälfte meines Gehalts führe ich an den Fiskus ab, und für die andere Hälfte werde ich öffentlich beschimpft“, empörte sich jüngst ein Dax-Vorstand. Das Argument einer doppelten Besteuerung auf dasselbe finanzielle Substrat muss häufig als Argument für Tricks und Umgehungsstrategien herhalten. Liechtenstein ist traditionell ein Land, in welchem die Bürger ihre individuellen Fairness-Korrekturen an der Steuergesetzgebung vorzunehmen pflegen.

Für derartige Feinheiten der menschlichen Psyche fehlt der weniger begüterten Menschheit jegliches Verständnis (auch wenn sie selbst blind jedes „steueroptimierte“ Finanzprodukt ihrer Bank kauft). Entsprechend groß ist jetzt die Empörung über den Fall Zumwinkel. Wer mehr Geld hat, der soll auch mehr von seinem Vermögen an die Allgemeinheit abgeben, so lautet die Fairness-Regel der Mehrheit, die sich in den Steuergesetzen der meisten demokratischen Länder niederschlägt: Nicht nur proportional, sondern sogar prozentual werden die Reichen vom Fiskus stärker zur Kasse gebeten. Deshalb ist der Steuertarif progressiv gestaltet. Das reicht vielen immer noch nicht aus: Sie fordern eine eigene Vermögens- oder Reichensteuer und eine Verschärfung der Fahndung und Kontrolle, um das Risiko der Steuerflucht drastisch zu erhöhen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.02.2008, Nr. 7 / Seite 3
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.440,70 -1,46
TecDax 721,58 -3,36
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.354,58 -0,97
Nikkei 225 13.603,31 +2,18
Euro/Dollar 1,57 -0,03
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