Weltwirtschaft

Paul Krugman geißelt Europas Krisenmanagement

Von Corinna Budras, New York

„Eine Billion Dollar mehr verschärft das Problem Inflation nicht wesentlich“: Paul Krugman

„Eine Billion Dollar mehr verschärft das Problem Inflation nicht wesentlich“: Paul Krugman

14. April 2009 Europa ist bei der Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise nach Ansicht des Nobelpreisträgers Paul Krugman auf dem falschen Weg. „Die Vereinigten Staaten haben recht, Europa hat unrecht“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler, der in den vergangenen Monaten besonders die deutsche Regierung für ihre abwartende Haltung kritisiert hatte. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union müssten viel aggressiver als bisher versuchen, die Wirtschaft durch Konjunkturprogramme anzukurbeln. Dabei wies er Bedenken zurück, dass die großzügige amerikanische Intervention die Inflation beschleunigen und das höhere Defizit den Haushalt zu stark belasten könnte. „Eine Billion Dollar mehr wird das Problem nicht wesentlich vergrößern“, sinnierte der Hochschullehrer von der Eliteuniversität Princeton am Montagnachmittag auf einer Pressekonferenz in New York.

Krugman wäre nicht der scharfzüngige Kolumnist und Buchautor, wüsste er nicht eine scheinbar simple Antwort auf die drängende Frage, wie eine Neuauflage der Großen Depression zu vermeiden sei. Er forderte staatliches Handeln auf breiter Front, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen: aggressive Strategien, um die Kreditklemme auf den Finanzmärkten zu beseitigen, ein weiter Gestaltungsspielraum für die Geldpolitik, umfangreiche Konjunkturprogramme. „All diese Maßnahmen haben in der Vergangenheit gewirkt, und sie werden ohne Frage auch diesmal helfen“, betonte er.

Paul Krugman: „Die Vereinigten Staaten haben recht, Europa hat unrecht”
Paul Krugman: „Die Vereinigten Staaten haben recht, Europa hat unrecht”

Zurück zum „langweiligen Bankensektor“

Das weitaus schwierigere Problem sei, wie die Rezession beendet werden könne, räumte Krugman ein. Seiner Ansicht nach könnten nur eine umfassende Reinigung der Bankenlandschaft und ein nachhaltiger staatlicher Anschub helfen, bis die private Wirtschaft wieder investierte. Gleichzeitig sieht er nur eine geringe Gefahr, dass dadurch die Marktakteure zu einem riskanten Verhalten verführt werden könnten (moral hazard). „Dies wird zu häufig als ein Gegenargument für jede Art von Maßnahme benutzt. Ich mache mir da keine Sorgen.“

Der Wirtschaftswissenschaftler plädierte für eine strengere Regulierung, die die Bündelung und den Verkauf von Krediten einschränkt und eine vollständige Verbriefung verbietet. Danach sollten die Banken dazu verpflichtet werden, zumindest einen Teil des ursprünglichen Darlehens zu behalten. Krugman warnte davor, diese Krise ohne bedeutende Veränderungen vorüberziehen zu lassen. „Die nächste Krise könnte dann noch schlimmer werden“, warnte der linksliberale Krugman, der sich in seinen wöchentlichen Kolumnen in der „New York Times“ in den vergangenen Monaten auch als erbarmungsloser Kritiker der Obama-Regierung entpuppte. Die Vereinigten Staaten sollten ihr soziales Netz ausbauen und wieder zum „langweiligen Bankensektor“ des zwanzigsten Jahrhunderts zurückkehren, in dem in den 50 Jahren nach der Großen Depression klare Vorschriften dominierten. Erst als in den achtziger Jahren die Regulierung der Branche gelockert worden sei, habe sich das Desaster Bahn brechen können.

Börsenkurse keine zuverlässigen Hinweise für die Zukunft

Krugman rechnet nicht damit, dass die aktuelle Krise die Ausmaße der Großen Depression annehmen wird. Damals sorgten insbesondere der Kollaps der Finanzmärkte und eine Welle von Bankenzusammenbrüchen im Jahr 1931 für eine weltweite Panik. Allerdings teilt er auch nicht den Optimismus des Vorsitzenden der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, der bereits für 2009 ein Ende der Rezession erwartet. Krugman warnte davor, die Rezession vorschnell für überwunden zu erklären, wie es im Jahr 2001 geschehen sei, nachdem sich einzelne Wirtschaftsindikatoren wieder erholt hätten. Die Arbeitslosenquote sei dagegen noch gut eineinhalb Jahre nach dem offiziellen Ende der Rezession gestiegen.

Krugman verwies darauf, dass auch der Abschwung in der Großen Depression einige Pausen eingelegt habe. Der Wirtschaftswissenschaftler sieht deshalb auch kein überzeugendes positives Signal in der derzeitigen Erholung an den Aktienmärkten. „Börsenkurse sind keine besonders zuverlässigen Hinweise auf die Zukunft“, warnte Krugman. In den aktuellen Wirtschaftsdaten gebe es zwar Zeichen dafür, dass sich der Abschwung verlangsame, aber keine, die auf eine echte Trendwende schließen ließen.

Euro wird keine Leitwährung

Eine negative Prognose gab Krugman für Irland und Österreich ab. Beide Länder könnten dem schlechten Beispiel Islands folgen, das sich seit dem vergangenen Jahr am Rande des Staatsbankrotts bewegt. Österreich sei besonders wegen seiner starken wirtschaftlichen Verbindungen zum krisengeschüttelten Osteuropa gefährdet.

Die großen Unterschiede in Europa setzten auch die europäische Gemeinschaftswährung unter Druck. Der Euro wird es nach Ansicht von Krugman auch in nächster Zeit nicht schaffen, sich als eine weitere Leitwährung neben dem Dollar zu profilieren. Schuld daran sei dabei nicht etwa die Politik der Europäischen Zentralbank, sondern die Zersplitterung des europäischen Anleihemarktes. Während französische und deutsche Anleihen ähnlich verlässlich seien wie amerikanische Schatzanweisungen, seien etwa griechische Papiere weniger attraktiv.

Nur für die Entwicklung Chinas fand Krugman positive Worte - wenn auch unter einem deutlichen Vorbehalt. China habe ein sehr aggressives Investitionsprogramm angekündigt und bereits jetzt schon die ersten Erfolge verkündet. „Wenn das wirklich stimmt, hat China hervorragende Arbeit geleistet“, lobte Krugman, aber fügte schnell an: „Dass die wirtschaftliche Trendwende tatsächlich so schnell kommt, ist allerdings schwer zu glauben.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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