09. Juli 2009 Muss man Großbanken zerschlagen? "Angesichts der Erfahrungen der letzten zwei Jahre darf es kein Tabu mehr geben." Dieser Satz, den Philipp Hildebrand, der neue Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), vor zwei Wochen sagte, deutet eine radikale Wende an. Geradezu revolutionär klingen die Überlegungen, die der SNB-Präsident anlässlich der Vorlage des aktuellen Finanzstabilitätsberichts vorgetragen hat: Denkt man seine Analyse konsequent zu Ende, dann ist eine Zerschlagung von Großbanken kein Tabu mehr! Sie könnte sogar ordnungspolitisch geboten sein.
Der Schweizer Währungshüter hat Sorgen angesichts der Bankgiganten in seinem Land. Die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse machten im Krisenjahr 2008 zusammen rund 30 Milliarden Franken Verlust und gerieten in eine gefährliche Schieflage. Schließlich musste der Staat stützend eingreifen. Aus "too big to fail" kann aber "too big to save" werden. Die Isländer haben diese traurige Erfahrung gemacht. Auch Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, fragt: "Wie groß darf eine Bank sein, im Verhältnis zur Wirtschaftskraft des Landes, dass sie nicht ,too big to fail' ist?" (siehe Ackermann warnt vor einem Banken-Oligopol)
Bilanzsumme der Credit Suisse ist doppelt so hoch wie das schweizerische BIP
Allein die vor einigen Jahren aus einer Großfusion entstandene UBS hat eine Bilanzsumme, die etwa das Vierfache des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Eidgenossen ausmacht, die Bilanzsumme der Credit Suisse ist etwa doppelt so hoch wie das schweizerische BIP. Insgesamt war der Bankensektor 2007 rund neunmal so groß wie das jährliche Wirtschaftsprodukt der Schweizer. Auch in Belgien und in den Niederlanden ist der Bankensektor auf ein Vielfaches des nationalen BIP gewachsen. Die Bilanzsumme der Deutschen Bank erreicht mit rund 2 Billionen Euro nicht ganz die Höhe des deutschen BIP.
Im Fachjargon der Ökonomen heißt es, eine Bank sei "too big to fail", wenn sie eine solche Größe und systemische Bedeutung erreicht hat, dass sie im Fall eines Zusammenbruchs die gesamte Volkswirtschaft mit in den Abgrund ziehen könnte. Daher wird sie als "systemrelevant" eingestuft und darf nicht "umfallen". Allerdings kann gerade dieses implizite Rettungsversprechen die Banker dazu verleiten, besonders hohe Risiken einzugehen. "Moral hazard" nennen Ökonomen diesen Anreiz zu sorglosem Handeln. Wenn Spekulationen fehlschlagen und existenzbedrohende Verluste bringen, dann springt der Staat ein. Letztlich haftet also der Steuerzahler.
Das pervertiert die Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft, wie sie Walter Eucken aufgestellt hat: Wer die Chance und das Recht auf privaten Gewinn hat, der muss auch die Pflicht haben, die Risiken und möglichen Verluste zu tragen. In seinem Lehrbuch "Grundsätze der Wirtschaftspolitik" schreibt Eucken über die essentielle volkswirtschaftliche Funktion der privaten Haftung: "Investitionen werden umso sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwortliche für diese Investitionen haftet. Die Haftung wirkt insofern also prophylaktisch gegen eine Verschleuderung von Kapital und zwingt dazu, die Märkte vorsichtig abzutasten." Genau an diesem "vorsichtigen Abtasten der Märkte" hat es gefehlt. Das liegt auch daran, dass die Banken in den vergangenen Jahren zu viel Fremdkapital eingesetzt haben, um ihre Renditen hochzutreiben. Mit fremdem Geld ist man eher bereit, riskante Wetten einzugehen. Der "Hebel" - also das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital - betrug häufig 30 oder gar 50, kritisiert der Finanzjournalist Martin Wolf. Solche Hebel haben dazu beigetragen, dass die Finanzkrise eine derart zerstörerische Dynamik entfalten konnte.
Chef der Bank of England: Banken sollten für den Notfall ein Testament aufsetzen
Die SNB-Währungshüter plädieren nun für eine Rückkehr zum Maßhalten. "Die Nationalbank ist der Meinung, dass Verschuldungsgrade über 20 im Bankensektor unvorsichtig und somit in guten Zeiten unerwünscht sind." Nach Ansicht der SNB soll die Eigenkapitalquote also "in guten Zeiten" mindestens 5 Prozent betragen. Allerdings soll diese Maßgabe nicht starr sein. In guten Zeiten sollen die Banken einen Kapitalpuffer aufbauen, von dem sie in Krisen zehren können. Fallen die Märkte, wird die Eigenkapitalquote gesenkt, so dass die Banken nicht zu Notverkäufen gezwungen werden.
Weit brisanter als diese regulatorischen Ansätze sind die Überlegungen der SNB zur Liquidierung angeschlagener Banken. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008, der die Finanzkrise dramatisch verschärfte, zogen die Regierungen der Welt daraus den Schluss, künftig kein Institut mehr fallenzulassen. Der Schweizer Nationalbankpräsident will stattdessen präventiv Pläne entwickeln, wie angeschlagene Banken in geordneter Weise abgewickelt werden können. "Ziel solcher Vorschriften wäre es, im Krisenfall die für das Funktionieren der Volkswirtschaft wichtigen Teile der Bank herauszulösen und die restlichen Teile liquidieren zu können." Auch der Chef der Bank of England, Mervyn King, denkt in diese Richtung. Er sagt, die Banken selbst sollten für den Fall des Falles ein "Testament" aufsetzen.
Radikal an den Überlegungen der SNB ist, dass sie nicht warten will, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Auf die Finanzinstitute bezogen heißt das, dass ein hypertrophes Wachstum gestoppt werden muss, bevor eine Bank "too big to fail" wird. Die SNB regt dazu an, die Eigenkapitalanforderungen je nach Bankengröße zu staffeln: Große Banken müssten mehr Eigenkapital unterlegen. Das würde ihre Renditen schmälern und ihr weiteres Wachstum bremsen. Zu hoffen wäre, dass die Entstehung von Klumpenrisiken verhindert wird. Die Problematik von "too big to fail" und "too big to save" wäre entschärft - zum Wohle der Allgemeinheit.
Derzeit gibt es indes eine Tendenz hin zu mehr Konzentration in der Bankenbranche. Im Zuge von Notfusionen sind ehemals große Investmentbanken wie Bear Stearns und Merrill Lynch vom Markt verschwunden und übernommen worden. Aus der kleineren Zahl von Wettbewerbern könnte sich künftig eine gefährliche Zusammenballung entwickeln. Das sieht auch Deutsche-Bank-Chef Ackermann mit Sorge. Er fürchtet gar, dass sich ein "Banken-Oligopol" bilden könnte: "Es wird nach der Krise einige große Banken geben, die sich den globalen Kuchen aufteilen - dadurch gibt es die Gefahr von oligopolitischen Strukturen", warnte Ackermann vor kurzem.
Größer als die Gefahren für einen funktionierenden Wettbewerb erscheinen freilich die Systemrisiken eines hochgradig konzentrierten Finanzwesens. Insofern ist es höchste Zeit, dass Regulierungsbehörden und Zentralbanken über Größenbeschränkungen für Banken nachdenken. Der Schlaf der Kontrolleure gebiert sonst wieder Ungeheuer.
Schweizerische Nationalbank: Financial Stability Report 2009
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Alfons Holtgreve
Schwarz-gelbes Steuergesetz nimmt erste ![]()
Sindelfingen: Ohne 'C' geht's Ländle hee
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