04. April 2008 Über viele Jahre galt Alan Greenspan als der Zauberer unter den Notenbankern. Inzwischen ist die Kritik, die ihn für die gegenwärtige Finanzkrise mitverantwortlich macht, so laut und heftig geworden, dass sich der Anfang 2006 vom Vorsitz der amerikanischen Fed zurückgetretene Zauberer zu Rechtfertigungen veranlasst sieht. In einem Interview hat er jüngst alle Vorwürfe zurückgewiesen, die Fed habe die Banken dazu verleitet, Risiken auf dem Hypothekenmarkt zu vernachlässigen, indem sie sie mit billiger Liquidität versorgt habe. Die Globalisierung sei schuld, meint Greenspan. Sie habe die Inflationsraten und die langfristigen Zinsen so weit gedrückt, dass Gegensteuern unmöglich gewesen sei. "Ich könnte kein Beispiel einer Zinspolitik nennen, die den Anstieg von Vermögenspreisen gebremst hätte", sagt Greenspan.
Fakt ist, dass die Fed nach dem Platzen der New-Economy-Blase und den Anschlägen vom 11. September 2001 die Leitzinsen drastisch gesenkt hatte - schrittweise auf 1 Prozent. Erst spät, Mitte 2004, begann sie, die Zinszügel wieder zu straffen. Bis dahin stand billiges Geld massenweise zur Verfügung. Die Kritiker sehen darin den entscheidenden Grund, weshalb Amerikas Banken jegliche Vorsicht aufgaben und Hauskredite auch an Leute ohne Sicherheiten vergaben. Solange die Immobilienpreise stetig stiegen, schien alles gut. Die Aufblähung (lateinisch: inflatio) der Vermögenswerte finanzierte einen hohen Konsum - wieder auf Kredit. Als dann die Zinsen zu steigen und die Häuserpreisblase zu platzen begann, geriet das System ins Wanken. Hunderttausende faule Kredite bedrohen nun das Weltfinanzsystem.
Die Krise als Katharsis
Schon vor gut siebzig Jahren hat der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek eine Theorie formuliert, die dieses Krisenmuster schlüssig erklärt. Seine Konjunkturtheorie betont die monetären Faktoren, also die Rolle des Geldes und der Kredite, die Investitionen finanzieren. Mitten in der Weltwirtschaftskrise stellte sich Hayek damit in scharfen Gegensatz zu Keynes, der eine zu geringe Nachfrage als Grund der Misere sah. Nach Hayek war es aber im Vorfeld der Krise zu Fehlinvestitionen von Unternehmen und Banken gekommen, die korrigiert werden müssten. Die Krise sei also eine Katharsis. Mit dieser These machte er sich damals wenig Freunde - doch bietet sie einen Ansatz, um viele konjunktur- und geldpolitische Dramen zu verstehen.
"Geradezu schulmäßig entwickelte sich die Spekulationsblase in Japan bei Immobilien und Aktien, als sich Mitte bis Ende der achtziger Jahre, alimentiert von der Billiggeld-Politik der Bank of Japan, die Kurssteigerungen gegenseitig nach oben trieben, bis schließlich die kräftigen Zinserhöhungen der BoJ die Blasen platzen ließen und die japanische Volkswirtschaft in eine Rezession und lang andauernde Deflation hineinzogen", hat der Tübinger Volkswirt Joachim Starbatty jüngst in einem Vortrag zur hayekianischen Blasentheorie erklärt. Auch die gegenwärtige Subprime-Krise ist demnach "Ausdruck eines fehlgeleiteten gesamtwirtschaftlichen Produktionsaufbaus" durch zu niedrige Zinsen.
Der junge Greenspan war überzeugter Verfechter eines Goldstandards
Wie derartige Katastrophen zu verhindern seien, war unter den neoliberalen Ökonomen, zu deren Leitfiguren Hayek zählte, heiß umstritten: Hayek hatte Sympathien für eine Goldwährung, die, wie es Joseph Schumpeter formuliert hat, als "goldene Bremse" in der Kreditwirtschaft wirkt. Dagegen hielt Milton Friedman, die andere neoliberale Leitfigur, eine Golddeckung für zu teuer. Er warb für eine strikte Geldmengenregel, um inflationäre Tendenzen zu verhindern.
Ironischerweise war Alan Greenspan in seinen jüngeren Jahren überzeugter Verfechter eines Goldstandards. In den sechziger Jahren, als er zum libertären Zirkel um die Schriftstellerin Ayn Rand gehörte, schrieb er in deren Zeitschrift "Objectivist" einen flammenden Aufsatz für Gold und gegen ungedeckte Geldschöpfung und die unsolide Finanzpolitik des Wohlfahrtsstaats, die nur im Papiergeldsystem möglich sei. Auch später noch, selbst als er 1987 Fed-Vorsitzender wurde, bekannte sich Greenspan augenzwinkernd zur Botschaft dieses Aufsatzes.
Die Nothilfen der Fed sendeten ein fatales Signal
Eine Rückkehr zum Goldstandard erscheint utopisch, ebenso der reizvolle Vorschlag zur "Entnationalisierung des Geldes", den Hayek, inzwischen Nobelpreisträger, 1976 machte. Nach diesem Plan sollte den staatlichen Notenbanken das Monopol entzogen werden und ein freier Wettbewerb privater Emittenten für solides Geld sorgen. Von solch kühnen Gedanken ist man derzeit weit entfernt.
Als Konsequenz der aktuellen Krise werden gemeinhin mehr Transparenz und schärfere Regulierung des privaten Finanzsektors gefordert. "Es ist freilich erstaunlich, dass die Akteure, die die Welt mit reichlicher Liquidität versorgten und damit die Fehllenkung der Ressourcen zu verantworten haben, bisher von Ratschlägen verschont geblieben sind", findet Starbatty. Notwendig sei es, Anreize zum Fehlverhalten ("moral hazard") zu beenden, also die Politik des billigen Geldes, die zu hohen Risiken einlädt, wie auch die staatlichen Nothilfen. Als die Fed und andere Notenbanken den Hedge-Fonds LTCM in einer von Greenspan erdachten Aktion 1998 vor dem Konkurs bewahrten, sendeten sie ein fatales Signal an alle Finanzakteure mit hochspekulativen Neigungen. Der neue Fed-Vorsitzende Ben Bernanke scheint mit aggressiven Zinssenkungen und einer neuen Geldschwemme die unselige Tradition fortzusetzen. "Der Schwerpunkt der therapeutischen Bemühungen muss daher auf der Disziplinierung der Zentralbanken liegen", meint Starbatty. Denn sie liefern die Liquidität, die zur nächsten Blase führt.
Joachim Starbatty: F. A. von Hayek und die "Bubble Economy", im Internet auf: www.hayek.de.
Alan Greenspan: Gold and Economic Freedom, in: Ayn Rand: Capitalism: The Unknown Ideal, Penguin Books, 1986.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 36
Bildmaterial: AP
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