08. Oktober 2007 Es stimmt schon: Wenn Ökonomen über das Wohlergehen der Menschen sprechen, dann klingt das häufig sehr abstrakt. Von Nutzen ist vielfach die Rede, die Mann oder Frau aus dem Konsum eines bestimmten Gutes oder auch aus der Ausübung einer bestimmten Tätigkeit ziehe. Formalisiert wird dieser Nutzen in Gestalt von mathematischen Formeln, die meist die Eigenschaft eines abnehmenden Grenznutzens besitzen. Dahinter verbirgt sich die durchaus plausible Annahme, dass der Nutzen, den ein Gut stiftet, mit der konsumierten Menge in der Regel abnimmt. Der Durstige beispielsweise, der nach tagelanger Wanderung durch die Wüste an eine Oase gelangt, hat vom ersten Becher Wasser gewiss mehr als vom zehnten Becher.
So weit, so gut. Eine größer werdende Schar von Ökonomen gibt sich mit derlei Analysen nicht mehr zufrieden. Statt für den bloßen Nutzen interessieren sich die Wissenschaftler vielmehr für das, was vermeintlich die meisten Menschen antreibt: das Streben nach Glück. Diese ökonomische Erforschung des Glücks fördert interessante und zugleich aufschlussreiche Ergebnisse zutage. Zwei neue Arbeiten, eine vom Princeton-Ökonomen Alan Krueger, die andere von Betsey Stevenson und Justin Wolfers von der Universität von Pennsylvania, kommen zu einem ähnlichen, durchaus bedrückenden Schluss: Zwischen Männern und Frauen, nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa, klafft eine Glückslücke. Und sie ist in den vergangenen Jahrzehnten ein Stück größer geworden.
Weniger lästige Hausarbeit
Krueger stützt sich in seiner Analyse, die demnächst in der Reihe Brookings Papers on Economic Activity veröffentlicht wird, auf Umfragen darüber, wie Menschen ihre Zeit verbringen, und wie sie sich dabei jeweils fühlen. Sechs Kategorien hatten die Befragten zur Auswahl, um ihre Gefühle zu beschreiben: interessiert, gestresst, glücklich, müde, traurig, schmerzerfüllt. Verbringen die Leute heutzutage mehr Zeit mit Dingen, die sie erfreuen, als frühere Generationen?, lautet Kruegers Ausgangsfrage. Die Antwort darauf, sagt der Ökonom, sei für das Verständnis von wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt von größter Bedeutung, und führt ein Beispiel an: Frauen im erwerbsfähigen Alter verbringen heutzutage viel mehr Zeit als Mitte der sechziger Jahre damit, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, fernzusehen und für andere Erwachsene (pflegebedürftige Eltern) zu sorgen. Auf der anderen Seite kochen, putzen und lesen sie weniger als früher. Bedeutet das nun, dass es Frauen jetzt bessergeht als damals?, fragt Krueger.
Bevor er die Antwort darauf gibt, referiert er weitere Ergebnisse der Umfrage: Die Zeit, die mit den meist als lästig empfundenen Haushaltspflichten verbracht wird, ist über die vergangenen 40 Jahre geringer geworden, und zwar zu Lasten von neutralen Freizeitaktivitäten wie fernsehen. Unter dem Strich sei in der gesamten Bevölkerung aber keine nennenswerte Verschiebung von unerfreulichen zu erfreulichen Tätigkeiten oder auch umgekehrt zu verzeichnen.
Eltern schlimmer als Wäschewaschen
Ein anderes Bild ergibt sich nach Krueger, wenn man Männer und Frauen getrennt betrachtet: Männer haben im Laufe der Zeit die Tätigkeiten, die sie als mehr oder weniger unangenehm empfinden, vor allem die Arbeit, zurückgeschraubt. Dafür verbringen sie mehr Zeit mit ausruhen, entspannen, nichts tun. Frauen hingegen haben zwar weniger mit der Hausarbeit zu tun, gehen dafür aber in stärkerem Maße einer bezahlten Arbeit nach. Darum verbringen sie heutzutage ungefähr ebenso viel Zeit mit ihrer Ansicht nach unangenehmen Tätigkeiten wie Frauen Mitte der sechziger Jahre. Vor 40 Jahren entfielen bei Frauen durchschnittlich rund 23 Stunden in der Woche auf unerfreuliche Dinge, rund 40 Minuten mehr als bei Männern. Heutzutage beträgt der Unterschied 90 Minuten - mehr als das Doppelte.
Es zeigt sich aber auch, dass Frauen und Männer ein und dieselbe Tätigkeit durchaus unterschiedlich beurteilen. Männer beispielsweise verbringen offenbar gerne Zeit mit ihren Eltern, während Frauen die gemeinsame Zeit mit Mutter und Vater sogar noch als ein wenig unerfreulicher empfinden als Wäschewaschen.
Bessere Chancen außerhalb der Ehe
Ganz ähnlich ist die Beobachtung, die Stevenson und Wolfers gemacht haben. Zwei Tatsachen stehen sich gegenüber: Das Leben der Frauen hat sich, gemessen an einer Reihe objektiver Maßstäbe, in den vergangenen 35 Jahren außerordentlich verbessert. Auf der anderen Seite schätzen Frauen den Grad ihres Wohlbefindens heutzutage schlechter ein, und zwar sowohl absolut als auch im Verhältnis zu Männern, schreiben die beiden Ökonomen in ihrem bisher unveröffentlichten Arbeitspapier.
Zu den objektiven Indikatoren zählen Stevenson und Wolfers die geringer gewordene Lohn- und Gehaltskluft zwischen Männern und Frauen, das Bildungsniveau der Frauen, das in einigen Altersgruppen das der Männer inzwischen übertrifft, die Geburtenkontrolle und moderne Haushaltsgeräte, die die Arbeit im Haushalt erleichtern. Der Anstieg der Löhne hat nicht nur die Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt gestärkt, er hat auch ihre wirtschaftlichen Chancen außerhalb der Ehe verbessert.
Gestiegene Ansprüche
Die beiden Ökonomen vermuten, dass die Ursache des schwächer ausgeprägten Glücksgefühls unter Frauen heutzutage damit zusammenhängen könnte, dass die Ansprüche vieler Frauen noch schneller gestiegen sind, als sich ihre tatsächliche Situation verbessert hat. Eine größere Gleichheit zwischen Männern und Frauen könne das Empfinden von Glück negativ beeinflussen, weil Frauen dann auch den Lebensstandard von Männern zum Maßstab nähmen und sich nicht mehr ausschließlich mit anderen Frauen verglichen.
Frauen sehen sich relativ schlechter dastehen, als wenn ihre Vergleichsgruppe nur Frauen einschlösse, meinen die Wissenschaftler. Insofern sei es durchaus möglich, dass die Frauenrechtsbewegung der vergangenen Jahrzehnte auch dazu beigetragen hat, dass Frauen zwar wirtschaftlich bessergestellt, aber dennoch weniger glücklich sind: Womöglich ist die Wahrscheinlichkeit nun größer, dass Frauen mit ihrem Leben unzufrieden sind.
Alle drei Ökonomen sind sich der Grenzen wohl bewusst, die ihrer Arbeit gesetzt sind. Das Gefühl des Glücks ist ein subjektives, und unterschiedliche Menschen reagieren mitunter ganz unterschiedlich auf ein und denselben Einfluss. Außerdem können sich auch die Vorlieben und Abneigungen der Menschen über die Zeit durchaus ändern. Es ist eine große Herausforderung, die Gründe für das gesunkene Glücksempfinden von Frauen besser verstehen zu wollen, schreiben Stevenson und Wolfers, die nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch miteinander leben.
Alan B. Krueger: Are We Having More Fun Yet? Categorizing and Evaluating Changes in Time Allocation, erscheint demnächst in Brookings Papers on Economic Activity.
Betsey Stevenson und Justin Wolfers: The Paradox of Declining Female Happiness, unveröffentlichtes Manuskript
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2007, Nr. 40 / Seite 26
Bildmaterial: 3L/Cinetext, AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, ZB
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