Von Joachim Starbatty
03. November 2008 Was wir jetzt erleben, erinnert nicht bloß an die Weltwirtschaftskrise von 1929; es ist eine zweite Weltwirtschaftskrise. Die Zentralbanken pumpen Liquidität über Liquidität in das Finanzsystem, Regierungen bürgen für faule Vermögenswerte und nehmen sie auf die eigenen Bücher, sozialisieren also das unternehmerische Risiko. Damit haften die Bürger für die Verluste des Banksystems.
Das, was wir Finanzkrise nennen, ist zugleich eine Krise des derzeit dominanten Wirtschafts- und Lebensstils und auch – das muss unumwunden eingeräumt werden – der modernen Volkswirtschaftslehre. Wer von den Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaft, wer von den im Fernsehen präsenten Großwissenschaftlern, wer von den Wirtschaftsweisen hat rechtzeitig seine warnende Stimme erhoben? Auf welchen repräsentativen Kongressen ist das Heraufdämmern der Krise gesehen worden? Es gibt zwei Gründe für dieses Versagen.
szientistischer Leerlauf“
Ökonomen nehmen immer weniger wahr, was um sie herum vorgeht. Sie reduzieren ökonomische Realität auf statistische Zeitreihen. Diese können uns helfen zu erklären, was passiert ist, nicht aber zu erkennen, was sich zusammenbraut. Was nicht in gerade modischen, mathematisch gefassten Modellen behandelt wird, existiert nicht mehr. Was keine Chancen hat, in amerikanischen Journals publiziert zu werden, wird beiseitegeschoben. Weil sich die Zunft der Ökonomen nicht mehr um das kümmert, was jenseits von Angebot und Nachfrage“ liegt, kann sie sich kein umfassendes Bild mehr von Wirtschaft und Gesellschaft machen. Wer die einschlägigen Journale durchblättert oder die von der Europäischen Zentralbank publizierten Aufsätze studiert, wird Wilhelm Röpke recht geben, dass das meiste, was da unter dem großmäuligen Titel der modernen Ökonomie“ getrieben werde, ein riesenhafter szientistischer Leerlauf“ sei.
Der zweite Grund liegt in dem Erbe begründet, das uns der dominierende Ökonom des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, hinterlassen hat. Keynes hatte bedauert, dass nicht Thomas Malthus, sondern David Ricardo die Stammwurzel der bis zur Weltwirtschaftskrise herrschenden Ökonomie gewesen sei; Malthus habe den Finger in die kapitalistische Wunde gelegt: das Wegbrechen der Nachfrage und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit. Und Keynes hat dann alles getan, um dieses kapitalistische Gebrechen zu heilen: Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage durch Staatsdefizite und Billiggeldpolitik der Zentralbanken. Da der finanzpolitische Spielraum in den meisten modernen Industriestaaten ausgereizt ist – die steigenden Zinsverpflichtungen schnüren den staatlichen Ausgabenspielraum immer stärker ein –, sind die Zentralbanken in die Bresche gesprungen. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase“ hat die amerikanische Zentralbank Fed den Zinssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken bei ihr refinanzieren konnten, zeitweilig auf ein Prozent gesenkt. Wird die damalige Inflationsrate berücksichtigt, so war der Zinssatz sogar negativ. Die Banken erhielten also noch eine Prämie, wenn sie sich verschuldeten. Und mit diesem billigen Geld haben sie dann Unternehmenskäufe, vor allem aber den Erwerb von Häusern finanziert. Dies trieb die Immobilienpreise nach oben und lockte Immobilienspekulanten an; die Hauseigentümer rechneten sich reich, beliehen die Wertsteigerungen ihrer Häuser und setzten das in aktuellen Konsum um. Die Fed hat das nicht argwöhnisch gemacht; sie hat vielmehr die hohe Konsumquote als willkommenen Konjunkturtreiber gesehen.
Das konjunkturelle Perpetuum mobile“
Daraus schien sich ein konjunkturelles Perpetuum mobile“ zu ergeben: Die Billiggeldpolitik treibt die Immobilienpreise; die daraus resultierenden Wertsteigerungen werden in aktuellen Konsum umgesetzt; die Chinesen stillen mit billigen Verbrauchsgütern den amerikanischen Konsumhunger; sie legen die verdienten Dollar aus den Exportüberschüssen in amerikanischen Staatsanleihen an und halten damit ihrerseits das amerikanische Zinsniveau niedrig; die Hauspreise steigen weiter . . . Da kann man nur sagen: Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode.
Die Geldschwemme und ununterbrochen steigende Immobilienpreise ließen die Akteure glauben, sie hätten eine Maschine zur Profitmacherei entdeckt. Kreditmakler und Banken scheffelten Geld, indem sie Hypothekenverträge unter die Leute brachten. Und so machten sie schließlich in den Vereinigten Staaten Jagd auf alles und jeden, bis sie schließlich bei den Ninja-Schuldnern“ – no income, no job, no assets – angekommen waren. Die Banken hat nicht gestört, dass die Verträge weder mit Eigenkapital noch mit einem stetig fließenden Einkommen unterlegt waren; sie haben sie verbrieft und als hypothekarisch besicherte Kapitalmarktpapiere weltweit den Kapitalanlegern angeboten. Rating-Agenturen haben sie bei der richtigen Mischung der Portefeuilles beraten und diesen Produkten anschließend Bestnoten verpasst. So machten sie aus Schrott hochverzinsliche Zertifikate. Weltweit wandelten Banken die von den Zentralbanken geschaffene reichliche Liquidität über den Ankauf solcher Papiere in sprudelnde Erträge um. Alle waren zufrieden: die Immobilienerwerber, die Kreditmakler, die Banken, die Kapitalanleger, die Bauindustrie und die vor- und nachgelagerten Betriebe. Beschäftigung und Wachstum nahmen zu; die Wachstumsraten des Welthandels waren so hoch wie nie zuvor. Politiker freuten sich über sprudelnde Steuerquellen, weil sie ihnen die unangenehme Arbeit der Haushaltssanierung abnahmen. Solange die Baupreise in den Vereinigten Staaten stiegen, lebten wir in der besten aller möglichen Welten und waren zufrieden.
Schließlich platzte die Blase, weil die Zentralbanken, um den Boom und die Inflation unter Kontrolle zu halten, Schrittchen für Schrittchen die Zinsen erhöhten. Als die ersten Hypothekenschuldner ausfielen und Zwangsversteigerungen die Baupreise drückten, wurden diese Subprime-Papiere als das identifiziert, was sie tatsächlich waren: Schrott. Seit dem vergangenen Sommer haben es die Banken gewusst; sie haben sich gegenseitig kein Geld mehr geliehen, weil keine Bank mehr der anderen vertraute. Was damals nicht für möglich gehalten wurde, hält inzwischen die ganze Welt in Atem: Nicht bloß einzelne Banken sind notleidend geworden, sondern das gesamte Banksystem.
Zwei Sätze garantieren derzeit Beifall
Wer über die Weltfinanzkrise spricht, kann bei zwei Sätzen mit prasselndem Beifall rechnen: Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse.“ Und: Es muss Schluss sein mit der Gier.“ Die amerikanischen Verhältnisse sind aber längst in Europa angekommen: Überall da, wo die Konjunktur gut lief, hat die Nachfrage nach Immobilien wegen der niedrigen Zinsen die Hauspreise nach oben getrieben und Blasen entstehen lassen. Bis auf Deutschland hat der Immobilienbazillus fast alle Mitglieder des Euro-Clubs infiziert, am stärksten Spanien und Irland.
Wenn man die Gier als treibende Kraft ansieht, so muss man klären, warum niemand bis vor kurzem an unserem Banksystem zweifelte. Frühere Bank-runs mögen zwar die Wirtschaftshistoriker fasziniert haben, aber sie hielten nicht die aktuelle Politik in Atem. Was ist anders geworden? Das Denken auf den Chefetagen hat sich seit der Orientierung am Shareholder-Value-Prinzip grundlegend gewandelt. Wenn das Einkommen und das kollegiale Ansehen vom aktuellen Börsenstand abhängig sind, dann werden Entscheidungen immer unter dem Aspekt der Auswirkung auf den Börsenkurs getroffen. Andernfalls werden die Manager abgestraft. Daher fühlen sie sich geradezu gedrängt, kurzfristig ertragreiche, auf lange Sicht aber riskante Investitionen solchen vorzuziehen, die den Bestand des Unternehmens nachhaltig sichern, deren Erträge aber erst ihren Nachfolgern zugutekämen. Der berühmte Ökonom Léon Walras hat das so charakterisiert: Wer den Nachbarn imponieren wolle, müsse in seinem Garten Möhren anpflanzen; die könne er nach kurzer Reifezeit stolz herumzeigen; wer dagegen seinen Enkeln etwas hinterlassen wolle, müsse Walnussbäume pflanzen. Auf den führenden Etagen haben die Möhrenpflanzer die Nussbaumpflanzer verdrängt.
Ein zweites Entscheidendes kommt hinzu: Wenn ein Manager ein Unternehmen ganz oder teilweise gegen die Wand fährt, wird er nach Maßgabe der ausgehandelten Pensionszusagen entlassen, die Boni aufgrund seiner riskanten, kurzfristig aber erfolgreichen Investitionen bleiben ihm aber erhalten. Oft erhält er noch eine satte Abfindung, wenn der Vertrag vorzeitig aufgelöst wird. Damit haften Manager nicht für die von ihnen angerichteten Schäden. John McFall, Vorsitzender des Finanzausschusses im britischen Parlament, sagt: Jeder weiß, dass das Bonussystem der Krebs in diesem Finanzsystem ist.“
Wer nicht für die Konsequenzen seines Tuns einstehen muss, wird leichtfertig. Mit dem Geld anderer Leute geht man weniger sorgfältig um als mit dem eigenen. Für Walter Eucken, Gründer der ordoliberalen Schule, ist Haftung nicht nur eine Voraussetzung für die Wirtschaftsordnung des Wettbewerbes, sondern überhaupt für eine Gesellschaftsordnung, in der Freiheit und Selbstverantwortung herrschen“. Nicht der Markt, die Globalisierung oder die neoliberale Ideologie haben der Wirtschaft und uns den Boden unter den Füßen weggezogen, sondern die Eliminierung eines zentralen Prinzips, das eine marktwirtschaftliche Ordnung konstituiert.
Und was erleben wir derzeit? Es wird nicht darüber nachgedacht, wie das Prinzip Haftung auch auf der Managementebene installiert werden kann, damit aus Möhrenpflanzern wieder Nussbaumpflanzer werden; stattdessen hören wir allenthalben Politiker Regulierungsarien schmettern, um die globalen Finanzmärkte sozialer zu machen. Ihnen gehen derzeit auch Zahlungsversprechen rasch von den Lippen: erst 30, dann 50 und jetzt sogar 300 Milliarden Euro. Da wird einem ja richtig schwindlig. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Politiker scheinen bei ihren Rettungsaktionen zu vergessen, dass sie das Geld der Steuerzahler riskieren. Auch wenn die Zentralbanken zunächst einspringen, in welcher Form auch immer, haften muss letztlich immer der Steuerzahler.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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