Von Winand von Petersdorff
12. März 2008 Das Milliardärsranking, welches das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" jetzt vorlegte, erhellt ein deutsches Phänomen: Aufstieg ist die große Ausnahme. In der langen Liste der deutschen Milliardäre findet sich nur ein halbwegs junger Mann, der sein Vermögen selbst gemacht hat. Der Internetunternehmer Ralph Dommermuth aus Montabaur. Die restlichen Mitmilliardäre seiner Alterskohorte vertreten altes oder uraltes Geld.
Ein Wunder ist das nicht: Deutschland ist im globalen Vergleich immer ein Land gewesen, das für Gemütlichkeit, Gleichheit und Gleichförmigkeit stand, nicht für spektakuläre Karrieren. Zusammen mit Skandinavien und mitteleuropäischen Ländern ist hier der Gini-Koeffizient, der das Maß der Einkommensungleichheit bestimmt, am geringsten. Gleichzeitig war die Aufstiegsmobilität nie überdurchschnittlich groß. Das ist zu ertragen, solange das Einkommen auskömmlich war.
Doch jetzt dreht sich etwas: Die Ungleichheit nimmt hierzulande zu, wie jüngste Studien bestätigen. Diese Diagnose allein reicht in Deutschland, um große Unruhe zu provozieren. Aktuell wird das Thema unter dem Arbeitstitel "Die Mittelschicht schrumpft" diskutiert. Die Angst vor dem Abstieg regiert.
Geringe Mobilität nach oben
Viel zielführender wäre Zorn über den verbauten Aufstieg der kleinen Leute. Denn die untere Einkommensschicht (Einkommen von höchstens 70 Prozent des mittleren Einkommens) kommt nicht voran. Sie wächst. Noch etwas kommt hinzu: Abgerutschte bleiben unten. Und das, obwohl Deutschland ein paar gute Wachstumsjahre hinter sich hat.
Ein bisschen Statistik ist an dieser Stelle unvermeidlich. Die Wirtschaftsforscher des DIW haben in einer Studie die Aufstiegsmobilität in zwei Fünf-Jahres-Phasen verglichen. "Phase eins" geht von Anfang 1996 bis Ende 2000. "Phase zwei" umfasst 2002 bis 2006.
In "Phase eins" passierte Folgendes mit den Einkommensschwachen: Rund 54 Prozent der Menschen, die 1996 zu der unteren Einkommensschicht gehörten, zählten auch vier Jahre später am Ende von "Phase eins" noch dazu. Das ist ein Ausweis für geringe Mobilität nach oben. Trotzdem haben wenigstens 46 Prozent Karriere gemacht, zwei Prozent sogar bis in die oberste Einkommensschicht (mindestens 150 Prozent des mittleren Einkommens) hinein.
Verfestigung der Einkommensschichten"
Deutlich schlechter wird es in "Phase zwei". Zwei Drittel der Personen, die Anfang 2002 in der untersten Einkommensschicht registriert waren, hatten die Flucht nach oben bis 2006 nicht geschafft.
In der gleichen Zeitspanne blieben zwei Drittel der Wohlhabenden auch wohlhabend. Die Einkommensstarken konnten ihre Position behaupten und sogar ausbauen.
Die DIW-Wissenschaftler sprechen von einer "klaren Verfestigung der Einkommensschichten". Die Mittelschicht allerdings ist davon ausgenommen. Sie schrumpft, weil von 2002 bis 2006 rund 14 Prozent ihrer Mitglieder abgerutscht und elf Prozent aufgestiegen sind. Das Abstiegsrisiko ist für die Mitte der Gesellschaft größer als die Aufstiegschance.
Die politischen Rezepte haben nichts gebracht
Die Entwicklung ist gefährlich. Eine ungleiche Einkommensverteilung wie etwa in den Vereinigten Staaten lässt sich nur ertragen, wenn sie durch die Hoffnung auf Karriere gemildert werden kann. Der Mythos vom Tellerwäscher, der Millionär wird, ist in Amerika wieder frisch geworden, seit Barack Obama, der aus kleinen Verhältnissen kommt, Aussichten auf das höchste politische Amt des Landes hat.
In Deutschland, wo Optimismus ohnehin schlechtere Wachstumsbedingungen hat, wächst die Ungleichheit, während die Aufstiegschancen schwinden. Die politischen Rezepte, um die Fehlentwicklung zu bremsen, haben nichts gebracht.
Sie sind in der Natur defensiv: Sie sollen Abstieg verhindern, statt Aufstieg zu beflügeln. Mindestlohn fällt in diese Kategorie oder der Kündigungsschutz. Er erschwert das Entlassen und das Einstellen gleichzeitig. Er bremst soziale Mobilität, weil sich Arbeitgeber nicht trauen, besonders geschützten Arbeitnehmern eine Chance zu geben.
Die Chancen der Schlechtqualifizierten schrumpfen
Die einzige Chance für das Erreichen der höheren Einkommensliga scheint Bildung zu bieten. Hier versagt die deutsche Gesellschaft offensichtlich. 3,6 Millionen Arbeitslose zählte die Arbeitsagentur im Februar dieses Jahres und zugleich knapp eine Million offene Stellen. Vor allem qualifizierte Arbeitnehmer fehlen den Unternehmen.
Das Bildungssystem, das in Deutschland überwiegend in staatlicher Verantwortung betrieben wird, schafft es nicht, das gewünschte Personal bereitzustellen. In der globalisierten Welt schrumpfen die Chancen der Schlechtqualifizierten. Sie müssten stark gemacht werden, um ihre Chancen zu erhöhen. Zumal man seit den Pisa-Studien weiß man, dass sich gerade in Deutschland Bildungsarmut vererbt. Abitur macht, wer aus gutem Haus kommt. Die Kinder aus bildungsfernen Schichten dagegen bleiben unten. So zementiert sich die Einkommensverteilung auf Dauer.
Die Leute spüren die schleichende Fehlentwicklung längst: Seit 1984 wachsen die Sorgen "um die eigene wirtschaftliche Situation", hat das DIW herausgefunden. Der Anteil der Menschen, die sich keine Sorgen machen, lag in den 80er Jahren noch über 40 Prozent, in Gesamtdeutschland bei rund 30 Prozent und zuletzt nur noch bei 23 Prozent.
Dieser niedrige Wert verbesserte sich auch nicht in den Wachstumsjahren 2006 und 2007. Besonders besorgt sind die Einkommensschwachen In der Mittelschicht hat der Anteil derjenigen mit "großen Sorgen" bis 2005 einen historischen Höchststand erreicht mit mehr als 26 Prozent.
Null-Wachstum in der Tüte
Das gab es noch nie: Die deutsche Wirtschaft wächst - aber die realen Nettolöhne fallen. Die Arbeitnehmer profitieren nicht mehr von der brummenden Konjunktur.
Die deutsche Wirtschaft wuchs 2006 um 2,9 Prozent. 2007 betrug das Plus 2,5 Prozent. Das waren gute Jahre für die deutsche Volkswirtschaft.
Doch die Durchschnittseinkommen der Arbeitnehmer sanken real, weil die Inflation die Lohnsteigerung fraß. Im vorigen Jahr wuchsen die Tariflöhne um 1,3 Prozent. Die Jahresteuerungsrate betrug dagegen 2,3 Prozent. Im Jahr davor zeigte sich das gleiche Phänomen: Lohnplus 1,2 Prozent, Teuerung 1,7 Prozent.
Steigende Inflationssorgen für 2008 erhöhen den Druck auf die Gewerkschaften, in der aktuellen Tarifrunde mehr für ihre Arbeitnehmer herauszuholen. Gleichzeitig verdüstern sich die Aussichten für die Konjunktur. Damit haben die Unternehmen weniger zu verteilen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.03.2008, Nr. 10 / Seite 40
Bildmaterial: F.A.Z.
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