23. Dezember 2008 Der Schweizer Ökonom Bruno Frey forscht seit Jahren über das Wesen des Glücks. Er weiß, warum eine Freundin besser ist als ein schnelles Auto und warum Kursverluste so schmerzen.
Herr Frey, Geld verlieren macht ziemlich unglücklich?
Verluste tun sehr weh. Wir verlieren ungern etwas.
Als die Kurse nach oben gingen, war kein Freudengeschrei zu hören. Jetzt aber klagen alle, obwohl der Dax viel weniger eingebrochen ist als zu Ende der New Economy.
Man gewöhnt sich eben sehr rasch an das, was ist. Besonders wenn das Geld mehr wird. Wir nennen das "Habituation", also Gewöhnung an wachsende Vermögenswerte. Die Kurse steigen, und die Erwartung, was ein angemessenes Vermögen ist, nimmt fast im gleichen Tempo zu. Also nehmen wir das als selbstverständlich und haben keinen Grund für ein besonderes Glücksgefühl.
An Gewinne gewöhnen wir uns, aber an Verluste gewöhnen wir uns nicht?
Leider ist das so. Nach unten funktioniert es nicht.
Woran liegt das?
Es ist eine empirische und psychologische Regelmäßigkeit, die wir beobachten.
Wir könnten doch auch vergleichen, wie es uns vor zwanzig oder dreißig Jahren ging.
Möglich wäre das schon. Aber so funktionieren die Menschen nun mal nicht. Wir vergleichen uns nicht damit, wie schlecht es uns früher gegangen ist, sondern wie gut wir es schon einmal hatten, und werden dann übel gelaunt. Die Presse trägt zu diesem Unglücksgefühl bei, wenn sie schreibt, die Kurse fallen ins Bodenlose oder sie seien im freien Fall. Fünf Prozent ist viel bei einem großen Vermögen. Aber es ist längst kein Totalverlust. Und wenn wir zwischen Generationen vergleichen, dann sehen wir, wie gut wir es heute haben. Damals gab es Kriege, wurde viel härter gearbeitet.
An eine Rezession gewöhnt man sich auch nicht so gut?
Das ist leider wahr. Wir gewöhnen uns sehr unterschiedlich an unterschiedliche Ereignisse. Weil es in Rezessionen immer Arbeitslosigkeit gibt, Arbeitslosigkeit aber extrem unglücklich macht, gibt es auch keinen Gewöhnungseffekt bei einer Rezession.
Für den Anleger ist es deprimierend, dass alle seine Anlageprodukte gleichzeitig an Wert verloren haben.
Ich habe auch gedacht, dass man auf der sicheren Seite ist, wenn man seine Ersparnisse genügend streut und neben Finanzwerten auch Sachwerte wie Häuser oder Kunst kauft. Aber jetzt gehen alle Preise gleichzeitig nach unten. Die Immobilienpreise brechen ein: selbst in Dubai kriegen sie die Häuser nicht mehr los.
Wenn mehr Geld nicht glücklich, Geld verlieren aber unglücklich macht, macht denn wenigstens Geld ausgeben glücklich?
Wir wissen, dass Materialisten, die sehr auf das Geld aus sind, weniger glücklich sind als Idealisten, die sich weniger um ihr Einkommen kümmern. Wenn das Vermögen wächst, sind die Materialisten immer noch nicht zufrieden; denen reicht es nie. Die meisten Menschen erwarten zu viel vom Konsum und überschätzen das zukünftige Glück, das sie aus den materiellen Gütern ziehen.
Das klingt weihnachtlich. Was bringt mehr Glück als der Materialismus?
Das "relationale Glück". Das ist die Zufriedenheit, die wir aus Freundschaft, Familie und dem Umgang mit guten Bekannten ziehen.
Warum hält der Idealismus länger als der Materialismus?
Wer einen neuen Ferrari erworben hat, fühlt sich wie im Paradies - aber leider nur im ersten Moment. Nach zwei Wochen findet man den Schlitten ziemlich selbstverständlich. Das Glücksgefühl nutzt sich ab. Bei einem guten Freund oder einer Freundin ist das ganz anders. Die Freundschaft erleben wir immer wieder neu als belebend und bereichernd.
Die Glücksressourcen einer Freundschaft erschöpfen sich nicht.
Ja, es wird einem nie langweilig. Auch wenn man einander schon lange kennt. Das Blöde ist nur, dass wir das falsch voraussagen und das Materielle überschätzen.
Wie kommt das?
Wie ein neues Auto ist, können Sie sich besser vorstellen, als wie es sein wird, wenn Sie einem neuen Menschen begegnen.
Es wird also zu viel konsumiert?
So ist es. Weil die Menschen sich darüber täuschen, was ihnen da an Glück eingelöst wird.
Der Glücksökonom fängt an zu predigen.
Nein, das sind empirische Beobachtungen, wie die Menschen sind. Sie fällen gemäß ihren eigenen Ansprüchen falsche Entscheidungen. Wir Ökonomen können sie dann darüber aufklären, dass sie gar nicht das bekommen, was sie vom Konsum erwarten, und dass sie zu viel erwarten. Wir können ihnen sagen, dass es besser wäre, den Wert der Freizeit zu achten und Beziehungen zu pflegen.
Der Konsumwunsch ist die Triebfeder menschlichen Ehrgeizes. Wir wollen immer besser dastehen als der Nachbar. Gilt das plötzlich nicht mehr?
Ich würde es anders sagen. Das Gleichgewicht zwischen Arbeit für den Konsum und Muße für die Freundschaft ist gestört. Vor allem die Amerikaner arbeiten zu lange, haben dafür einen hohen Lebensstandard, sind aber nicht besonders glücklich. Heute gibt es eine Neubewertung darüber, wie wichtig Geborgenheit ist.
Sind die Menschen jetzt deshalb auf den Markt so böse, weil der Kapitalismus sein Glücksversprechen gebrochen und die Leute arm gemacht hat?
Da ist etwas dran. Aber wenn Sie zurückschauen, dann hat die Marktwirtschaft die Menschen ungemein bereichert.
Warum fühlen die Leute sich dann jetzt so unglücklich?
Abstrakt haben sie das Vertrauen in den Markt verloren. Wenn sie vor Weihnachten einkaufen gehen, dann vertrauen sie schon noch.
Verstehen Sie, dass viele Menschen auf Ökonomen und Journalisten böse sind, weil sie ihnen die verheerende Entwicklung dieser Krise nicht vorhergesagt haben?
Weder Ökonomen noch Journalisten sind Wahrsager. Wenn ich die Zukunft auf den Finanzmärkten voraussagen könnte, wäre ich Milliardär. Dann wäre schon alles vorweggenommen, und die Geschichte würde sich ganz anders entwickeln. Das Dumme an der Zukunft ist eben, dass sie in der Zukunft liegt und nicht sicher ist.
Wie sehr hat die Glücksforschung eigentlich die ökonomische Wissenschaft verändert?
Sie hat sehr vieles verändert. Wir wissen heute wieder, wofür die Wirtschaft eigentlich da ist. Das haben wir ein bisschen vergessen. Wirtschaft ist nicht um ihrer selbst willen oder um des abstrakten Ziels des Sozialprodukts willen da. Jetzt wissen wir wieder: Es geht um unser Wohlbefinden.
Der Glücksforscher
Er ist einer der wenigen deutschsprachigen Ökonomen, die international höchste Anerkennung genießen, er schreibt und redet eine verständliche und stilsichere Prosa, und er ist ein sympathischer Mensch. Ganz häufig ist diese Kombination nicht. Bruno Frey (67) ist sein ganzes Leben lang unglaublich produktiv. Mit 24 hat er promoviert, mit 28 wurde er Professor in Basel. Und weil die Universität Zürich, an der er seit 1977 lehrt, ahnt, was sie an ihm hat, hat sie seine Professur auch über das übliche Pensionsalter hinaus verlängert. Seit einigen Jahren widmet Frey sich mit Elan der neuen Glücksökonomie. Endlich weiß man, wozu Ökonomie da ist, warum Menschen systematisch Fehler machen und mit welchen Strategien sie sich selbst auf einen glücklicheren Pfad bringen können.
Das Gespräch führte Rainer Hank
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Michael Hauri
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Die Europäische Kommission fordert eine eigene EU-Steuer
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.488,25 | +0,13% |
| TecDAX | 749,78 | −0,03% |
| MDAX | 7.084,74 | +0,96% |
| SDAX | 3.465,16 | +1,09% |
| REX | 372,70 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.794,25 | +0,03% |
| Dow Jones | 10.023,40 | +0,17% |
| Nasdaq 100 | 1.730,76 | +0,56% |
| S&P500 | 1.069,30 | +0,25% |
| Nikkei225 | 9.789,35 | +0,74% |
| EUR/USD | 1,4904 | +0,21% |
| Rohöl Brent Crude | 76,72 $ | +0,33% |
| Gold | 1.096,75 $ | +0,71% |
| Bund Future | 120,85 € | −0,18% |