Selbstheilungskraft des Marktes

Der Kapitalismus und seine Krisen

Von Philip Plickert

Panik an der Wall Street: Derzeit beinahe schon ein vertrautes Bild

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20. September 2008 Krisen gehören zum Kapitalismus wie das Salz in die Suppe, sagen die einen - und meinen das durchaus freundlich. Der Kapitalismus taumelt von einer Krise in die nächste bis hin zur finalen Krise, sagen andere. Fangen wir mit den Apokalyptikern an, mit Karl Marx, dem großen Krisenpropheten.

Nach Marx zeichnet sich der moderne, fortschrittliche Kapitalismus dadurch aus, dass in ihm nicht mehr Waren gegen Waren, sondern zuletzt nur noch Geld gegen Geld gehandelt wird. In seiner Vorstellung ergaben sich aus den inneren Widersprüchen des Kapitalismus wiederkehrende Krisen, die immer schwerer und gefährlicher würden. Marx glaubte, das eigentliche Problem werde sein, dass die Profitrate mit fortschreitender Rationalisierung immer weiter sinken und die Nachfrage nach den Produkten der Kapitalisten schließlich ausbleiben werde - diese Prophezeiung hat sich als irrig erwiesen.

Eine ganz andere Sicht der Dinge hatte Joseph Schumpeter, der einige der wichtigsten theoretischen Beiträge zum Verständnis des modernen Kapitalismus geleistet hat. Nach Schumpeter gehören Krisen, das Aufkommen und auch Scheitern von Geschäftsideen sowie die Zerstörung von alten, überkommenen Unternehmen notwendig zum Kapitalismus dazu. Innovationen, die „kreative Zerstörung“ bewirken, sind der Treibsatz für Wohlstandsschübe.

Eisenbahn, IT und Finanzinnovationen

Die Eisenbahn ist das beste Beispiel. Als die ersten Strecken gebaut wurden, zeichneten Anleger wie wild die Anteilsscheine der Eisenbahngesellschaften. Die Kurse erlebten einen spektakulären Höhenflug, der Markt überhitzte - dann jedoch blieben die Erträge weit hinter den Erwartungen, die Kurse brachen ein. Viele Anleger verloren ihr Vermögen. Aber die Eisenbahn, eine der mächtigsten Innovationen der industriellen Revolution, blieb bestehen. Ähnlich lief es mit der Internet- und New-Economy-Blase zur Jahrtausendwende. Der Neue Markt ist gescheitert, und viele Anleger haben dort ein Vermögen verloren. Aber die durch den Schub der IT-Technologien ausgelöste Informationsrevolution und damit ein gewaltiger Nettowohlstandsgewinn bleiben erhalten.

Im Prozess der Krise sortiert der Markt die Spreu vom Weizen. Der Wettbewerb wirkt als „Entdeckungsverfahren“, wie es Friedrich August von Hayek ausdrückte, nach Schumpeter wohl der größte Theoretiker des Marktes.

Auch die Finanzbranche brachte immense Innovationen hervor. Finanzmärkte dienen dazu, Kapitalströme in die produktivste Verwendung zu lenken. Über allem liegt aber Unsicherheit: Niemand kann Erfolg oder Misserfolg neuer Innovationen und Investitionen sicher vorhersagen. Zudem sind die Informationen über Chancen und Risiken ungleich verteilt.

Markt- und Staatsversagen mischen sich

Daher neigen Finanzmärkte zu Instabilität, stärker als Gütermärkte. Im Überschwang neuer Innovationen neigen die Anleger zu Übertreibungen. Es bilden sich Blasen, die schließlich platzen. Auf den „Great Bull Market“ an der Wall Street in den zwanziger Jahren folgte der Schwarze Freitag im Oktober 1929; auf die Boomjahre in den asiatischen Tigerstaaten folgte der Zusammenbruch 1997 und 1998. Warum aber gab es in den dreißiger Jahren eine tiefe, lang andauernde Weltwirtschaftskrise, wogegen die asiatischen Tigerstaaten so schnell wieder auf die Beine kamen?

Die Antwort liegt wohl in der unterschiedlichen staatlichen Reaktion: In den dreißiger Jahren suchten die meisten Staaten ihr Heil in einer starken Regulierung des Marktes; sie schlossen die Grenzen für den Handel und wollten Preise und Produktion zentral bestimmen. In Amerika nahm der „New Deal“weite Teile der Wirtschaft unter staatliche Obhut. Noch 1936 betrug die Arbeitslosenquote in Amerika mehr als 15 Prozent. In Asien hielt man sich dagegen 1997 und 1998 zurück; die Märkte fanden einen Boden, und die Wachstumskräfte sprangen rasch wieder an. Heute sind die Narben der Asienkrise verheilt.

In jeder Krise mischen sich somit Markt- und Staatsversagen. Die derzeitige Krise war einerseits getrieben von der Gier der Banken, die komplexe Finanzprodukte entwickelten, die sie selbst nicht mehr verstehen und beherrschen konnten. Hinzu kam jedoch eine große Portion staatlicher Fehlanreize, etwa die billigen Leitzinsen nach 2001.

Hayek hätte vor zu viel Regulierung gewarnt

Erst sie ermöglichten die massenhafte Kreditaufnahme und die immer größeren Hebel für Finanzinvestments. Das Eingreifen der amerikanischen Notenbank Fed 1998 in der LTCM-Krise schuf zudem einen gefährlichen Präzedenzfall, da risikobereite Banker im Zweifelsfall auf staatliche Hilfe hoffen konnten. Und der Häuseraufschwung in Amerika war auch politisch gewollt; Eigenheime für jeden waren die Aufgabe der staatlich geförderten Hypothekenkonzerne Fannie Mae und Freddie Mac.

Nun brechen die Banken reihenweise zusammen. Die Regierung in Washington ist dabei, die halbe Bankenwelt praktisch zu verstaatlichen. Künftige Finanzinnovationen werden schärfer reguliert werden. Doch wird damit der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren in einer Weise gezügelt, deren Kosten den Nutzen möglicherweise übersteigen (davor hätte Hayek gewarnt). Noch hat der Kapitalismus sich aus jeder seiner Krisen selbst befreien können, staatliche Eingriffe waren oft eher schädlich.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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