Historische Finanzkrisen: Frankreich 1789

Die 30 Mädchen von Genf

Von Gerald Braunberger

20. Februar 2008 Die Französische Revolution von 1789 besaß mehrere Ursachen, die nicht allesamt ökonomischer Natur waren. Einer der Gründe für die Unruhe im Lande, die schließlich zur Revolution führte, war jedoch die verzweifelte Lage der französischen Staatsfinanzen.

Zur Überschuldung hatte neben der Gier der kriegslüsternen französischen Krone ein von Genfer Bankiers entwickeltes, damals außerordentlich erfolgreiches Finanzprodukt beigetragen: vom Staat gezahlte Leibrenten, deren Dauer von der Lebenserwartung von 30 jungen Mädchen aus dem Genfer Bürgertum („Trente Demoiselles de Genève“) abhing. Die Finanzierung des Staates durch die Aufnahme von Schulden war damals nicht ungewöhnlich und wurde nicht nur von Frankreich betrieben.

Es war nicht zuletzt das Geschäft mit Staatsschulden, das Bankhäuser wie Rothschild aufsteigen ließ und zur Entwicklung des Börsenhandels an vielen Finanzplätzen beitrug.

Teure Kriege ruinieren das Land

In Frankreich wurde die Lage in jener Zeit, die als Ancien Régime bezeichnet wird, kritischer als zum Beispiel in England. Die Staatsfinanzierung war schwierig, weil der Adel und die Kirche von der Steuerzahlung befreit waren und Steuererhöhungen im Rest der Bevölkerung unbeliebt waren. Als verheerend erwiesen sich jedoch vor allem die immensen Ausgaben für das Militär. In den Jahren zwischen 1689 bis 1789 befand sich Frankreich rein statistisch jedes zweite Jahr in einem teuren Krieg - meist gegen den alten Rivalen England.

Das Ancien Régime wäre vielleicht schon vor 1789 kollabiert, wenn nicht einzelne Finanzminister mit Erfolg versucht hätten, sein Leben zu verlängern. Der bedeutendste unter ihnen war Jacques Necker (1732 bis 1804), Sohn eines Anwalts aus dem pommerschen Küstrin und erfolgreicher Bankier in der Schweiz. In seiner ersten Amtszeit als Minister unter König Ludwig XVI. von 1776 bis 1781 gelang es Necker, die Steuererhebung zumindest zum Teil zu zentralisieren und damit effizienter zu gestalten.

Der Finanzminister als Totengräber des Regimes

Außerdem wirkte er auf Ausgabenkürzungen hin. Die Abhängigkeit der Staatsfinanzen von der Schuldenaufnahme vermochte allerdings auch er nicht zu beseitigen. „In 50 Friedensjahren ließe sich der Staat sanieren“, sagte er einmal, wohl wissend, dass es keine 50 Friedensjahre geben würde, weil Frankreich andauernd Kriege führte, die seine Finanzen stets aufs Neueste belasteten. So versuchte Necker, die Möglichkeiten des Staates zu verbessern, Geld aufzunehmen.

In seinen beiden letzten kurzen Amtszeiten in den Jahren 1788 und 1789 war es für Reformen schon zu spät. Neckers Bild in der Geschichte hat starken Schwankungen unterlegen. In den Jahrzehnten nach der Revolution und noch lange danach galt er als einer der Totengräber des Ancien Régime. Erst im vergangenen Vierteljahrhundert haben vor allem amerikanische Wirtschaftshistoriker ein günstigeres Bild gezeichnet.

Kapitalanlage und Lotterie zugleich

Ein wichtiges Finanzierungsinstrument für den Staat war die Zahlung von Leibrenten, die in unterschiedlichen Variationen existierten. Im Grundsatz lief es darauf hinaus, dass Bürger dem Staat einen Kapitalbetrag überließen und dafür Zahlungen erhielten, die bis zum Tode einer im Leibrentenvertrag genannten Person geleistet wurden. Diese im Vertrag genannte Person war meist der Empfänger der Leibrente, es war aber auch möglich, eine fremde Person, zum Beispiel den König von Preußen, anzugeben.

Eine spezielle Form der Leibrente waren die sogenannten „Tontines“, die es auch in England gab. Das Prinzip ging zurück auf einen italienischen Finanzier namens Tonti, der es im 17. Jahrhundert dem politisch einflussreichen französischen Kardinal Mazarin angeboten hatte. In einer „Tontine“ bündelten mehrere Anleger ihr Kapital, das sie dem Staat gegen die Zahlung einer Leibrente anboten. Der Trick bestand darin, dass jedes Mal, wenn ein Anleger starb, seine Leibrente an die überlebenden Anleger gezahlt wurde. Wer also alle anderen Partner überlebte, erhielt auch deren Leibrenten und war somit ein gemachter Mann. Eine „Tontine“ war Kapitalanlage und Lotterie zugleich.

Den Partner einfach ermorden lassen

Allerdings besaß sie einige Nachteile. Der Bezug einer Leibrente war zwar für den Anleger eine feine Sache, weil sie der Staat meist höher verzinste als eine Staatsanleihe. Aber aus der Sicht der Erben war eine Leibrente ihrer Eltern weniger attraktiv als eine Anleihe, die neben Zinszahlungen auch eine Rückzahlung des Kapitals vorsah. Außerdem waren die „Tontines“ der Tugend nicht förderlich. Da es für einen Anleger, der sich an einem solchen Produkt beteiligte, lohnend war, seine Partner zu überleben, luden die „Tontines“ dazu ein, Partner zu ermorden oder ermorden zu lassen. Aus diesem Grunde wurden sie später in Großbritannien verboten, und auch in Frankreich kam Tontis konkretes Produkt außer Mode.

Dafür revitalisierten Genfer Bankiers in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Prinzip der Leibrente mit überragendem Erfolg. Sie gingen von der einfachen Überlegung aus, dass Leibrenten für Anleger umso attraktiver sein mussten, je länger die Personen lebten, an denen sich die Dauer der Rentenzahlung durch den französischen Staat ausrichtete. Wer aber besaß eine längere Lebenserwartung als gesunde Mädchen aus dem Genfer Bürgertum, die gerade ihre Kinderkrankheiten hinter sich hatten?

Junge Mädchen als Messlatte für Wertpapiere

Die Bankiers suchten 30 gesunde junge Genfer Mädchen aus und entwickelten eine Leibrente, die vom französischen Staat so lange gezahlt werden sollte, bis das letzte der jungen Mädchen als alte Frau sterben würde. Auf der Basis dieses Produkts kauften die Genfer Banken zunächst mit eigenem Geld Leibrenten vom französischen Staat, die sie in handelbare Wertpapiere transformierten - modern würde man von einer Verbriefung von Forderungen sprechen. Diese Papiere waren bei Anlegern innerhalb und außerhalb Frankreichs sehr beliebt, da sie dank der erwartet langen Lebensdauer der 30 Mädchen eine besondere Qualität besaßen - heutzutage würde man sagen, sie besaßen ein sehr gutes Rating.

Die Popularität dieser und anderer Leibrentenprodukte hat wesentlich zu jener Überschuldung beigetragen, die das Ancien Régime wenig später in den Abgrund trieb. Mit leichter Übertreibung ließe sich sagen, dass die 30 Genfer Mädchen so indirekt zur Revolution von 1789 beitrugen. Allerdings fragt sich aus heutiger Sicht, warum sich der französische Staat und die Anleger auf dieses Abenteuer einließen.

Inflation hausgemacht

Die Anleger und ihre Banken wussten nicht um den Zustand der französischen Staatsfinanzen, da die wahren Zahlen das Geheimnis der Krone und ihres Finanzministeriums blieben. Transparenz, wie es sie heute gibt, existierte damals nicht. So war auch nicht bekannt, dass die Krone einen immer größeren Teil ihrer Schulden durch die Ausgabe zusätzlicher Banknoten finanzieren ließ. Der Staat wiederum nahm hemmungslos das Geld der Anleger, weil er andernfalls hätte Bankrott anmelden müssen. Eine langfristige Finanzplanung betrieb er sowieso nicht. Ob der anschließende Zusammenbruch vermeidbar war, ist unter Historikern umstritten.

Als die Lage ausweglos zu werden drohte, berief König Ludwig XVI. im Jahre 1789 zum ersten Mal seit 1614 die Generalstände ein; ein Gremium von Vertretern der drei Stände (Adel, Kirche und dritter Stand), das nur in Krisenzeiten zusammentrat. Die Vertreter des dritten Standes, die überwiegend das Bürgertum vertraten, nutzten die Schwäche der Krone, um ihre Macht auszubauen, was wenig später zur Revolution führte. Die vom Ancien Régime angehäuften Staatsschulden wurden wertlos, als die Währung in der Revolution kollabierte. Für geordnete monetäre Verhältnisse sorgte im Jahre 1800 Napoleon Bonaparte mit der Gründung der Banque de France.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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