Alan Greenspan

Der Magier wird entzaubert

Von Claus Tigges

21. April 2008 Alan Greenspan ist beleidigt. Der oberste amerikanische Währungshüter im Ruhestand fühlt sich zu Unrecht kritisiert, verantwortlich gemacht für die Häuserkrise, die Schwierigkeiten auf dem Markt für Hypothekendarlehen und die Spannungen im Finanzsystem, die vor einigen Wochen fast zum Zusammenbruch einer der führenden amerikanischen Investmentbanken geführt hätten. „Ich wurde gepriesen für Dinge, die ich nicht getan hatte, und jetzt wird mir die Schuld gegeben an Dingen, die ich nicht getan habe“, verteidigt sich Greenspan in diesen Tagen trotzig und fügt selbstbewusst hinzu, dass er auch nicht eine einzige seiner Entscheidungen aus mehr als 18 Jahren an der Spitze der mächtigsten Notenbank der Welt bereue. Greenspan, lange Zeit als „Magier“ und „Maestro“ der Geldpolitik verehrt, will nach eigenem Bekunden „die Dinge geraderücken“ – nicht so sehr, um seinen Platz in der Geschichte zu retten, sondern, wie er sagt, damit aus der aktuellen Krise nicht die falschen Lehren gezogen werden.

Was ist geschehen? Weil die amerikanische Wirtschaft zum ersten Mal seit sieben Jahren in eine Rezession geglitten ist (das ist auch Greenspans Einschätzung) und ein Ende der Häuserkrise nicht abzusehen ist, hat in Amerika die Suche nach den Schuldigen für die Misere begonnen. Und für eine Reihe von Beobachtern trägt die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank unter Alan Greenspan einen Großteil der Verantwortung. „Alan Greenspans Fingerabdrücke sind überall zu finden auf der schlimmsten Finanzkrise seit der Großen Depression“, sagt etwa Stephen Roach, langjähriger Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley.

Im Kreuzfeuer: die Politik des billigen Geldes

Die Argumentationskette Roachs und anderer verläuft so: Die Federal Reserve hat nach dem Zerplatzen der High-Tech-Blase auf den Aktienmärkten vor einigen Jahren die Zinsen schnell gesenkt in dem Bemühen, den entstandenen wirtschaftlichen Schaden zu beseitigen. Danach hat sie es aber versäumt, die Geldpolitik rechtzeitig zu straffen und aus einer falschen Sorge vor einer Deflation heraus viel zu lange zu viel Liquidität in die Wirtschaft gepumpt. Dieses Übermaß an Liquidität und die niedrigen Zinsen haben die Immobilienpreise immer weiter in die Höhe getrieben, zu den Fehlentwicklungen auf dem Markt für Hypothekendarlehen geführt und einer neuen Blase, der Immobilienblase, Vorschub geleistet. Und noch einen großen Fehler hat Greenspan nach Ansicht seiner Kritiker, zu denen seit einigen Tagen auch Greenspans Vorgänger Paul Volcker zählt, begangen: In seinem schier unerschütterlichen Glauben an den Markt habe Greenspan es versäumt, die Aufsichtsfunktion der Fed zu schärfen und die Regulierung an das sich schnell wandelnde Umfeld der Finanzmärkte anzupassen.

„Greenspans Vermischung von Politik und Ideologie hat zu einer schlechten Wirtschaftspolitik und einer Serie von Fehlern geführt, deren Schwere erst jetzt klar wird“, klagt Roach. Volcker, der Anfang der achtziger Jahre eine tiefe Rezession in Kauf nahm, um die hohen Inflationsraten der siebziger Jahre zu überwinden, formuliert es weniger direkt: „Das neue Finanzsystem mit all seinen schlauen und begabten Akteuren hat den Test eines Marktplatzes nicht bestanden.“

Greenspan: Blasen sind unvermeidlich

Greenspan lässt Vorwürfe dieser Art nicht auf sich sitzen. „Ich nehme es durchaus ernst, wenn auch frühere Mitstreiter und Kollegen sagen, ich hätte Tatsachen falsch dargestellt. Aber wo sind denn die Beweise? Viele Leute klagen mich nun aufgrund von Behauptungen an. Das ist unanständig.“ Greenspan gesteht zwar ein, dass er sich geirrt habe über die Wahrscheinlichkeit, dass eine Immobilienblase entstehen könnte, die nicht nur auf wenige lokale Märkte begrenzt ist, sondern weite Teile des Landes erfasst. Gleichwohl hält er an seiner Überzeugung fest, dass Blasen auf Märkten für Vermögenswerte, seien es Häuser oder Wertpapiere, unvermeidliches Kennzeichen einer dynamischen Wirtschaft seien. Es sei ein sich wiederholendes, aber doch unberechenbares Muster aus einem Überschwang unter den Investoren, dem dann eine Panik folge, sagt der inzwischen 82 Jahre alte Ökonom, der Ende Januar 2006 aus dem Amt geschieden ist. Damals ging es der Wirtschaft noch blendend, die Inflation war niedrig, und die Hauspreise und Aktienkurse kletterten in die Höhe.

Greenspan bleibt auch dabei, dass die Geldpolitik sich nicht erfolgreich gegen die Immobilienblase hätte stemmen können, selbst wenn sie es gewollt hätte. Denn es habe global einen Überschuss an Sparkapital gegeben, das um die Kreditvergabe konkurriert und dadurch die langfristigen Zinsen niedrig gehalten habe. Nicht nur in Amerika, sondern auch in Großbritannien oder Spanien seien Immobilienpreisblasen entstanden.

Greenspan: Es gab keine zuverlässigen Daten

Den Vorwurf, er habe die Vorzüge variabel verzinster Hypothekendarlehen gepriesen und darum Millionen von Hausbesitzern in finanzielle Schwierigkeiten gebracht, die nach der Erhöhung des Zinses die monatliche Belastung nicht mehr schultern können, lässt Greenspan ebenfalls nicht gelten. Schon wenige Tage nach einer entsprechenden Äußerung im Jahr 2004 habe er seine Aussage relativiert und auf die Bedeutung und Verlässlichkeit der herkömmlichen Hypothekendarlehen mit 30 Jahren Laufzeit und festem Zins hingewiesen, sagt Greenspan. Gegen das unbändige Wachstum der zweitklassigen Hypothekenkredite an Schuldner mit einer schlechten Bonität, die die Krise ausgelöst haben, sei die Fed damals auch deshalb nicht vorgegangen, weil ihr keine zuverlässigen Daten über dieses riskante Marktsegment vorgelegen hätten, entschuldigt Greenspan die Tatenlosigkeit.

Ganz offenkundig will der einstige Notenbanker verhindern, dass sein Ruf ruiniert wird zu einer Zeit, da er selbst die Dinge nicht mehr richten kann. Und es kommt ihm wohl auch darauf an, nun nicht seiner Ansicht nach falsche Schlüsse zu ziehen, die zu einer zu festen Regulierung der Märkte und zu einer Geldpolitik führen könnten, die das Entstehen neuer Preisblasen auf Kosten des Wachstums zu verhindern sucht. Aber von Äußerungen wie jener von Chris Dodd wird etwas hängenbleiben; der Vorsitzende des Bankenausschusses im Senat macht Greenspan für den Umstand verantwortlich, dass nun „Millionen über Millionen von Verbrauchern“ von der Zwangsversteigerung ihres Heims bedroht sind. Der Magier, so hat es den Anschein, wird in der aktuellen Finanzkrise ein Stück weit entzaubert.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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