Von Nico Fickinger und Karen Horn
20. Oktober 2007 Überall nur Punkte. Rote, gelbe, violette. Mal ist es nur eine Handvoll, mal ist der ganze Bildschirm mit ihnen übersät. Dieses kleine leuchtende Weltall sollen Sonja und Carolin mit einem Blick erfassen: Wie viele Punkte sind es? Nur für Sekundenbruchteile ist das Bild erkennbar, dann taucht die Frage auf: > 24? (in Worten: mehr als 24?). Blitzschnell müssen die beiden Mädchen entscheiden. Kaum haben sie den Ja- oder Nein-Knopf in ihrer Hand gedrückt, erhalten sie schon die Auflösung des Rätsels - und, falls sie korrekt getippt haben, ihre Belohnung.
Diesmal liegen beide richtig. Doch die Erfolgsprämie fällt unterschiedlich aus: Während Sonja 59 Euro verdient, muss sich Carolin mit 31 Euro begnügen. Ist das gerecht? Viel Zeit zum Nachdenken oder Ärgern bleibt nicht. Schon flammen die nächsten Flecken auf dem Bildschirm auf, und das Prozedere beginnt von vorn: die Punktwolke schätzen, sich für eine Antwort entscheiden, die Taste drücken, die Auswertung sehen und die Belohnung kassieren. Dieser Versuch wiederholt sich beinahe im Sekundentakt, etwa 70 Minuten lang. Dann werden Sonja und Carolin endlich aus der Röhre gezogen - ein wenig schläfrig, benommen vom monotonen Dröhnen des Magnetresonanztomographen und ermattet vom hundertfachen Entscheiden und Tastendrücken.
Der Homo oeconomicus? Zu unrealistisch
Die beiden Forscher, die das Experiment betreuen, sind dagegen hellwach. Sie betreten gerade wissenschaftliches Neuland. Hier, in der Universitätsklinik auf dem Bonner Venusberg, verschmelzen Medizin und Wirtschaft zu einer neuen Forschungsrichtung, der Neuroökonomie. Das MRT-Zentrum der Life & Brain GmbH, einer Ausgründung aus der Bonner Universitätsklinik, bietet dafür ideale Voraussetzungen. Es ist die einzige Einrichtung in Deutschland, in der parallel zwei Kernspin- und Magnetresonanztomographen - sogenannte Brainscanner - ausschließlich zu Forschungszwecken genutzt werden können, erläutert Bernd Weber, der als Arzt die Plattform Neuro Cognition leitet. Meist nutzen die Mediziner dieses Angebot. An diesem Tag aber ist Armin Falk zu Gast, Ökonomieprofessor an der Universität Bonn.
Falk ist den Gesetzmäßigkeiten auf der Spur, die dem menschlichen Handeln zugrunde liegen. Die Abstraktion des Homo oeconomicus, den die herkömmliche ökonomische Theorie einfachheitshalber unterstellt, geht ihm zu weit. Denn diesen angeblich stets rational kalkulierenden und entscheidenden, eigeninteressierten und seinen Nutzen auch kurzfristig stets maximierenden Teilnehmer am Wirtschaftsleben gibt es in der Wirklichkeit nur selten. Wenn sich Menschen aber regelmäßig anders verhalten, als es die Theorie voraussetzt, dann ist diese nicht ausreichend komplex - und man kommt möglicherweise zu falschen Vorhersagen.
Was bewegt den Menschen wirklich?
Wer die Aussagekraft der Modelle erhöhen will, muss also herausfinden, was den Menschen wirklich bewegt. Mit Hilfe von Experimenten im Computerlabor testet Falk daher, wie rational und unmittelbar eigeninteressiert sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten. Und neuerdings spürt er hier auf dem Venusberg auch noch den neurophysiologischen Mechanismen nach, die Menschen gegebenenfalls zu einem abweichenden Verhalten bewegen. Dabei hilft ihm die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT). Mit ihr lässt sich nachweisen, wie belohnende Reize im menschlichen Gehirn verarbeitet werden. Die Wissenschaftler wissen, dass wichtige Strukturen des Belohnungssystems im Mittelhirn, in den Basalganglien und im basalen Vorderhirn liegen. Sie wissen aber nicht, wie die beiden Probanden darauf reagieren, wenn sie nicht nur die Höhe ihrer eigenen Belohnung, sondern auch jene der anderen Testperson erfahren.
Im Experiment messen Weber und Falk daher, mit welcher Aktivität das Gehirn von Sonja und Carolin diese Informationen verarbeitet. Wirkt das Belohnungssystem aktivierend oder nicht? Dem reinen, schlichten Homo oeconomicus dürfte die Höhe der zweiten Belohnung gleich sein, da er ausschließlich an der absoluten Höhe seiner eigenen Zahlung interessiert ist. Die fMRT dürfte also keinen Unterschied in der Aktivierung zeigen, wenn die Belohnung der anderen Testperson verändert wird. Hat der vermeintliche Homo oeconomicus dagegen auch soziale Züge, sind andere Varianten denkbar: Wenn er statusorientiert ist, müsste sein Belohnungssystem umso stärker aktiviert werden, je höher der relative Lohn im Vergleich zum Partner ist. Wenn er Egalität für wichtig hält, müssten die Reize dann besonders stark sein, wenn seine Belohnung genauso hoch ist wie die der anderen Testperson.
Es wird die Ökonomie radikal verändern
Sonja und Carolin haben von alledem keine Ahnung - und sie sollen es auch nicht. Sie nehmen an dem Experiment nur teil, um Geld zu verdienen. Was Weber und Falk mit ihrer Hilfe zeigen wollen, ist simpel, aber wichtig: Der Mensch vergleicht sich mit anderen. In das individuelle Nutzenempfinden, so die These der Wissenschaftler, geht nicht nur ein, ob Carolin 31 Euro erhält oder nicht, sondern auch, ob Sonja für die gleiche Arbeit mehr oder weniger Geld bekommt als sie selbst. Mit Hilfe des MRT erfahren Weber und Falk, was sich dann tatsächlich im Kopf abspielt. Wir haben es hier mit einer unmittelbaren hirnphysiologischen Reaktion zu tun, die nicht durch rationale Überlegungen verzerrt ist. Dadurch erhalten wir eine neue, unabhängige, kognitiv nicht verzerrte Variable, begeistert sich Falk. Hier sieht man völlig unverstellt die unmittelbare Reaktion. Das muss auch die Skeptiker überzeugen. Und es wird die Ökonomie radikal verändern.
Das klingt vielleicht ein wenig zu enthusiastisch. Die Quantitätstheorie des Geldes oder die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung müssen deshalb nicht umgeschrieben werden. Doch es gibt Bereiche des Wirtschaftslebens, in denen Vergleiche eine große Rolle spielen, im Konsumverhalten zum Beispiel oder im Zusammenhang mit der Entlohnung. Die neuroökonomische Forschung ermöglicht hier ein realistischeres Verständnis der menschlichen Motivation - und eine bessere Prognose des menschlichen Handelns.
Misstrauen: Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung
Für die Unternehmen ergeben sich aus den Erkenntnissen der Behavioral Economics neue Spielräume. Entscheidend für das Wohlbefinden der Mitarbeiter sei beispielsweise nicht nur die Höhe des eigenen Gehalts, sondern auch die Lohnstruktur des Unternehmens, betont Falk. Manch ein Personalchef tut daher gut daran, nicht zu verraten, wie viel die anderen verdienen. Oder ins Positive gewendet: Unternehmen brauchen ihre Mitarbeiter nicht nur durch mehr Geld, Boni oder Aktienoptionen dazu anzutreiben, mehr Leistung zu erbringen. Sie sollten auch nicht durch Kontrollen und Sanktionen versuchen, einem Leistungsschwund vorzubeugen: In vielen Fällen lässt sich der Mensch als soziales Wesen auch durch Fairness und Vertrauen motivieren. Je weniger er kontrolliert wird und je gerechter er sich im Vergleich zu den Kollegen behandelt fühlt, desto bessere Leistungen erbringt er.
Auch dies sieht Falk durch ein konkretes Experiment belegt: Jeder Mitarbeiter hat 120 Punkte, die er für seinen Arbeitgeber oder sich selbst einsetzen kann. Der Arbeitgeber wiederum kann den Mitarbeiter frei entscheiden lassen oder einen Mindestarbeitseinsatz von 10 Punkten festlegen. Griffe die enge Eigennutzthese der traditionellen Ökonomik, dann würde der Arbeitnehmer immer den geringstmöglichen Einsatz wählen; für den Arbeitgeber, der leer ausginge, würde sich insofern die Kontrolle auszahlen, weil er dann wenigstens den Mindesteinsatz erhielte. Im Experiment freilich setzen die Mitarbeiter deutlich mehr Punkte ein, wenn der Arbeitgeber ihnen vertraut, als unter einem System der Kontrolle. Das Misstrauen wird also zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Es gibt Dinge, die tut man nicht
Was für ein einzelnes Unternehmen gilt, lässt sich mit einigem Mut auch auf ein ganzes Land übertragen. So gibt es beispielsweise eine Vielzahl von sozial allgemein anerkannten Wertvorstellungen, Verhaltensregeln und anderen informellen Institutionen, die entscheidend dazu beitragen, dass Menschen miteinander klarkommen und dass sich Wirtschaft und Gesellschaft gedeihlich entwickeln: Es gibt Dinge, die tut man nicht, und andere, die gehören sich. Aus einem reinen Homo-oeconomicus-Kalkül lässt es sich häufig nicht erklären, dass sich Leute an hergebrachte Moralkodizes halten, obwohl sich das für sie unmittelbar gar nicht auszahlt. Wenn es jenseits des Rechenbaren aber tatsächlich ein Bedürfnis nach Fairness, eine Neigung zu Solidarität und spontan funktionierende Mechanismen der sozialen Kontrolle gibt, dann sind gesetzliche Gebote und Verbote und ein organisiertes kollektives Handeln in vielen Fällen gar nicht notwendig oder sogar schädlich - und der Staat kann sich zurückhalten. Wenn die Politik aber handeln muss, dann tut sie gut daran, die Reaktionen der Bürger realistisch einzuschätzen. Zum Beispiel im Zusammenhang mit der Besteuerung. Auch hier sind Referenzgrößen - die Steuerlast der anderen - wichtig, auch hier spielt es eine Rolle, ob Kontrolle ausgeübt oder Vertrauen gewährt wird. Wenn man all dies berücksichtige, lasse sich - theoretisch jedenfalls - ein als wirklich gerecht empfundenes Steuersystem entwickeln, sagt Falk.
Doch das ist Zukunftsmusik. Noch steckt die Neuroökonomie in den Kinderschuhen. Statt auf dem Venusberg hält sich Falk die meiste Zeit im Bonn Econ Lab auf, einem spartanisch eingerichteten Raum im Keller des Bonner Juridicums. Hier in dem Labor, das einst der Nobelpreisträger Reinhard Selten gegründet hat, führt Falk seine computergestützten Experimente durch - sozusagen als Vorstufe zur Neuroökonomie. Wie in Wahlkabinen sitzen dort bis zu 24 Probanden vor ihren Bildschirmen. Grau sind die Trennwände und die Tische, blau die Vorhänge und die Bürostühle, schwarz die Computer. Sonst ist alles kahl. In dieser freudlosen Umgebung, die keinerlei Ablenkung bereithält, wird mit dem menschlichen Verhalten in Entscheidungssituationen experimentiert, hier versuchen die Forscher herauszufinden, inwieweit menschliche Entscheidungen neben dem reinen ökonomischen Kalkül auch von Gefühlen wie Missgunst, Neid, Fairness sowie von der Erwartung eines gerechten Verhältnisses zwischen Leistung und Gegenleistung (Reziprozität) abhängen.
Die Motivation ist nicht eindimensional
Falk kennt die Vorbehalte, die gegen die Behavioral Economics vorgebracht werden. Sind die Studenten, aus denen sich die Testpersonen rekrutieren, wirklich repräsentativ? Lassen sich die Ergebnisse verallgemeinern? Sind nicht jene, die an einem Experiment teilnehmen, von vornherein sozialer und offener gegenüber ihrer Umgebung? Muss man nicht befürchten, dass sie sich genau so benehmen, wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet werde? Ist nicht langfristig ein kooperatives Verhalten allemal lohnender als nüchtern kalkulierender Egoismus?
Falk hat alle diese Einwände schon oft gehört - und versucht sie zu entkräften. Immerhin kann man zeigen, dass die Motivation nicht eindimensional und die soziale Motivation ganz entscheidend ist. Das gelte zwar nicht ausnahmslos für alle Probanden. Es gibt auch den knallharten Homo oeconomicus, und nicht einmal selten, sagt Falk und freut sich darüber. Dessen scharfem Kalkül nämlich ist es zu verdanken, dass der Wettbewerb funktioniert, die Preise purzeln und jemand wie Falk sich nicht jede Woche einen günstigeren Telefonanschluss suchen muss. Dass viele andere Menschen aber nicht dem verengten ökonomistischen Bild entsprächen, entziehe der These vom Homo oeconomicus den Boden.
Die menschliche Natur ist voller Überraschungen
Auch die Auswahl seiner Probanden kann Falk rechtfertigen. Natürlich seien Studenten eine weitgehend homogene Gruppe: ähnlich alt, zumeist aus ähnlichen sozialen Schichten, in einem ähnlichen Umfeld lebend. Aber die qualitativen Einsichten der Studenten gelten auch für andere Bevölkerungsgruppen, hat Falk ermittelt. Zudem haben sich viele Ergebnisse auch in repräsentativen Studien nachweisen lassen. Auch eine Verzerrung durch das Wissen, bloß an einem Experiment teilzunehmen, sieht Falk nicht. Als Beleg dient ihm eine Studie aus der Schweiz, der keine Spielsituation, sondern ein Realexperiment zugrunde lag: Zusammen mit der Organisation Terre des Hommes hat er Spendenaufrufe für Straßenkinder in Bangladesch verschickt. Einigen legte er nichts bei, anderen eine Postkarte und ein Bild, der dritten Gruppe jeweils vier Postkarten und Bilder. Das Ergebnis: Die Spendenbereitschaft war in der dritten Gruppe um 75 Prozent höher als in der ersten. Keiner der Angeschriebenen wusste, dass er an einem Experiment teilnahm und Teil einer Studie war. Die so zutage geförderte Erkenntnis, dass vielen Menschen Reziprozität wichtig ist, können sich jetzt alle Fundraiser und Hilfsorganisationen dieser Welt zunutze machen - indem sie ihrem Spendenaufruf einfach immer ein Geschenk beilegen.
Auch Sonja und Carolin wussten nicht, weshalb sie in der Röhre lagen. Gleichwohl hat es ihnen Spaß gemacht, an dem Experiment teilzunehmen. Das Ergebnis: Wenn beide denselben Lohn erhalten, macht es kaum einen Unterschied, ob dieser 30 oder 60 Euro beträgt. Gleichheit ist beiden offenbar wichtiger als die absolute Höhe der Belohnung. Diese ist erst dann entscheidend, wenn eine der beiden doppelt oder halb so viel Geld bekommt wie die andere. Die menschliche Natur ist eben voller Überraschungen.
Text: F.A.Z., 20.10.2007, Nr. 244 / Seite 13
Bildmaterial: Edgar Schoepal - F.A.Z.
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