Die Zahl der wirtschaftswissenschaftlichen Experimentallabors in Deutschland nimmt stetig zu. Mittlerweile gibt es schon fast zwanzig. Anfang Juli ist in Göttingen ein neues eröffnet worden. Reinhard Selten, der einzige deutsche Nobelpreisträger für Ökonomie, kam zur Einweihung. Das Labor im sechsten Stock des "Blauen Turms", einem Zweckgebäude aus den siebziger Jahren mitten auf dem Uni-Campus, besteht aus zwei Räumen, in denen kleine Kabinen mit Computern stehen. Ergänzt um mobile Kabinen, soll das Laboratorium für Versuche mit bis zu 200 Personen genutzt werden können.
Der mittlerweile 79 Jahre alte Spieltheoretiker Selten freut sich über die "great honor", dass er schon wieder ein Labor einweihen darf. Er lächelt etwas verlegen, dann hebt er die große Schere und trennt ein dünnes rotes Band durch. In wenigen Tagen kommen die ersten Versuchspersonen, überwiegend Studenten. Dann beginnen die Experimente, kündigt Claudia Keser an, eine Schülerin Seltens, die seit kurzem Professorin in Göttingen ist. Die Freude ist ihr anzumerken, dass sie in der wachsenden Schar der Experimentalökonomen mitspielen kann.
Mit seinem Lehrer Heinz Sauermann in Frankfurt war Reinhard Selten der wohl wichtigste Pionier für ökonomische Verhaltensforschung. Schon früh zweifelte er an den klassischen Annahmen der Ökonomen, dem Menschenbild des "Homo oeconomicus", der vollständig rational agiert und gemäß einer inneren Präferenzordnung seinen Nutzen maximiert. "So ein Quatsch, Sie haben doch keine Nutzenfunktion im Kopf, um dann auszurechnen, wie Sie Ihren Nutzen optimieren", sagt Selten ein wenig ärgerlich. Die Entscheidungsmechanismen seien ganz andere.
Um diese empirisch zu untersuchen, begann er mit Experimenten. 1983 richtete Selten in Bonn das erste Labor der Welt mit aufwendiger elektronischer Unterstützung ein, an dem ökonomische Experimente durchgeführt wurden, darunter Entscheidungsspiele, Verhandlungen, Auktionen. "Für die ersten einfachen Experimente, ein Kooperationsspiel mit drei Leuten, mussten wir monatelang die Computer programmieren", erzählt Selten. Inzwischen haben mehr als 25.000 Versuchspersonen das Bonner Labor durchlaufen.
Seit einigen Jahren erlebt die experimentelle Wirtschaftswissenschaft einen enormen Aufschwung weltweit - und deutsche Forscher sind ganz vorn mit dabei. "In der Experimentalökonomik sind deutschsprachige Ökonomen äußerst erfolgreich und nach den Amerikanern die zweitwichtigste Gruppe", sagt der Magdeburger Professor Joachim Weimann, der Vorsitzende der Gesellschaft für experimentelle Wirtschaftsforschung (GfeW). Innerhalb der ökonomischen Disziplin nehme der Stellenwert der Experimentalen ständig zu.
Mehr als 20 Prozent der akademischen Ökonomen im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich schon mit Experimenten, schätzt Friedrich Schneider, der die Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS) im vergangenen Herbst dem Thema widmete. Weimann verweist auf die vielen renommierten Preise, die in den vergangenen Jahren an experimentell arbeitende Ökonomen gingen, etwa die Leibniz-Preise an Axel Ockenfels von der Universität Köln und Armin Falk, der inzwischen Direktor des Bonner Labors ist, sowie die Gossen-Preise an Ernst Fehr, Klaus Schmidt und Simon Gächter.
Auch nach der Zahl der Laboratorien ist Deutschland führend auf der Welt. Die GfeW führt sieben auf, doch ist ihre Liste nicht vollständig. Nach einer Aufstellung von Ökonomen der Universität von Montpellier gibt es viel mehr: neben den großen und bekannten Labors wie in Bonn, Köln und Jena etwa in Erfurt, Magdeburg, Mannheim, München, Konstanz, Kiel, Berlin, Oldenburg, Clausthal-Zellerfeld und Essen, wo die junge Professorin Jeanette Brosig Anfang 2009 ein gut ausgestattetes Labor zur Kommunikationsforschung mit schalldichten Kabinen eingerichtet hat.
Nur die Vereinigten Staaten haben noch mehr zu bieten. Nach der Montpellier-Liste gibt es 63 Labors in Amerika, darunter sehr große und renommierte. Fast gleichzeitig mit Reinhard Selten hat in den fünfziger Jahren der Amerikaner Vernon Smith an der Purdue-Universität mit einfachen Experimenten begonnen. Smith ließ seine Studenten im Klassenzimmer eine sogenannte doppelte Auktion durchspielen. Dabei stellte sich heraus, dass die herkömmliche, neoklassische Theorie der Preisbildung auf Märkten das experimentelle Resultat erstaunlich gut vorhersagte.
"Die Amerikaner um Smith wollten die neoklassische Theorie bestätigen und mit Experimenten untermauern", erinnert sich Selten. Er hingegen sucht die Situationen, in denen die neoklassische Theorie versagt, die vom "Homo oeconomicus" ausgeht, der sich strikt rational und eigennützig verhält. "Die derzeitige Krise hilft uns", sagt er, "jetzt wird die Rationalitätshypothese noch stärker hinterfragt." Die Spekulation auf Finanzmärkten könne man schwerlich strikt rational nennen. Die Akteure dort überschätzen oft die künftigen Gewinnaussichten, wie auch Vernon Smith in neueren Experimenten gezeigt hat. Hätte die Welt auf den Yale-Professor Robert Shiller, einen bekannten Verhaltensökonomen, gehört, wäre sie von der aktuellen Wirtschaftskrise vielleicht nicht ganz so hart getroffen worden - Shiller warnte als einer der Ersten vor der Preisblase am amerikanischen Häusermarkt, deren Platzen den weltweiten Wirtschaftsabschwung einleitete.
Die Ergebnisse der Experimentalökonomen zeigen den Menschen von seiner allzu menschlichen Seite: Er ist von Gefühlen und Neigungen, nicht allein von der Ratio bestimmt. Neben dem Streben nach Eigennutz gibt es auch andere Motive, die sein Handeln leiten: Altruismus, Fairness- und Gerechtigkeitserwägungen. Das Ziel der Verhaltensökonomik sei, eine allgemeine Theorie des menschlichen Verhaltens zu finden, hat der Münchner Spieltheoretiker Klaus Schmidt auf der vergangenen VfS-Jahrestagung gesagt. "Das ist ein bisschen wie die Suche nach dem heiligen Gral."
Bis zu einer universellen Theorie - so sie denn möglich ist - braucht es wohl noch viele Experimente, die in den Labors durchgespielt werden. Im Göttinger "Blauen Turm" wird Claudia Keser zunächst mit Varianten des sogenannten "Trust game" beginnen. Dabei geht es um die Frage, ob man anderen Vertrauen schenkt und ob diese vertrauenswürdig sind. Das Vertrauen der Ökonomen, dass ihre Experimente trotz der künstlichen Atmosphäre im Labor zur Erklärung der Welt nützlich sind, steigt stetig - und hat auch schon reichen Erkenntnisgewinn gebracht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Pein, F.A.Z.-Tresckow
EU erwägt neutrale ![]()
3-D-Kino: Entscheidung für die billigere Variante
Arbeitsmarkt: Die Zahlen schrumpfen, die Probleme bleiben
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 6.102,06 | −0,53% |
| TecDAX | 764,96 | −0,86% |
| MDAX | 8.358,93 | −0,55% |
| SDAX | 4.140,21 | −0,01% |
| REX | 388,67 | −0,04% |
| Eurostoxx 50 | 2.734,96 | −0,65% |
| Dow Jones | 10.467,20 | −0,29% |
| Nasdaq 100 | 1.860,30 | −0,66% |
| S&P500 | 1.101,53 | −0,42% |
| Nikkei225 | 9.537,30 | −1,64% |
| EUR/USD | 1,3018 | −0,45% |
| Rohöl Brent Crude | 77,08 $ | −0,35% |
| Gold | 1.162,50 $ | +0,48% |
| Bund Future | 128,39 € | +0,18% |