Euro auf Rekordniveau

Die schöne Seite der Euro-Aufwertung

Von Stefan Ruhkamp

10. April 2008 Der internationale Preisvergleich beginnt in der Heimat. Amüsiert lächelt die Verkäuferin im Frankfurter Juweliergeschäft: Natürlich sei die Rolex nicht die teuerste Uhr im Angebot. Da habe sie ganz andere Preislagen zu bieten. Aber für den weltweiten Vergleich seien die Schweizer Uhren gar nicht so schlecht geeignet. Denn egal ob in Tokio, London, New York oder Zürich – der Käufer von Welt könne überall das gleiche Modell erwerben. Also kommt das gute Stück in unseren Warenkorb – genauer gesagt die Herrenarmbanduhr Oyster Perpetual GMT-Master II, und zwar das Edelstahl-Modell, mit Gelbgold wäre es noch mal ein gutes Monatsgehalt kostspieliger.

Der virtuelle Korb soll möglichst homogene Güter enthalten, die überall in gleicher Qualität verkauft werden. Rechnet man die in der jeweils örtlichen Währung gezahlten Preise in Euro um, gibt das ein Gefühl dafür, ob und wie stark der Außenwert des Euro über- oder unterbewertet ist. Um es vorwegzunehmen: Der Einkauf ist in New York besonders vorteilhaft, sieht man einmal von den Flugkosten ab. Diese Einschränkung gilt natürlich auch für die Fernreise nach Tokio, das ebenfalls recht günstig ist– vor allem, wenn der europäische Besucher Fleischbrötchen mag und Unterhaltungs-Elektronik einkaufen will. London und Zürich sind dagegen im Durchschnitt weniger interessant.

Der Warenkorb wird mit dem Big Mac komplettiert

Doch der Reihe nach: Wonach soll es den Weltreisenden gelüsten? Ohne IPod – das ist ein Musikabspielgerät im Westentaschenformat – gehe gar nichts, behauptet der Technikbegeisterte und schlägt noch den Kauf einer Digitalkamera und eines auf DVD gespeicherten Kinofilms vor. Der Weinkenner interessiert sich für die Champagnerpreise. Nach Schuhen der Marke Puma und Eau de Toilette von Armani verlangen die Kolleginnen. Allerdings stellt sich später heraus, dass die Duftwässerchen in Tokio andere sind als in New York, weshalb Armani wieder gestrichen wird. Das Gleiche gilt für die Jeans Levis 501, für die unterschiedliche Preise zu zahlen sind, je nachdem wie sie gefärbt oder sonst wie veredelt sind.

Komplettiert wird der Warenkorb mit dem Big Mac, einem gebratenen Stück Hackfleisch, das die amerikanische Gastronomiekette McDonald’s zwischen zwei Brötchenhälften legt und mit einigen Salatblättchen serviert. In den 120 Ländern, in denen McDonald’s mit Restaurants vertreten ist, variieren Geschmack und Konsistenz kaum, wohl aber die Preise. Das hat das britische Wirtschaftsmagazin Economist vor gut zwanzig Jahren auf die Idee gebracht, einen Big-Mac-Index für den Dollar zu berechnen. Dafür werden die weltweite Burger-Preise in Dollar umgerechnet, um auf Über- und Unterbewertungen der amerikanischen Währung schließen zu können.

Der Index wird seitdem im April jedes Jahres aktualisiert, stets begleitet von einem launigen Artikel. Der Economist betreibt die „Burgernomics“ zwar ohne den Ernst der exakten Wissenschaft, zeigt sich aber auch nicht ohne Stolz auf die Aussagekraft. Denn in den vergangenen Jahren haben die Preisvergleiche immer wieder bemerkenswerte Hinweise auf die weitere Entwicklung der Währungskurse gegeben. Im April 2002 zum Beispiel, als ein Euro auf den Devisenmärkten nur noch 90 amerikanische Cent kostete, hieß es im „Economist“, der „mächtige Dollar“ sei nach Maßgabe des Hamburger-Standards überbewertet und werde früher oder später taumeln. Seitdem hat sich der Außenwert des Dollar im Vergleich zum Euro nahezu halbiert.

Der Euro kostet derzeit rund 80 britische Pence

Hinter dem internationalen Vergleich der Preise für homogene Güter steht die Theorie der Kaufkraft-Parität. Ihre Anhänger vermuten, es müsse doch langfristig ein Gleichgewicht der Währungskurse geben, bei dem die Kosten für einen Korb identischer Güter und Dienstleistungen in aller Welt auf einem Niveau liegen. Die Kritik an dem Konzept liegt auf der Hand: So sind nicht alle Güter international handelbar, schon gar nicht der Big Mac von McDonald’s, den man – wenn man ihn überhaupt verträgt – am besten sofort isst. Für andere Güter gibt es Steuern und Zölle, die das Gleichgewicht stören. Oder unterschiedliche Gewinnmargen und Löhne verzerren das Bild.

Trotz alledem schwören manche Ökonomen auf die Kaufkraftparität. Sie gebe auf kurze Sicht zwar keine verlässlichen Hinweise, aber langfristig könne sie insbesondere bei starken Abweichungen vom vermuteten Gleichgewicht helfen, den Trend zu erkennen. Die DZ Bank zum Beispiel ermittelt die Kaufkraftparitäten durch den Vergleich der Inflationsraten. Demnach müsste der Euro langfristig eigentlich mit rund 1,20 Dollar gehandelt werden und nicht wie derzeit mit knapp 1,60 Dollar. Auch das Pfund scheint demnach unterbewertet. Der Euro kostet derzeit rund 80 britische Pence, statt der von der DZ Bank ermittelten Kaufkraftparität von 70 Pence.

Champagner kostet in New York 30 Prozent weniger als in Frankfurt

Und was ergibt der Feldversuch in den Kaufhäusern von Frankfurt, New York, Tokio, Zürich und London? Vor allem eine starke Unterbewertung des Dollar. Wer Champagner, Elektrogeräte und die anderen ausgewählten Güter erwerben will, zahlt in New York rund 30 Prozent weniger als in Frankfurt. Der Yen ist – nimmt man den willkürlich mit sieben Produkten gefüllten Warenkorb ernst – um 17 Prozent unterbewertet zum Euro. Berücksichtigt man auch noch, dass Japaner DVDs stets im aufwendigeren Paket bevorzugen und „Fluch der Karibik III“ deshalb nur mit eine Extra-Scheibe verkauft wird, ist die Abweichung sogar noch etwas größer. Schweizer Franken und britisches Pfund scheinen relativ fair bewertet zu sein und liegen etwa 3 Prozent unter der Kaufkraftparität.

Allerdings ist auch hier das Gesamtergebnis durch einige Ausreißer bestimmt. In Zürich ist der Besuch eines Schnellrestaurants zum Beispiel traditionell besonders kostspielig. In London kommt es zudem darauf an, wo man einkauft: Der Londoner kauft gern bei John Lewis ein. Das Kaufhaus gilt als etwas muffig, dafür aber als preiswert. Wohlhabende Araber fühlen sich im Nobelkaufhaus Selfridges in der Oxford Street am besten aufgehoben. Unkundige Ortsfremde verschlägt es meist zu Harrod’s in South Kensington, und sie zahlen – so behaupten es Londoner – am meisten von allen. Dauert der Abwärtstrend des Pfund noch eine Weile an, dürfte das aber auch nicht mehr wesentlich ins Gewicht fallen.

Die Korrespondenten der F.A.Z. haben sich auf eine Einkaufstour begeben und die Preise für eine Reihe von Luxusgütern sowie ein Fleischbrötchen verglichen: Der internationale Einkauf lohnt sich. Besonders günstig ist es in New York. Kein Wunder, binnen Jahresfrist hat der Euro in der Relation zum Dollar um fast 20 Prozent aufgewertet. Im Vergleich zum Rekordtief im Jahr 2000, als ein Euro für gut 80 amerikanische Cent zu haben war, hat sich der Außenwert der europäischen Gemeinschaftswährung sogar nahezu verdoppelt. Außerdem verzichtet der amerikanische Staat neuerdings bei Kleidungsstücken und Schuhen, die weniger als 110 Dollar kosten, auf die Mehrwertsteuer. Auch der Wechselkurs zum Pfund hat nun ein Rekordhoch erreicht. Ein Euro kostete am Donnerstag 80 britische Pence, mehr als je zuvor. Und dennoch wirkt das Pfund im Vergleich zum Euro, gemessen an den Preisen für Champagner, iPod und Big Mac, nicht allzu stark unterbewertet. Das gilt schon eher für den japanischen Yen, der hat zwar in den vergangenen zwölf Monaten kaum abgewertet. In Euro gerechnet, sind viele Preise aber dennoch recht günstig.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Ulmer

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 5.326,63 -1,12
TecDax 573,04 -5,15
DowJones 9.447,11 -5,11
Nasdaq 1.754,88 -5,80
STOXX 50 2.878,82 +0,22
Nikkei 225 9.203,32 -9,38
S&P 500 Zert. 10,50 -1,78
Euro/Dollar 1,36 +0,49
Bund Future 117,47 +0,16
Gold 905,20 +1,88
Öl 85,76 -1,06
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche