13. Oktober 2008 Der diesjährige Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geht an den Amerikaner Paul Krugman. Der 55 Jahre alte Ökonom lehrt als Professor an der Universität Princeton und ist einem breiten Publikum als Kolumnist und Buchautor bekannt geworden. Krugman erhält den mit 10 Millionen schwedischen Kronen (umgerechnet eine Million Euro) dotierten Preis für seine Außenhandelstheorie, erklärte die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften am Montag in Stockholm.
Politisch brisant ist die Entscheidung vor dem Hintergrund des amerikanischen Wahlkampfs, da Krugman als kämpferischer Unterstützer der Demokraten auftritt. In den neunziger Jahren war Krugman kurzzeitig Berater von Bill Clinton; seit der Jahrtausendwende attackiert er mit zunehmender Heftigkeit die Republikaner Das ist ein extrem seltsamer Tag, aber seltsam in positivem Sinn“, zitierte ihn die New York Times“ nach Bekanntgabe der Preisverleihung.
Einer der wichtigsten jüngeren Außenhandelstheoretiker
Telefonisch der Stockholmer Pressekonferenz zugeschaltet, rang Krugman hörbar um Worte. Der Preis werde seine Ansichten noch bekannter machen, er werde aber nicht die Welt verändern. Zur gegenwärtigen Finanzkrise, die einige Ähnlichkeiten mit der Großen Depression“ habe, äußerte er sich vorsichtig optimistisch. Die abgestimmten politischen Maßnahmen der Regierungen könnten helfen, die Krise einzudämmen.
Krugman gilt als einer der wichtigsten jüngeren Außenhandelstheoretiker und ist Begründer der Neuen Ökonomischen Geographie. Diese geht über die klassische Handelstheorie hinaus, die seit David Ricardo wirtschaftlichen Austausch zwischen verschiedenen Ländern vor allem mit dem Ausnutzen von unterschiedlichen Standortstärken (komparativen Kostenvorteilen) erklärt.
Allerdings findet viel Handel auch zwischen relativ gleichartigen Volkswirtschaften statt. Krugman betont daher zwei andere Faktoren zur Erklärung von Handelsmustern: Kostenvorteile durch Massenproduktion (Skalenerträge) und unvollständigen Wettbewerb durch Produktdifferenzierung. Eine wichtige Rolle misst er zudem den Transportkosten bei.
Marktwirtschaftlicher Keynesianer“
Mit diesen Faktoren versucht Krugman zu erklären, warum sich in bestimmten Regionen wirtschaftliche Aktivitäten konzentrieren. Obwohl er ein prinzipieller Verfechter des Freihandels ist, kommt Krugman zu einer skeptischeren Sicht als die klassischen Ökonomen, die durch den Abbau von Handelsschranken stets für alle beteiligten Länder wirtschaftliche Vorteile und tendenziell eine Angleichung der Einkommen erwarten.
Freihandel sieht Krugman zwar nicht als Nullsummenspiel, bei dem die einen gewinnen, was die anderen verlieren. Grundsätzlich gebe es durch die Globalisierung steigenden Wohlstand in der Welt. Er sieht jedoch auch, dass dauerhafte Unterschiede im Einkommen bestehen bleiben können. Seine Außenhandelstheorie enthält auch Argumente für staatliche Interventionen und Industriepolitik. Er bezeichnet sich als marktwirtschaftlichen Keynesianer“.
Kurs über Geldtheorie und Geldpolitik
Geboren wurde Krugman 1953 in Albany im Bundesstaat New York. Sein Vater arbeitete als Versicherungskaufmann, der jüdische Großvater war aus Weißrussland eingewandert. Nach seinem Studium an der Universität Yale in New Haven promovierte er 1977 am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Bald darauf veröffentlichte er zwei Arbeiten, welche das Preiskomitee der Schwedischen Akademie der Wissenschaften hervorhob: 1979 der Aufsatz Increasing returns, monopolistic competition, and international trade“ im Journal of International Economics und 1980 Scale Economies, Product Differentiation, and the Pattern of Trade“ in der American Economic Review.
Von 1977 an lehrte Krugman mit einer kurzen Unterbrechung am MIT, im Jahr 2000 wechselte er an die Princeton Universität. Dort unterrichtet er zum Teil sehr kleine Klassen: Für seinen Kurs über Geldtheorie und Geldpolitik sind derzeit nur vier Postgraduierte eingeschrieben. Bekannt sind seine Lehrbücher Geography and Trade“ sowie Development, Geography, and Economic Theory“. Gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Robin Wells, die ebenfalls Professorin in Princeton ist, hat er 2005 das Lehrbuch Economics“ herausgebracht.
Alles besser als ein weiterer Republikaner im Weißen Haus
Neben seinem wirtschaftswissenschaftlichen Werk hat sich Krugman als Autor populärer Sachbücher und scharfer Kritiker der Regierung von George Bush hervorgetan. In seiner wöchentlichen Kolumne in der New York Times“ kritisiert er besonders die zunehmende ökonomische Ungleichheit in den Vereinigten Staaten. Sie sei Resultat einer von rechten Ökonomen und Thinktanks herbeigeführten Politik zugunsten der Reichen.
Notwendig sei mehr staatliche Umverteilung wie zu Zeiten des New Deal“ vor siebzig Jahren. Bei einer Lesereise für sein neuestes Buch Nach Bush“ ließ er durchblicken, dass er Hillary Clinton gegenüber Barack Obama als Präsidentschaftskandidatin bevorzugt hätte. Alles aber sei besser als ein weiterer Republikaner im Weißen Haus. Die Demokraten können sich über einen Nobelpreis für einen der Ihren freuen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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