Motivation

Der Superstar-Effekt in der Ökonomie

Von Jürgen Kalwa

13. April 2008 Wenn man wissen will, was Menschen anspornt, die einen Beruf ausüben, in dem die besten jedes Jahr mehr als ein Million Euro verdienen, kann man das über zwei Methoden herausfinden: Der Sozialwissenschaftler wird einen Fragebogen erarbeiten und damit möglichst viele kenntnisreiche Gesprächspartner ausforschen und anschließend die Gedanken aus den Antworten zu einer Theorie verarbeiten. Der Statistiker hingegen wirft den Computer an und kalkuliert das Netzwerk der vielen Parameter durch. Immer auf der Suche nach unentdeckten Zusammenhängen, die dem Menschen mit dem Fragebogen womöglich nie aufgefallen wären.

Zu der zweiten Kategorie gehört die Kanadierin Jennifer Brown, die im vergangenen Jahr an der Universität in Berkeley/Kalifornien eine erstaunliche und stark beachtete Untersuchung abgeschlossen hat. Darin zeigt sie einerseits auf, dass die besten Profigolfer der Welt nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv schlechter spielen, wenn sich Tiger Woods im Teilnehmerfeld befindet. Und zwar um fast einen Schlag in jeder Runde (der exakte Wert beträgt 0,8).

„Drückeberger siegen nie“

Brown ermittelte gleichzeitig den ihrer Meinung nach entscheidenden Grund für dieses erstaunliche Phänomen: Die Gegner des Weltranglistenersten sind immer dann, wenn er bei einem Turnier mitmacht, sehr viel weniger motiviert, weil sie kaum eine Chance sehen, beim Kampf um die Siegprämie und die Preisgelder für die vorderen Plätze viel zu gewinnen. Und so gab die Forscherin ihrer Untersuchung den provokativen Titel: "Quitters Never Win" - Drückeberger siegen nie.

Besonders interessant sind Browns Schlussfolgerungen dort, wo sie sich vom Golfplatz auf normale Wettbewerbssituationen in der Geschäftswelt übertragen lassen - zum Beispiel ganz konkret auf das System von Beförderungen. Also in jenem neuen Gebiet der Betriebswirtschaft, das mit dem Begriff Turnier-Theorie umrissen wird und wo man unter anderem eine Antwort auf die Frage sucht: Welche Beförderungsanreize sind sinnvoller? Und wie hilfreich sind enorme Lohnunterschiede zwischen einzelnen Hierarchiestufen?

Die Gegner resignieren

Turniertheoretiker kommen jedoch nicht unbedingt zu gleichen Ergebnissen. So war das Resultat einer Forschungsarbeit der beiden Bonner Betriebswirtschaftler Christian Grund und Christian Gürtler aus dem Fußball-Bundesliga-Alltag vor ein paar Jahren, dass die größere Risikobereitschaft und Lust an der Offensive - abgeleitet am Beispiel jenes Personals, das die Trainer im Laufe eines Spieles als Ersatz auf den Platz schicken - sich nicht auszahlt. Ihre Datenbasis? 306 Begegnungen mit 1682 Einwechslungen.

Jennifer Brown zog hingegen aus ihren Zahlen die Erkenntnis, dass die Konkurrenten von Woods erst gar nicht auf Risiko setzen, sondern gleich resignieren. Sie nennt das den Superstar-Effekt, der ganz offensichtlich etwas ganz anderes erreicht als gedacht und geplant: Er verleitet die Konkurrenz nicht etwa dazu, sich mehr anzustrengen, um dem überragenden Vertreter der Zunft seine Grenzen aufzuzeigen, sondern er führt dazu, dass sich die Gegner weniger anstrengen. Ganz entgegen jener amerikanischen Volksweisheit, dass Wettkampf- und Wettbewerbssituation definitionsgemäß die Teilnehmer animieren, mehr Leistung zu bringen. Die Berechnungen von Jennifer Brown stellen diesen Gedanken eindeutig in Frage: "Die Präsenz eines Superstars im Wettkampf kann zu reduzierten Anstrengungen der Teilnehmer führen", schreibt die Wissenschaftlerin.

Extrem gespreiztes Preisgeld-Tableau

Das Hauptfundament für ihre Interpretation dieser Verhaltenskultur liegt in dem extrem gespreizten Preisgeld-Tableau bei Golf-Turnieren; ähnlich wie die Führungsebene in amerikanischen Unternehmen werden die Top-Leute in der Turnierwertung mit enormen Ausschüttungen bedacht. Die hinteren Plätze hingegen werden allesamt vergleichsweise bescheiden entlohnt. Mit anderen Worten: Wer sich bei einem Golf-Event von Platz 70 auf Platz 40 vorarbeitet, erzielt damit nur sehr geringe Einnahmezuwächse.

Brown hatte sich die Daten von der PGA Tour von 363 Turnieren der Jahre 1999 bis 2006 besorgt und sich obendrein die Wertungen für jedes einzelne Loch zwischen 2002 und 2006 angeschaut. Beim Ausschüttungsszenario stellte Brown für diesen Zeitraum folgendes fest: Die 15 Höchstplazierten erhalten jeweils rund 70 Prozent des gesamten Preisgeldes. 18 Prozent vom Ganzen gingen an den Sieger, 10,8 Prozent an den Zweiten und 6,8 Prozent an den Dritten. Ein Spieler auf Platz 70 erhielt nur noch 0,2 Prozent.

Dominanz kann demotivieren

Wie stark Tiger Woods die Turniere dominiert, an denen er teilnimmt (im Jahr rund 20 von insgesamt 45 auf dem offiziellen Kalender), ist leicht zu dokumentieren: Er gewinnt im Schnitt jedes vierte und landet bei mehr als der Hälfte auf einem Platz unter den ersten zehn. Und das, obwohl er fast nur an Veranstaltungen der anspruchsvollen Kategorie teilnimmt - zum Beispiel an den vier Majors wie dem zurzeit in Augusta stattfindenden Masters.

Die statistischen Werte spiegeln im Detail eine kuriose Konstellation wider: So brauchen seine nach der Weltrangliste eingeordneten stärksten Konkurrenten sonntags auf der entscheidenden Runde 0,32 Schläge mehr, wenn Woods noch von einem der vorderen Plätze der Zwischenwertung aus um den Sieg kämpft, als wenn er nicht dabei ist. Wenn der 32 Jahre alte Weltranglisten-Erste einmal bei einem Turnier früh zurückfällt und nicht mehr gewinnen kann, liegt der Vergleichswert bei 0,06 Schlägen. Der Grad der Resignation der Konkurrenten ist demnach in solchen Situationen deutlich geringer.

Der wirtschaftliche Effekt für die schwächeren Spieler: Spielten sie mit Woods im Teilnehmerfeld genauso gut wie ohne ihn, dann verdiente der Spitzenspieler weit weniger. Browns Berechnungen besagen, dass Woods zwischen 1999 und 2006 auf der PGA Tour statt 48,1 Millionen Dollar nur 43,2 Millionen Dollar verdient hätte: "Woods hat geschätzte 4,9 Millionen Dollar mehr verdient, weil sich die anderen Golfer weniger angestrengt haben. So betrachtet ist der wirtschaftliche Aspekt des Superstar-Effekts substanziell."



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
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TecDax 730,55 -2,16
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S&P 500 Zert. 12,75 -0,39
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