Frankfurt Lions

Viel Zündstoff vor dem Showdown

Von Marc Heinrich

30. März 2008 Die Lions sind Überlebenskünstler. Schon zweimal brachte sie der „sudden Death“ in der Verlängerung um einen Play-off-Erfolg gegen die Iserlohn Roosters. In der Endrunde um die Eishockey-Meisterschaft lagen sie nach dem Osterwochenende scheinbar unaufholbar nach Siegen 1:3 zurück. Keine sieben Tage später können sie sich putzmunter auf das alles entscheidende siebte Viertelfinalspiel an diesem Sonntag am heimischen Ratsweg freuen. Nach dem 4:0-Auswärtstriumph (1:0, 3:0, 0:0) vom Freitag ist die aufregende Serie wieder ausgeglichen; jedes der beiden Teams hat vor dem Finale Furioso drei Partien gewonnen. Doch der Trend spricht für die Hessen.

Ihr Comeback und der jüngste Auftritt am Seilersee brachten selbst den Trainer des Gegners ins Schwärmen. „Das war eine großartige Leistung der Frankfurter“, erkannte Rick Adduono an, machte aber im gleichen Atemzug deutlich, dass auch er sich immer noch beste Chancen auf den Einzug ins Halbfinale ausrechnet, in dem bereits die Kölner Haie warten: „Wir wollen bei den Lions das machen, was uns schon einmal gelungen ist: gewinnen.“

„Sie haben verstanden, dass ich von ihnen mehr Leidenschaft erwarte“

Was freilich nicht ganz so einfach werden dürfte. Die Spieler seines Kollegen Rich Chernomaz wirken im Moment eine Spur spritziger, kampfbereiter und willensstärker; es scheint fast so, als bewahrheite sich auf den letzten Drücker Chernomaz' Prognose, der früh im kleineren Kader der Sauerländer einen Vorteil für seine Leute sah.

Mit den Torschützen Derek Hahn (2. Minute), Jay Henderson (29.), Ilja Worobjew (33.) und Jeff Ulmer (38.) trafen in Iserlohn ausgerechnet vier Cracks, die - Worobjew ausgenommen - zuletzt alles andere als Topform gezeigt hatten. „Sie haben verstanden, dass ich von ihnen mehr Leidenschaft erwarte“, sagte Chernomaz, der mit jedem seiner Sorgenkinder vor der Abreise noch Einzelgespräche geführt hatte.

Überraschte muskulöse Aufpasser

Es war eine Partie, die lange nachwirkte und die Gemüter auch weit nach dem Erklingen der Schlusssirene noch erhitzte. Gerd Schröder, der Klubeigentümer der Lions, hatte seine Mannschaft in Iserlohn von sieben angeheuerten Bodyguards auf der Auswechselbank beschützen lassen, um zu verhindern, dass die Profis - wie bei den Begegnungen zuvor geschehen - bespuckt und mit Gegenständen beworfen wurden.

Doch auch die muskulösen Aufpasser schienen überrascht, als sich nach dem Spielende beim Abgang beider Teams in die Kabinen eine Schlägerei entwickelte, in deren Mittelpunkt ausgerechnet Chernomaz stand. Der wie üblich im Anzug gekleidete Coach war zum wiederholten Male in diesen Play-offs verbal mit dem Iserlohner Bob Wren aneinandergeraten; als der hitzköpfige Stürmer der Roosters diesmal mit dem Handschuh nach Chernomaz schlug, revanchierte dieser sich mit einem Schubser und ließ seinen Landsmann wissen, dass er sich nur schnell umziehen werde, damit man die Angelegenheit „draußen vor der Tür wie Männer regeln“ könne.

Jagdszenen beim Abmarsch aus der Halle

Diese Äußerung erhitzte Wren und manchen seiner frustrierten Mitstreiter noch mehr. Fast der gesamte Iserlohner Kader wollte daraufhin Chernomaz an den Kragen. Die Mannschaft der Lions war zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg in die Umkleide, doch als sie mitbekam, dass ihr Chef in Schwierigkeiten steckte, machte der Tross kehrt, bereit, die Angelegenheit mit Fäusten zu regeln. Den diesmal in wesentlich größerer Zahl anwesenden Ordnern und den Lions-Leibwächtern gelang es nur mit größter Mühe, die Streithähne zu trennen; Chernomaz wurde fortan bei all seinen Wegen durch das Stadion von zwei Personenschützern begleitet. „Das habe ich noch nie erlebt“, sagte der Kanadier, der später einräumte, „dass es wohl besser gewesen wäre, wenn ich meine Emotionen ein wenig mehr im Griff gehabt hätte“.

So viel Fürsorge wie dem Trainer wurde einigen Anhängern der Löwen nicht zuteil. Bei ihrem Abmarsch aus der Halle spielten sich kurz darauf Jagdszenen ab, die selbst in deutschen Fußballstadien nur noch selten vorkommen. Eine Gruppe dunkel gekleideter und mit Schals vor dem Gesicht vermummter Iserlohner „Fans“ stürmte den Block der Lions-Sympathisanten und schlug auf Männer und Frauen ein; mehrere Verletzte mussten von Polizisten in Sicherheit gebracht werden, damit sie von Rettungskräften versorgt werden konnten. Die Frankfurter kündigten an, die Vorfälle von der Deutschen Eishockey Liga untersuchen zu lassen.

Für Zündstoff ist beim heutigen Showdown (14.30 Uhr, im Internetticker im FAZ.NET-Liveticker) also auf jeden Fall gesorgt. Chernomaz warnte davor, vor eigenem Publikum an einen Selbstläufer zu glauben. Bestenfalls „fifty-fifty“ stünden die Aussichten auf ein Weiterkommen, „denn angeschlagene Gegner sind die gefährlichsten“. Dass an dieser alten These etwas Wahres dran ist, bewiesen nicht zuletzt die Lions.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

 
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