Streit mit Kanadas Bombenkriegern

16. Januar 2008 Billy Pilgrim weinte häufig, schlief schlecht, sprach mit Außerirdischen. Als amerikanischer Kriegsgefangener hatte er die alliierte Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erlebt. Darüber war er verrückt geworden. Billy ist der Protagonist in Kurt Vonneguts legendärem Roman "Schlachthof 5" und das literarische Alter Ego seines Schöpfers. Vonnegut hatte selbst das Inferno in einem Schlachthofkeller überlebt. Die "verbrühten Körper in Dresden" vergaß er nie wieder.

Kanadische Veteranen hätten dem im vergangenen Frühjahr verstorbenen Vonnegut genügend Stoff für weitere Satiren liefern können. Ob sich die Royal Canadian Air Force (RCAF) mit Männern vom Schlage Billys Pilgrims herumplagt, dürften wir allerdings kaum je erfahren. Die RCAF setzt in Gestalt zahlreicher Veteranenverbände mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende weiter auf Heldenmythen. 67 Worte oder drei Sätze, in den kanadischen Medien die vielleicht meistzitierten der vergangenen zwei Jahre, versetzten an erster Stelle die Royal Canadian Legion in patriotische Rage.

"Eine andauernde Kontroverse" lautete die Überschrift einer Texttafel, die sich bis vor kurzem im Canadian War Museum (CWM) der Hauptstadt Ottawa befand. Sie gehörte zu einer Abteilung, die die Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs publikumswirksam inszenierte. Gegen die keineswegs prominent plazierte Tafel begannen die Veteranen bereits kurz nach der Eröffnung des Museums am 8. Mai 2005 Sturm zu laufen. Die begleitende öffentliche Geschichtsdebatte stand dem hierzulande durch Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" ausgelösten Streit an Heftigkeit kaum nach.

An der Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs war auch die RCAF als Teil der Commonwealth-Streitmacht beteiligt. Kommandierender Befehlshaber des Bomber Command war seit 1942 der berühmt-berüchtigte Sir Arthur Harris, auch "Bomber Harris" genannt. Er perfektionierte das Konzept des area bombing, von der Texttafel des Museums nach Meinung ihrer Kritiker allerdings falsch dargestellt. "Erfolg wie moralische Berechtigung der Angriffe", hieß es darauf, "bleiben stark umstritten. Ziel des Bomber Command war es, die Moral der Zivilbevölkerung zu erschüttern und Deutschland durch die Zerstörung seiner Städte wie Industrieanlagen zur Kapitulation zu zwingen. Obwohl das Bomber Command wie auch amerikanische Angriffe 600 000 deutsche Ziviltote und mehr als fünf Millionen Obdachlose hinterließen, führten die Angriffe nur zu geringfügigen deutschen Produktionsrückgängen am Ende des Krieges."

Für den National Council of Veterans Association, den Dachverband der Kriegsteilnehmer, bedeuteten diese Sätze den Casus Belli. Allein zu erwähnen, dass in Kanada seit Kriegsende kontrovers über das area bombing diskutiert wurde, war kaum erträglich. Rundweg bestritten wurde, die Bombardierungen hätten kaum strategischen Nutzen erbracht. Durch eine Fotografie, die Leichen aufgereiht am Straßenrand einer zerbombten deutschen Stadt zeigte, sahen sich die Veteranen als "Kriegsverbrecher" angeprangert. Ihre Forderung nach mehr Respekt zielte auf eine "substanzielle Änderung" der Texttafel. Tatsächlich fügte das Museum schriftliche Informationen hinzu, hielt aber an den 67 Wörtern mit der Begründung fest, die historische Darstellung sei zweifelsfrei. Daraufhin entschlossen sich die Veteranen zum Boykott des Museums.

Die Macht der Kriegsveteranen

In einem Land wie Kanada, das sich zu den Siegernationen des Zweiten Weltkriegs zählen darf, repräsentieren Veteranenverbände ein starkes soziales wie nationales Gewicht. Allein die Royal Canadian Legion zählt vierhunderttausend Mitglieder, vertreibt die einflussreiche Zeitschrift "Legion Magazine" und unterhält Büros in allen größeren Städten. Mit Jugend- und Familienprogrammen kümmert sie sich auch um die Nachkommen der Veteranen. Die Royal Canadian Legion ist eine Erinnerungsgemeinschaft par excellence. "Keeping the memory alive" - die Pflege einer beide Weltkriege umfassenden, an Großbritannien orientierten Erinnerungskultur ist ihre Hauptaufgabe.

Welche Macht die kanadischen Veteranenverbände besitzen, zeigte sich, als die Museumsaffäre im Frühjahr 2006 vor einem Parlamentsausschuss verhandelt wurde. Schon zuvor hatte Victor Rabinovitch, Präsident des Canadian Museum of Civilization, zu dem das CWM gehört, vier Historiker gebeten, die 67 Wörter zu evaluieren. Das Votum war mit einem Patt ausgegangen. Aber selbst die beiden Unausgewogenheit konstatierenden Historiker gaben zu, dass es in Kanada seit Jahrzehnten sehr wohl "eine andauernde Kontroverse" über Effektivität, Legitimität wie Moralität der Luftangriffe auf deutsche Städte gebe. Die 67 Wörter hielten sie zwar für parteiisch, die "erwähnten Fakten" aber für "wahr".

Ende August kapitulierte das Museum. Der Parlamentsausschuss hatte empfohlen, die Texttafel zu revidieren. Dass es weiterhin eine "Kontroverse" gebe, war das einzige Zugeständnis der Veteranen. Ansonsten erwartete das Standing Senate Committee on National Security and Defense, alles zu vermeiden, was die Veteranen beleidigen könne. Mit 203 Wörtern ist der "angepasste" Wortlaut drei Mal länger als zuvor. Unter der Überschrift "The bombing campaign" steht, ohne die Opfer auf beiden Seiten zu verschweigen, der Erfolg der Bombardements und deren Beitrag zum alliierten Sieg im Vordergrund.

Ein Museum ist kein Denkmal

Wie gespenstisch die Debatte auch anmutet, der Sieg der Veteranen ist ein symptomatischer Triumph der Erinnerung über die Geschichte. Die Kompromisslosigkeit, mit der sich der perspektivische Charakter eines Gruppengedächtnisses gegen alle historiographischen Einwände stemmt, zeigt, welche Bedeutungsverluste Zeitzeugenschaften mittlerweile hinnehmen müssen. Das von den Fliegern repräsentierte heroisch-patriotische Narrativ der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg schmilzt nach mehr als sechzig Jahren dahin wie kanadischer Schnee in der Frühlingssonne.

Mit dem CWM hat sich die kanadische Militärhistoriographie einen Bärendienst erwiesen. Bereits in der Eingangshalle des megalomanisch anmutenden Baues mit seinen 40 000 Quadratmetern Grundfläche dröhnt patriotisches Pathos. Und an jedem 11. November, dem Tag des Waffenstillstandes 1918, fällt bei klarem Himmel um elf Uhr vormittags in der Memorial Hall ein Lichtstrahl durch ein Fenster auf das Grabmal des Unbekannten Soldaten. Während der Debatte erinnerte Dean Oliver, verantwortlicher Forschungsdirektor am CWM, seine Gegner daran, es könne nicht Aufgabe des Museums sein, einzig Erinnerungsstücke ehemaliger Kriegsteilnehmer zu sammeln. Die aus Toronto gebürtige Historikerin Margaret MacMillan, Warden des St Antony's College, Oxford, und Urenkelin von David Lloyd George, dem britischen Kriegspremier im Ersten Weltkrieg, brachte die Absicht der Veteranen, Exponate in Reliquien zu verwandeln, auf den Begriff. "Ein Museum", sagte sie der Tageszeitung "The Globe and Mail", "ist kein Kriegerdenkmal." Einem als Weiheort missverstandenen Museum müssen Fragen nach der Moralität bestimmter Formen der Kriegsführung notgedrungen lästig sein. Das CWM soll Sperrriegel sein gegen die unaufhaltbare Verwandlung des kommunikativen in ein kulturelles Gedächtnis. Armee und Verteidigungsministerium leisten Schützenhilfe.

Einer der schärfsten Kritiker der Veteranenlobby ist Randall Hansen. Der Siebenunddreißigjährige, Professor für Politikwissenschaften in Toronto, trat als Experte im Parlamentsausschuss auf und hatte mehrfach in die laufende Debatte eingegriffen. Die "Anpassung" der Texttafel deutete er kürzlich in einem Interview als Resultat politischen Drucks. Natürlich dürfe jeder Arthur Harris' area bombing durch die Kriegsumstände rechtfertigen. Fakten jedoch wie die Veteranen zu leugnen, das sei "absolut stalinistisch, das ist Orwell".

Hansen ist Verfasser des Buches "Fire and Fury: The Allied Bombing of Germany 1942-1945". In diesem Jahr wird es in Kanada erscheinen, eine deutsche Übersetzung soll folgen. Hansens Buch ist eine Abrechnung mit der britischen Luftkriegsstrategie. Die militärische Nutzlosigkeit des area bombing sei spätestens, so das Argument, 1944 deutlich geworden. Die deutsche Kriegswirtschaft nachhaltig geschädigt hätten vor allem die Präzisionsbombardements der Luftwaffe der Vereinigten Staaten. Wenn es aber richtig sei, so Hansen, dass Harris deutsche Städte mutwillig zerstört habe, ohne daraus militärische Vorteile zu ziehen, dann handele es sich um Kriegsverbrechen.

Starke Thesen wie diese werden die kanadische Geschichtsdebatte erneut anheizen, dürften aber auch in Deutschland Gehör finden. Dass der Sieg einer demokratischen Nation schmutzigen Lorbeer tragen könne, betrachtet das offizielle Kanada als unpatriotische Netzbeschmutzung. Zu behaupten, auch Deutsche seien Opfer gewesen, gilt hierzulande vielfach als geschichtsrelativierende Viktimisierung. In die üblichen geschichtspolitischen Schemata passt Hansen allerdings nicht. Die Darstellung von Jörg Friedrich lehnt er ab, er hält sie für "pazifistisch und unhistorisch". Aber auch die Rechtfertigung des area bombing im Dienste einer höheren moralischen Autorität weist er zurück.

An der Universität von Toronto begann soeben ein Forschungsprojekt mit dem Titel "Für eine Theorie der Leiden: Deutsche Opfer und Opfer Deutschlands". Hansens Beitrag kritisiert die Gleichsetzung von Relativierung und deutschem Interesse an Vertreibung, Vergewaltigung sowie Bombenkrieg. Sein Hauptanliegen dabei ist, Standards zu entwickeln, mit denen sich Relativierung kategorisieren lässt. So it goes, ließe sich mit Kurt Vonneguts "Slaughterhouse Five" anfügen.



Buchtitel: Fire and Fury: The Allied Bombing of Germany 1942-1945
Buchautor: Hansen, Randall

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2008, Nr. 13 / Seite N3

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche