Fast 1000 Verletzte bei G-8-Protesten

Veranstalter geben Fehler zu

Rostock kurz nach den Ausschreitungen

Rostock kurz nach den Ausschreitungen

03. Juni 2007 Bei den Straßenschlachten am Samstag in Rostock sind nach Angaben von Polizei und Veranstaltern der Demonstration knapp 1000 Menschen verletzt worden. Mindestens 520 G-8-Gegner hätten Verletzungen erlitten, 20 von ihnen schwere, sagte Mani Stenner von der Demonstrationsleitung am Sonntagmorgen. Die Polizei sprach von 433 verletzten Beamten, davon 33 mit schweren Verletzungen. Zur Zahl der Festnahmen gab es unterschiedliche Angaben: Die Polizei erklärte, 125 G-8-Gegner seien festgesetzt worden.

Eine Sprecherin des anwaltlichen Notdienstes für die Demonstration sagte dagegen, es habe mindestens 165 Festnahmen gegeben. Die Polizei habe unverhältnismäßig viel Gewalt angewandt, kritisierte sie (siehe dazu die Umfrage: ). Die Veranstalter der Demonstration räumten aber Fehler ein. „Wir haben versäumt, Vorkehrungen zu treffen“, sagte Stenner. Angesichts des lange Zeit friedlichen Verlaufs des Protestes sei man zu früh davon ausgegangen, dass nichts mehr passieren würde. Zur Demo-Leitung hätten auch Linksradikale gehört; Absprachen, dass es keine Gewalt geben dürfe, seien nicht eingehalten worden. Die Situation sei viel zu lange außer Kontrolle gewesen, gab Stenner zu, dennoch sei das gemeinsame Deeskalationskonzept mit der Polizei der richtige Weg.

In der Hansestadt haben die Aufräumarbeiten begonnen. Die Kommune hofft, schon die gröbsten Schäden an den Gehwegen reparieren zu können. Autonome hatten am Samstag quadratmeterweise Platten aus den Gehwegen gerissen, um sie als Wurfgeschosse zu verwenden.

Ausschreitungen begannen am Nachmittag

Bis gegen 15 Uhr am Samstagnachmittag war die Demonstration in Rostock friedlich geblieben, dann flogen die Steine. Auf der Straße „Am Strande“, praktisch schon am Ziel des Zuges, regneten plötzlich Wurfgeschosse auf die Sicherheitskräfte nieder. In kurzer Zeit war die Straße übersät mit Steinen, Scherben, Holzknüppeln. Molotow-Cocktails flogen. Auslöser der Gewalt war laut den Veranstaltern ein einzelner Polizeiwagen, der auf dem Demonstrationsgelände geparkt gewesen sein und den Ärger einiger Fanatiker erregt haben soll.

Die Polizei stürmte mehrmals weit in die Menschenmenge hinein, schleppte einzelne Personen heraus, während der hintere Teil der Demonstration noch auf den Platz nachdrängte. Am späten Nachmittag brannte ein Auto, die Krawallmacher errichteten Barrikaden. Schwarzer Rauch zog durch die Straßen. Eine Polizeisprecher: „Die Autonomen schlagen alles kurz und klein, was sich ihnen in den Weg stellt.“

Größtenteils friedliche Proteste

Die Gewalt sei von einer Gruppe militanter Autonomer ausgegangen, bis zu 3000 gewaltbereite Demonstranten waren den Angaben zufolge insgesamt unter den laut Polizei 25.000 und laut Veranstalter 80.000 Demonstranten. Mit den Einsätzen wurde das Bild der Veranstaltung in kürzester Zeit völlig gedreht: Denn der größte Teil der Veranstaltung war zuvor friedlich verlaufen.

In zwei Demonstrationszügen hatten sich die Globalisierungsgegner aufgereiht: Eine Hälfte am Bahnhof, die andere am Schutower Kreuz an der Autobahn. Bus um Bus lieferte dort Demonstranten an. Aus Hamburg, Berlin, Neuss und anderen Städten waren sie in der Nacht aufgebrochen, Mitglieder von Attac, der Grünen, der Linkspartei/PDS, von Greenpeace, den Jusos, Öko-Bauern, Amnesty International, Atomkraftgegner, IG Metaller.

„Gipfel“ hinter dem Bahnhof

Gar aus London war Phil Thornhill gekommen: „Die Vereinigten Staaten verbünden sich gerade gegen den Klimaschutz mit Indien und China. Dagegen müssen wir etwas tun“, sagte er, während er Flugblätter verteilte. Ganz andere Motive trieben Kay Stenzel aus Bautzen nach Rostock: „Die G-8-Länder wollen den ärmeren Ländern ihren Willen aufzwingen“, sagte er und schwenkt seine rote Fahne. Um drei Uhr in der Nacht war er mit seinen Freunden in einem Ford Transit aufgebrochen.

Unterdessen hatten sich die Führer der acht wichtigsten Industrienationen, die sich kommende Woche in Heiligendamm treffen werden, schon einmal am Hintereingang des Rostocker Bahnhofs eingefunden, um mit einem Afrikaner zu Pokern, wobei der immer die schlechten Karten bekam. Natürlich handelte es sich um Träger von Riesenköpfen aus Pappmaschee, nur der Afrikaner war echt. „Die Welt kann nicht warten“, schrieb die Organisation Oxfam dazu auf ein Plakat. Ein paar Schritte weiter fuhren die acht Könige auf, die „G 8 Kings on tour“, gekleidet in Purpur und mit goldener Krone, gestützt auf die Figuren abgemagerter Kinder. Dänische Globalisierungsgegner waren mit dieser Idee nach Rostock gekommen.

Phantasievolle Aktionen

Solche und viele andere phantasievolle Aktionen gab es überall auf der Demonstration in Rostock. Der Zug war meist bunt und gut gelaunt - trotz des bewölkten Himmels und des leichten Regens. Immer wieder waren kleine Straßentheatereinlagen zu sehen, spielten Musikgruppen. Pünktlich um 13 Uhr setzten sich die beiden Demonstrationszüge in Bewegung, der eine vom Bahnhof, der andere von der Schutower Straßenkreuzung. Mit den nach optimistischen Schätzungen 30.000 Menschen kamen deutlich weniger als von den Organisatoren erwartet. Zu den Ausschreitungen kam es am Rande der Abschlusskundgebung im Rostocker Stadtzentrum, die mit einem Rockspektakel irgendwann in den späten Abendstunden ausklingen soll.

Mit dabei im Zug waren mehrere Dutzend Organisatoren, von der Linkspartei über einige Gewerkschaften bis hin zur türkischen Arbeiterpartei, „Terre des hommes“, Attac, das Netzwerk „Freies Wissen“, der „Interventionistischen Linken“, dem Verein der Kriegsgegner und sogar einem Verein gegen Zwangspsychiatrie. Auch der „Schwarze Block“ war unterwegs und forderte „Solidarität und Klassenkampf“. Eine Vielzahl der Rostocker Geschäfte war mit Holzbrettern vernagelt. Gaststätten hingegen versuchten, auch an der Straße zu bedienen - genutzt wurde das kaum.

NPD demonstrierte in Berlin

Insgesamt waren etwa achtzig Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem G-8-Gipfel in Mecklenburg-Vorpommern an diesem Wochenende geplant. Verboten blieben der Aufmarsch der NPD in Schwerin und die Gegendemonstrationen. Für einen Moment gab es in Rostock Verwirrung, als es hieß, die NPD-Anhänger seien auf dem Weg zur Großdemonstration. Die Polizei indes versicherte, die Busse aus Schwerin würden das Stadtzentrum von Rostock nicht erreichen.

Die Anhänger der Partei verlegten ihren Protest gegen das Verbot der eigenen Demonstration daher in andere Städte. In Berlin zogen nach Angaben der Polizei etwa 100 Neonazis unangemeldet durch das Brandenburger Tor, ohne dass Beamte sie daran hindern konnten. Erst mit Verstärkung brachten die Sicherheitskräfte die Lage unter Kontrolle. Insgesamt 13 Rechtsextreme wurden festgenommen.

Bunte Kostüme auf dem „Bombodrom“

Der Protest gegen den Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm hatte schon am Freitag auf heitere Weise begonnen. Auf den Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide, den seine Gegner nach der alten russischen Bezeichnung „Bombodrom“ nennen, kamen schon am Freitag die Demonstranten in bunten Kostümen und malten einen Wachturm in ebenso bunten Farben an. Die Bundeswehr gab zwar Hinweiszettel aus, dass hier militärisches Gebiet sei, unternahm aber nichts weiter. Einige Demonstranten wollen sogar auf dem Gelände in pinkfarbenen Zelten übernachten und am nächsten Morgen nach Rostock zur Großdemonstration weiterfahren. Jedenfalls lief alles friedlich ab.

Originell auch war es, als Mitglieder der Bundesverbandes Windenergie unübersehbar an einer Windkraftanlage am Autobahnkreuz Rostock ein 35 Meter langes Banner mit der Aufschrift: „Save the climate now“ anbrachten. In Rostock tobte derweil auf dem Platz für die Kundgebung im alten Stadthafen schon mal probehalber ein Rockkonzert - vor etwa zwanzig Leuten. Mehr Publikum durften am Samstagabend prominente Bands wie „Juli“ und „Wir sind Helden“ erwarten.

„Stop talking, act now“

Am Warnowufer hatten die Boote verschiedener Globalisierungsgegner angelegt. Greenpeace ist dabei mit einem Transparent „Stop talking, act now“, aber auch die „G 8 Kings on tour“ mit dem Transparent „Never mind the poor“. Tatsächlich hatten sich acht Globalisierungsgegner ein Königskostüm angelegt. Auf dem Motorschiff „Stubnitz“ lud ein vegetarisches Restaurant ein. Das ZDF hatte das „Warnowschiff“ gemietet und oben auf Deck ein Freiluftstudio eingerichtet. Verschiedene Vereine und Verbände hatten bereits ihre Informationsstände aufgebaut.

Text: F.P./F.A.Z. / FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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